VonAmy Walkerschließen
Mit einer Großdemo in Berlin geht die Aktionswoche der Landwirte vorerst zu Ende. Zurück bleibt bei vielen ein Fragezeichen: Haben die Bauern mit ihrem Ärger recht?
Berlin – Eine Woche lange haben die deutschen Bauern und Bäuerinnen bundesweit demonstriert. Losgetreten wurden die Proteste durch die geplanten Subventionskürzungen der Ampel-Koalition – insbesondere die Streichung der Agrardiesel-Subvention. Doch schon lange geht es nicht mehr nur darum. In der Landwirtschaft brodelt es schon lange, die jüngsten Maßnahmen haben das Fass zum Überlaufen gebracht.
Doch womit haben die Bauern denn eigentlich recht? Geht es ihnen finanziell wirklich so schlecht, wie sie sagen? Hier geben wir einen Überblick über die echten Sorgen und Probleme in der Landwirtschaft.
Landwirte machen 2023 mehr Gewinn - aber nicht alle
Der Deutsche Bauernverband hat mit Blick auf die geplante Abschaffung von Steuerbegünstigungen erneut vor negativen Folgen für die Landwirtschaft gewarnt. Dies könne zu einer „deutlichen Verschärfung des Strukturwandels“ führen, heißt es in einer Stellungnahme des Bauernverbandes zu einer Anhörung am Montag (15. Januar) im Finanzausschuss des Bundestags. Insbesondere die Hofnachfolge im Rahmen des Generationswechsels werde zunehmend gefährdet, da sich die Planungssicherheit im Hinblick auf die Einkommenssituation der Landwirtinnen und Landwirte weiter deutlich verschlechtere, warnt der Verband. Laut Bundesregierung bedeutet der Wegfall der Steuerbegünstigungen im Schnitt Mehrkosten von etwa 3000 Euro im Jahr pro Betrieb.
Zudem haben die Landwirte im vergangenen Jahr Rekordgewinne eingefahren. Im Schnitt verdiente ein landwirtschaftlicher Betrieb im Jahr 2022/23 satte 115.000 Euro. Das ist nicht wenig, und vor allem ein Plus von 45 Prozent im Vergleich zu Vorjahr.
Doch diese Zahl kann nicht einfach pauschal betrachtet werden. Denn auch wenn viele Landwirte aufgrund der gestiegenen Preise beispielsweise für Getreide durch den Ukraine-Krieg profitiert haben, gehörten wieder andere Landwirte genau deswegen zu den Verlieren, weil ihre Kosten für Futtermittel gestiegen sind. Wieder andere Betriebe mussten die stark gestiegenen Preise für Düngemittel stemmen. Also: Landwirt ist nicht gleich Landwirt, das wird aus den reinen Zahlen nicht deutlich.
Im Gespräch mit Zeit Online führt der Agrarwissenschaftler Friedhelm Taube ein weiteres Problem der Landwirte ins Feld: „Das eigentliche Problem vor allem für Betriebe mit hohem Pachtanteil ist aber, dass die Landpreise extrem gestiegen sind“. Die Pachtpreise seien teilweise um 100 Prozent gestiegen, seit 2010 ist es eine Verdreifachung.
Deswegen müssten sich in der Debatte eigentlich Landbesitzer und Pächter gegenüberstehen, daran sei nämlich wirklich zu erkennen, wem es gerade gut oder schlecht geht. Denn: Wer Land besitzt, konnte sich in den vergangenen Jahren laut Taube auch ein zweites Standbein aufbauen, mit Biogasanlagen und/oder Photovoltaik. Pächter hingegen müssen immer höhere Kosten sowohl für Futter und Personalkosten zeitgleich mit gestiegenen Landpreisen stemmen.
Lebensmittelpreise werden nicht von Landwirten kontrolliert
Weiteres Problem der Bauern und Bäuerinnen: Die niedrigen Lebensmittelpreise. Auch wenn sie die Erzeuger sind, haben die Landwirte oft gar keine Kontrolle darüber, wie die Preise später gestaltet werden. Das sorgt für großen Frust und einem Gefühl von mangelnder Wertschätzung für ihre Arbeit.
Das ist nach Ansicht des Bund Naturschutz die Ursache für die Zukunftssorgen der deutschen Bauern. „Die geplanten Streichungen der Agrardieselsubventionen sind nicht das eigentliche Problem. Das System Landwirtschaft krankt vor allem an unfairen Preisen und der schlechten Marktstellung der Bauern gegenüber den Handelskonzernen“, sagte der Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayern, Richard Mergner, der Deutschen Presse-Agentur in München.
