Merkur-Kommentar

Ausland staunt über die Deutschen: Keine Lust mehr auf Arbeit?

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Ob im klimatisierten Büro oder am kochenden Hochofen im Stahlwerk: Den Deutschen scheint die Lust an der Arbeit zu vergehen. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.
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Immer weniger Arbeitsstunden pro Woche und die Zahl der Krankmeldungen steigt deutlich. Geht den Deutschen ihre berühmte Arbeitsmoral verloren? Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

Ausgerechnet zum Tag der Arbeit am 1. Mai verdirbt der US-Wirtschaftsdienst Bloomberg den Bundesbürgern die Feierlaune. „Haben die Deutschen ihre berühmte Arbeitsmoral vergessen?“, fragen uns die Amerikaner – und fuchteln streng mit ihren Statistiken herum. Ihr Ergebnis: „Gemessen an der Arbeitszeit pro Arbeitnehmer sind die Deutschen die am wenigsten fleißigen aller OECD-Länder.“ Die Zahl der durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden fiel seit 1991 um 3,8 auf nur noch 34,7 Stunden. Führend sind wir dagegen beim Krankenstand. Der hat sich seit 2008 fast verdoppelt. Experten berichten gerade bei der jungen „Generation Z“ von einer rätselhaften Zunahme von Fehltagen infolge psychischer Erkrankungen.

Reicht nicht, in Sonntagsreden den Verfall des Werts der Arbeit zu beklagen

Abhandlungen über veränderte Einstellungen besonders jüngerer Menschen, die oft wohlbehütet in gut situierten Elternhäusern groß wurden, weniger belastbar sind und nicht mehr den Aufstiegshunger der Wirtschaftswundergeneration spüren, füllen inzwischen Bücher. Manche nennen sie die „Peter-Pan-Generation“, die wie jener nie erwachsen wird, sondern die Work-Life-Balance in vollen Zügen genießen will und durch eine beachtliche Anspruchshaltung auffällt. Doch sind es nicht nur die Jungen, deren Verhältnis zur Arbeit sich gewandelt hat. Dass Arbeit nicht mehr als erfüllender Lebensinhalt, sondern nur noch als notwendiges Übel wahrgenommen wird, ist quer durch die Gesellschaft festzustellen. Um die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn durchzusetzen, hat die Lokführergewerkschaft GDL gerade das Land wochenlang lahmgelegt.

Es wäre zu einfach, dem Sozialstaat die Schuld an diesem Wertewandel zuzuschieben, doch hat er die Entwicklung noch verstärkt. Zum individuellen Wunsch, weniger Zeit mit Arbeit zu verbringen, gesellen sich Überalterung und Fachkräftemangel. Leider hat es nicht den Anschein, dass die Politik das Problem in seiner ganzen Dramatik – etwa für die Sicherung der Renten – erfasst hat. Sonst würde sie nicht hinnehmen, dass hunderttausende erwerbsfähige, oft junge Menschen das Bürgergeld mit einem bedingungslosen Grundeinkommen verwechseln. Der Staat kann Leistungsbereitschaft fördern, indem er sie wieder stärker belohnt. Es darf nicht sein, dass der Sozialstaat die Einkommen so stark staucht, dass einem, der sich anstrengt, am Ende kaum mehr auf dem Konto bleibt als einem, der die Solidargemeinschaft anzapft und noch etwas schwarz dazu verdient. Ansatzpunkte gibt es viele: etwa die Rücknahme heimlicher Steuererhöhungen durch den Abbau der „kalten Progression“. Oder die Steuerbefreiung für Überstunden. Oder, ja, Kürzungen für Bürgergeldbezieher, die zumutbare Arbeit ablehnen.

Es reicht nicht, in Sonntagsreden den Verfall des Werts der Arbeit zu beklagen. Die Politik kann mithelfen, dass Fleiß zumindest monetär wieder mehr gewertschätzt wird. Und die Betriebe können durch flexiblere Arbeitszeitmodelle dazu beizutragen, dass Menschen noch mehr Freude an ihrer Arbeit verspüren.

Georg Anastasiadis

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