15 Prozent Gehaltsunterschied

Lohnlücke zwischen Männern und Frauen: Die Ursache beginnt schon vor dem ersten Arbeitstag

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Es ist nicht das Bewerbungsgespräch, das die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern erklären kann, sagt eine IAB-Studie.
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Eine neue Studie liefert Hinweise, warum Frauen weniger verdienen als Männer. Das Ergebnis: Es hat mit der Bewerbung zu tun. Es geht allerdings nicht um Anschreiben oder Vorstellungsgespräch.

Köln – Frauen verdienen weniger als Männer. Der Satz klingt nach wie vor absurd, auch wenn man ihn schon x-fach gelesen hat. Doch es ist die Realität. 15 Prozent beträgt die Lohnlücke bei ähnlicher Qualifizierung und im gleichen Beruf. Forscher des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung haben nun herausgefunden: Das liegt zu einem Großteil daran, dass sich Frauen eher für Stellen mit niedrigen Löhnen bewerben und seltener bei Betrieben mit hohen Löhnen.

Bei der Suche nach Gründen für die 15 Prozent Differenz sind schon viele Argumentationen herangezogen worden: Frauen ist das Gehalt nicht so wichtig, Frauen verhandeln schlechter, Männer verhandeln besser, Frauen müssen sich um die Kinder kümmern oder Frauen würden traditionell eher in Branchen arbeiten, in denen schlechtere Löhne gezahlt werden.

Frauen bewerben sich seltener auf gut bezahlte Stellen

Die IAB-Forscher Benjamin Lochner und Christian Merkl haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt und sind der Frage nachgegangen, welche Rolle das Bewerbungsverhalten spielt. Ihre Untersuchung, die sie im Mai veröffentlicht haben, hat ergeben: Es spielt eine extrem große Rolle, auf welche Stellen sich Frauen bewerben. Damit könne man die Hälfte der Lohnlücke, also rund 7,5 von 15 Prozent, erklären. Über die andere Hälfte und die damit verbundenen weiteren Gründe für die Lohndifferenz treffen die Wissenschaftler keine Aussage.

Dass Frauen sich seltener für besser bezahlte Stellen bewerben, erklären die Forscher mit höheren Ansprüchen an Flexibilität. Werde für eine Stelle beispielsweise viel Mobilität erwartet, also häufige Dienstreisen oder wechselnde Arbeitsorte, belaufe sich der Anteil der männlichen Bewerber auf 65 Prozent. Gerade für Stellen, die gut bezahlt werden, nehmen Beschäftigte es in Kauf, längere Distanzen zurückzulegen. Dabei pendeln Männer im Schnitt weiter als Frauen, wohl auch, weil das für viele schlicht nicht möglich ist. Denn Frauen tragen mit 75 Prozent immer noch den Großteil der Care-Arbeit – also Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt und ein allgemeines „Sich-Kümmern“. Weltweit summiert sich diese Arbeit laut Berechnungen der Entwicklungsorganisation Oxfam auf zwölf Milliarden Stunden täglich. Eine Arbeit, die nicht bezahlt wird.

Lohnlücke zwischen Männern und Frauen schließen: bessere Kinderbetreuung, flexiblere Unternehmen

Ein niederschmetternder Befund, weil gerade der Faktor Kinder das Gehalt negativ beeinflusst. Zwar konnten die beiden Forscher in ihrer Untersuchung nicht erheben, wann sich Frauen mit und wann ohne Kinder bewarben, dennoch ließ sich nachweisen, dass Frauen mit Kindern im Vergleich zu Männern höhere Einbußen hinnehmen müssen als Frauen ohne Kindern. Spätestens an diesem Punkt scheint des Rätsels Lösung greifbar: Dass Frauen weniger verdienen, liegt immer noch an einer strukturellen Benachteiligung, die sich unter anderem im Bewerbungsverhalten manifestiert. Was Ursache ist – und was lediglich eine Wirkung – bleibt offen.

Die Lösung dieses Problems führt nach Ansicht von Lochner und Merkl über den Staat und die Unternehmen. Während Firmen sich mehr damit auseinandersetzen sollten, welchen Grad der Flexibilität sie wirklich erwarten können, müsse der Staat die Kinderbetreuungsmöglichkeiten verbessern. Oder, und auch das sprechen die Forscher an, Männer übernehmen mehr Verantwortung. So würde eine ausgeglichene Aufteilung der Sorgearbeit nicht nur Frauen entlasten, sondern auch die Lohnlücke verringern.

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