„Die Probleme sind hausgemacht und daran hat speziell die CSU einen erheblichen Anteil“, betonte Mergner. Die CSU habe 39 Jahre lang das Bundeslandwirtschaftsministerium innegehabt, zuletzt von 2005 bis 2018. „Das dramatische Bauernhofsterben wurde weder in Bayern noch bundesweit gestoppt. Es ist unanständig, wenn sich nun ausgerechnet die CSU an die Spitze der Bauernproteste stellt.“
Das sehen andere Verbände ganz ähnlich. „Die Landwirtschaft in Deutschland steckt seit Jahrzehnten in der Krise und ist so nicht zukunftsfähig“, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Chris Methmann der Deutschen Presse-Agentur. „Die Probleme im Agrarsektor lassen sich nicht mit vergünstigtem Diesel lösen.“ Die Wut der Bauern sei zwar verständlich. „Allerdings befeuern sowohl die Ampel mit ihren willkürlichen Kürzungen als auch der Bauernverband mit seiner aufwiegelnden Rhetorik einen absoluten Nebenschauplatz“, kritisierte Methmann.
„Billig-Agrarexporte für den Weltmarkt und eine nachhaltige Landwirtschaft mit fairen Preisen für die Landwirtinnen und Landwirte gehen nicht zusammen“, sagte der Foodwatch-Chef. Statt für den Erhalt einer veralteten Subvention zu protestieren, sollte sich die Branche für einen Wandel zu einem System einsetzen, das Höfe belohnt, die umweltverträglich wirtschaften und Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen.
Verbraucher wollen mehr Tierwohl - aber nicht dafür zahlen
Während die Preise für Lebensmittel weiterhin niedrig gehalten werden, werden die Standards gleichzeitig immer strenger. Daran sind auch Verbraucher und Verbraucherinnen schuld. Im vergangenen Jahr ergab eine EU-weite Befragung von Eurobarometer, dass 84 Prozent der Befragten mehr Tierwohl in der Landwirtschaft befürworten. Das ergeben Umfragen auch immer wieder – doch in Realität greifen Verbraucher immer noch zum günstigsten Fleisch. Der Interessengemeinschaft Deutscher Schweinehalter bringt es auf den Punkt: „Welcher Bürger sagt schon nein, wenn er nach mehr Tierschutz und Tierwohl gefragt wird. Aber, dann muss er auch bereit sein, die Mehrkosten beim Einkauf mit zu tragen.“
Trotzdem wollen die Supermarktketten immer mehr Tierwohl in den Regalen sehen. Sogar die Discounter haben angekündigt, ab 2024 keine Milch aus niedrigeren Haltungsstufen mehr einzukaufen. Der Handel stellt sich also schon um – nimmt die Landwirte aber offenbar zu wenig mit. Denn damit die Bauern bessere Haltung für ihre Tiere anbieten können, müssen sie in Vorleistung gehen und neue Ställe bauen, neue Auslaufmöglichkeiten, oft einhergehend mit insgesamt weniger Tieren. Und wie oben bereits beschrieben: Ob sie das Geld dann später wieder einnehmen können, bestimmt der Handel mit den Preisen, über die Landwirte wenig Kontrolle haben.
Als Lösung wird deshalb nun auch über eine Tierwohlabgabe diskutiert. Dann müssten Verbraucher und Supermärkte am Umbau der Landwirtschaft finanziell teilnehmen. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) warb in der Süddeutschen Zeitung dafür, eine Tierwohlabgabe rasch einzuführen. „Schon wenige Cent mehr pro Kilo Fleisch würden bedeuten, dass unsere Landwirte Tiere, Klima und Natur besser schützen können - so, wie es doch alle verlangen“, sagte der Minister. „Wer es wirklich ernst meint mit einer zukunftsfesten Landwirtschaft, muss da endlich springen.“
Empfehlungen für eine solche Abgabe hatte eine Kommission unter dem Vorsitz des einstigen Landwirtschaftsminister Jochen Borchert Anfang 2020 vorgelegt. Demnach würde je Kilo Fleisch, Milch oder Eiern eine Abgabe fällig. Die Einnahmen kämen dann Landwirten zugute, die ihre Ställe zum Wohl der Tiere umbauen. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, vielmehr müssen wir es jetzt endlich mal einbauen“, sagte Özdemir weiter. Er sprach von einem „Tierwohl-Cent“.
Mit Material von dpa
Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

