VonPatrick Freiwahschließen
Daten belegen: Fast jeder zweite Audi landet bei Flottenkunden – gut für den Absatz, schlecht für die Marge. Das Modellangebot wird derweil ausgedünnt.
Ingolstadt/München - Masse statt Marge, Rückschritt statt Wachstum: Während Audi sich lange als innovativer Premiumhersteller mit klarer Elektromission positionierte, zeigt sich nun ein anderes Bild.
Exklusiv veröffentlichte Marktzahlen offenbaren, dass ein großer Teil der Verkäufe nicht an gut zahlende Privatkunden geht – sondern an margenschwache Abnehmer wie Autovermietungen und Behörden.
Parallel dazu rückt die VW-Tochter von ihrer einst groß angekündigten Elektrifizierungs-Strategie ab. Aus diesem Mix resultieren beim erfolgsverwöhnten Autobauer sinkende Gewinne und eine unklare Zukunftsstrategie.
Audi-Absatz: Fast jedes zweite Modell landet bei Flottenkunden
Laut Daten der Marktforschungsfirma Dataforce, die dem Handelsblatt vorliegen, wurden im Jahr 2024 über 47 Prozent aller in Deutschland verkauften Audi-Fahrzeuge nicht an Privatkunden ausgeliefert, sondern landeten bei Autovermietern, Behörden oder als sogenannte „künstliche Zulassungen“ in Autohäusern. Sieben Jahre vorher habe dieser Anteil noch unter 40 Prozent gelegen.
Auch die deutschen Premiumrivalen werden herangezogen: Bei BMW betrage der Anteil dieser renditeschwachen Vertriebswege etwa ein Drittel, bei Mercedes lediglich ein Viertel. Vor allem Autovermieter kaufen nur dann in großen Stückzahlen, wenn sie deutliche Rabatte erhalten – ein Geschäft, das sich für Hersteller kaum rechnet.
Ein Absatzkanal bringt Premiummarken Stückzahlen, aber keine Gewinne
Brancheninsider sprechen dem Bericht zufolge vom „orangen Kanal“, wenn große Vermietungs- oder Carsharing-Firmen wie Sixt oder Miles gemeint sind. „Diese Kanäle sind nachlassgetrieben, aber stückzahlträchtig“, wird Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft zitiert. „Wer Volumen benötigt, öffnet diese Ventile.“
Bei Audi sei diese Praxis besonders auffällig: Seit 2017 ist die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge an Vermieter von 27.000 auf 41.000 gestiegen – obwohl der Gesamtmarkt in diesem Bereich schrumpfte.
Privatkundenanteil bei Audi eingebrochen – ein Viertel Eigenzulassungen
Besonders bedenklich für die Ingolstädter: Der Anteil der Privatkundschaft am Gesamtabsatz ist bei Audi inzwischen offenbar auf nur noch 18 Prozent gefallen. 2024 lieferte das Unternehmen in Deutschland demnach 37.000 Neuwagen an private Halterinnen und Halter aus – fast die Hälfte weniger als noch 2017. Einer der potenziellen Gründe: In den vergangenen Jahren sind auch die Preise für Neuwagen immer weiter gestiegen.
Gleichzeitig entfallen rund 25 Prozent der Verkäufe auf sogenannte Eigenzulassungen der Händler, was kurzfristig den Absatz steigert, langfristig aber keine nachhaltige Nachfrage abbildet. Denn es handelt sich um eine Maßnahme, um den Einbruch bei den Privat-Pkw und im Flottengeschäft abzufedern. Auch Modelle, die Hersteller ihren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen, sind hierbei inbegriffen.
Überkapazitäten und Rückbau: Audis Werksstruktur unter Druck
Dabei war das Ziel einst deutlich ambitionierter: Ab 2020 wollte Audi mehr als zwei Millionen Fahrzeuge pro Jahr verkaufen – Ex-CEO Markus Duesmann sprach sogar von drei Millionen Einheiten jährlich. Die Werke wurden entsprechend ausgebaut.
Längst werden die Kapazitäten wieder zurückgefahren: Im Stammwerk Ingolstadt wurden 2024 nur 337.000 Fahrzeuge produziert – bei einer möglichen Kapazität von 450.000. In Neckarsulm lag die Auslastung sogar noch darunter: 135.300 Fahrzeuge liefen vom Band, obwohl 225.000 möglich wären. Das Audi-Werk in Brüssel fiel der Entwicklung bereits zum Opfer und milliardenschwere Personalkürzungen sind geplant.
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E-Strategie auf dem Prüfstand – neue Modelle sollen Wende bringen
Um wieder mehr Privatkunden zu gewinnen, setzt Audi auch auf neue Modellgenerationen: Nach Verzögerungen sollen der vollelektrische Q6 e-tron, der neue A6 und vor allem der beliebte Q3 helfen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Letzterer wurde gerade erst in dritter Generation vorgestellt und gilt als Hoffnungsträger im Volumensegment.
Auch strategisch stellte Audi vieles infrage: Der Plan, ab 2026 nur noch neue E-Autos auf den Markt zu bringen und die Produktion von Verbrennern bis 2033 zu beenden, gilt nicht mehr. CEO Gernot Döllner bestätigte gegenüber dem Magazin Autocar, dass Verbrenner nun „über die in der Vergangenheit kommunizierten Enddaten hinaus“ gebaut werden – womöglich bis 2035 oder länger.
Zugleich werde die Modellpalette gestrafft: A1 und Q2 werden den Angaben zufolge nicht neu aufgelegt, A3 und Q3 bilden künftig den Einstieg. Oben schließen Q7, Q8 und ein möglicher Q9 das SUV-Segment ab. (PF)
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