VonSteffen Herrmannschließen
Deutschland ist dringend auf Fachkräfte angewiesen. Der Königsweg ist die Ausbildung. Doch an vielen Berufsschulen gibt es Defizite – und immer öfter werden Klassen großflächig gebündelt.
Wenn Jonas Lohrmann in die Berufsschule fährt, braucht er Zeit. Viel Zeit. Fast fünf Stunden ist der Auszubildende an manchen Tagen unterwegs. Um vier Uhr raus aus dem Bett, frühstücken, duschen. Mit dem Auto ab an den Bahnhof, dann zwei, drei, viel Mal umsteigen. Die Zeit zieht sich morgens, aber irgendwann kommt er an in der Berufsschule. Abends das gleiche Spiel, nur in die andere Richtung.
Lohrmann macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration. Sein Arbeitsplatz in Lutherstadt Wittenberg ist nur wenige Autominuten von der Haustür entfernt. Die Berufsschule aber ist in Halle an der Saale. Rund 80 Kilometer trennen die beiden Städte in Sachsen-Anhalt, für Lohrmann eine kleine Weltreise: „Der Fahrtweg nimmt mehr Zeit in Anspruch als die reine Unterrichtszeit an einem sechsstündigen Schultag.“
Berufsschulen: zentralisiert, zusammengelegt, gebündelt
Damit ist Lohrmann nicht allein. Auch in anderen Bundesländern verbringen Azubis viel Zeit in Bus, Bahn und Auto. Vielerorts wurde das Berufsschulsystem umstrukturiert. Das heißt: zentralisiert, zusammengelegt, gebündelt. Für manche Ausbildungsberufe gibt es pro Land nur noch ein oder zwei Berufsschulen. Eine Reaktion auf die sinkende Zahl von Auszubildenden.
„Die langen Fahrtwege sind vor allem in Flächenländern ein Problem“, sagt Ralf Becker, der bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die berufliche Bildung verantwortlich ist. Er hält die Bündelung der Berufsschulklassen vielerorts für kurzsichtig. Zwar habe es einen Corona-Knick gegeben, durch den zehn bis 20 Prozent der Ausbildungsplätze weggefallen seien. „Die Zahlen gehen jetzt aber wieder hoch.“
Die Fahrtwege für Auszubildende werden oftmals deutlich länger
Ein aktuelles Beispiel ist Schleswig-Holstein: Das Land will Berufsschulklassen zusammenlegen, weil es immer weniger Auszubildende gibt. Bäckerei-Azubis werden bislang in elf Berufsschulen des Landes unterrichtet, künftig könnten es nur noch drei sein, wie die „Lübecker Nachrichten“ berichten. 2017 habe es in Schleswig-Holstein 341 Bäckerei-Azubis gegeben, in diesem Jahr seien es nur noch 194 Auszubildende.
Sachsen ist schon einen Schritt weiter: Dort wurde das Berufsschulsystem vor zweieinhalb Jahren zentralisiert. Mehr als ein Viertel der Azubis sind nun 90 Minuten oder noch länger zur Berufsschule unterwegs, wie die sächsischen Industrie- und Handelskammern in einer Umfrage ermittelt haben.
Auto als Alternative? „Das ist ein riesiger Kostenfaktor“
Bei Jonas Lohrmann in Sachsen-Anhalt sind es sogar nur zwei Berufsschulen, die IT-Berufe ausbilden, wie der 19-Jährige erzählt: Halle und Magdeburg. Lohrmann muss an Berufsschultagen also nach Halle pendeln. Wenn die Bahn mal wieder streikt oder eine wichtige Prüfung ansteht, bleibt vielen Azubis, wenn vorhanden, oft nur das Auto als Alternative. „Das ist ein riesiger Kostenfaktor, wenn man als Azubi 200 Kilometer mit dem Auto fahren muss“, sagt Lohrmann.
Dass Azubis lange pendeln müssen, hat auch damit zu tun, dass es in Deutschland kaum Wohnheime für Auszubildende gibt. „In Österreich gibt es in der Regel an jeder Berufsschule ein Wohnheim“, sagt GEW-Vorstandsmitglied Ralf Becker. „Deutschland hat das verpennt.“
„Technische Stand in der Schule noch zehn Jahre zurück“, beklagt Azubi
Nach der stundenlangen Anreise am Morgen trifft Jonas Lohrmann in der Berufsschule dann auf das nächste Problem: die veraltete Ausrüstung. „Leider ist der technische Stand in der Schule noch zehn Jahre zurück“, sagt Lohrmann. Mehrere Schüler:innen müssten an einem Rechner arbeiten; die Computer seien alt, die Software nicht mehr aktuell. „Weil die Hardware in der Schule so schlecht ist, sollen wir unsere eigenen Laptops mitbringen“, erzählt Lohrmann, „aber es gibt in der Schule kein Wlan. Wenn die Lehrer etwas in die Cloud laden, dann müssen wir privates Datenvolumen nutzen“. Nicht die besten Voraussetzung für die Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration.
„Das ist ein Problem“, sagt Lohrmann. Nicht so sehr für ihn – sein Betrieb helfe ihm, Wissenslücken aufzuarbeiten. Aber das Glück, dass der Ausbildungsbetrieb ausbügelt, was in der Berufsschule schief läuft, haben nicht alle Azubis.
Ausstattung von Berufsschulen oftmals nur „ausreichend“ oder „mangelhaft“
Lohrmann ist mit seiner Beschwerde nicht alleine. Im Ausbildungsreport 2023 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bewerteten fast vier von zehn Azubis die digitale Ausstattung ihrer Berufsschulen als „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Nur jede und jeder Dritte fühle sich „gut“ oder „sehr gut“ auf den Umgang mit digitalen Medien vorbereitet.
Zwischen einzelnen Berufsschulen und teils sogar innerhalb der Berufsschulen gebe es große Unterschiede, sagt Ralf Becker von der Gewerkschaft GEW. „Manche Fachbereiche sind top ausgestattet, andere gleichen einem Museum.“ Das sei nicht nur für die Schülerschaft, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr hinnehmbar.
Gewerkschaftsbund fordert: „Statt ‚schwarzer Null‘ braucht es massive Zukunftsinvestitionen“
Der Grund dafür laut Becker: die unterschiedliche Finanzkraft der Kommunen einerseits und die Bevorzugung anderer Schulformen andererseits. Insgesamt habe sich in den vergangenen 20, 30 Jahren über alle Schulformen viel Sanierungsbedarf angestaut, sagt Becker. Gleichzeitig werde das verfügbare Geld häufig nicht bedarfsgerecht verteilt.
Im DGB-Report heißt es deshalb auch: „Statt ‚schwarzer Null‘ braucht es massive Zukunftsinvestitionen in die Bildungslandschaft“. Für den DGB heißt das: eine bessere Ausstattung, mehr Lehrkräfte, eine Aufwertung des Berufs und ein Update der methodischen und inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts.
Modernisierung von Berufsschulen? „Auch der Haushalt für 2024 sieht nichts vor.“
Im Koalitionsvertrag hatten die Ampel-Parteien versprochen, gemeinsam mit den Ländern und Kommunen einen Pakt zur „Stärkung und Modernisierung berufsbildender Schulen“ aufzulegen. Passiert sei das bislang noch nicht, hält der GEW-Experte Becker fest. „Auch der Haushalt für 2024 sieht nichts vor.“
Auch Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), sagt: „Leider sind zahlreiche Berufsschulen vor allem technisch nicht auf dem Stand der Zeit. Das liegt auch daran, dass sie in der politischen Diskussion im Vergleich zu allgemeinbildenden Schulen oft vernachlässigt werden.“
Was es für eine gute Ausbildung braucht
Für gut ausgebildete Fachkräfte seien flächendeckend eine funktionierende Infrastruktur, ein verlässlicher Support und moderne Lernmedien notwendig, sagt Dercks. Er sieht die Politik in der Pflicht: „Anstelle von unverbindlichen Gesprächszirkeln brauchen die Berufsschulen Investitionen, Innovationen und konkrete Maßnahmenpakete, die sie dabei unterstützen, zukünftig überall im Land technisch auf der Höhe zu sein.“
Für Jonas Lohrmann selbst käme jede Veränderung wohl zu spät. In wenigen Monaten wird der 19-Jährige seine Ausbildung beenden, im April hat er den letzten Unterrichtsblock in der Berufsschule. „Für die zukünftigen Azubis wäre es aber wünschenswert, wenn es zum Beispiel eine dritte Berufsschule gäbe. Damit man täglich nicht 200 Kilometer pendeln muss, sondern nur 40. Das macht die Ausbildung attraktiver und finanziell besser stemmbar.“

