VonAmy Walkerschließen
Northvolt, der schwedische Produzent von Batteriezellen, muss seine Expansionspläne kürzen. Ein schwerer Schlag für die Industrie in Europa.
Stockholm – Die europäische Batterieindustrie steht vor einer Herausforderung: Northvolt, der schwedische Hersteller von Batteriezellen, muss aufgrund von Auftragsrückgängen und Schwierigkeiten bei der Produktionssteigerung seine Expansionspläne zurückfahren. Dies dämpft die Erwartungen an eine europäische Alternative zu den dominierenden chinesischen Batteriezellunternehmen.
Fast alle Batterien für Elektroautos stammen aus China - Northvolt sollte dies ändern
Experten der Branche befürchten, dass die Elektroautomobilindustrie weiterhin von Lieferanten aus China abhängig bleibt. Sie sehen in Northvolt einen wichtigen Akteur für die Branche. Ein Scheitern des Unternehmens wäre ein schwerer Schlag für die europäische Industrie in ihrem Bestreben, sich von China zu lösen, so Evan Hartley, Analyst bei Benchmark Mineral Intelligence. Andy Leyland, Mitbegründer des Lieferketten-Spezialisten SC Insights, betont die Bedeutung von Northvolt - kein anderes europäisches Unternehmen sei so weit fortgeschritten wie die Schweden.
Northvolt, unter der Leitung des ehemaligen Tesla-Mitarbeiters Peter Carlsson, strebt an, die weltweit umweltfreundlichsten Batterien herzustellen. Allerdings haben Produktionsprobleme und ein verlorener Auftrag das Unternehmen gebremst. Am Montag (9. September) kündigte Carlsson unter anderem an, die Produktion von Kathodenmaterial, das für die Batterien benötigt wird, einzustellen. Für das Werk in Danzig soll ein Investor gefunden werden. Dort werden Batteriezellen zu fertigen Modulen zusammengebaut. Der Verzicht auf die Produktion von Kathodenmaterial sei ein weiterer Rückschlag für Europa, so Benchmark-Experte Hartley.
BMW kündigt Großauftrag bei Northvolt – Probleme bei der Produktionssteigerung
Ob andere Standorte von der Umstrukturierung betroffen sind, ließ Northvolt zunächst offen. Das Unternehmen hält an der geplanten Fabrik in Heide in Schleswig-Holstein fest, es könnte jedoch zu Verzögerungen kommen. Die Landesregierung von Schleswig-Holstein erwartet keine Änderungen für das Projekt. Northvolt habe sich klar zu dem Standort bekannt und die Arbeiten vor Ort würden fortgesetzt, so die Regierung. Northvolt plant, sich im Herbst zu Heide und weiteren Batteriezell-Standorten in Schweden und Kanada zu äußern.
Verzögerungen und der Verlust eines Auftrags im Wert von zwei Milliarden Euro vom bayerischen Autobauer BMW haben Northvolt zuletzt ausgebremst. Analysten weisen darauf hin, dass das Unternehmen Schwierigkeiten hatte, die Produktion auf hohe Stückzahlen zu steigern. Dies wurde durch das breite Geschäftsmodell der Schweden erschwert, die von der Produktion von Vorprodukten bis zum Recycling einen großen Teil der Wertschöpfungskette abdecken wollten. „Die Situation wurde zunehmend schwierig, als Kunden wie BMW Aufträge gekündigt hatten“, sagte eine Person, die mit der Situation vertraut ist.
Nicht nur Northvolt steht unter Druck: Europa braucht eine neue Batterieindustrie für E-Autos
Die Münchner hatten bei Northvolt Batterien für die aktuelle Generation ihrer Elektroautos bestellt, die sich jedoch laut einem Insider verzögerten und daher zu spät für die Fahrzeuge kamen. Die Batterien sollen nun von anderen BMW-Lieferanten wie Samsung SDI, CATL und Eve Energy geliefert werden. BMW hält jedoch an der Zusammenarbeit mit dem schwedischen Unternehmen für die nächste Generation von Fahrzeugen fest und ist sehr daran interessiert, dass sich ein leistungsfähiger Hersteller von zirkulären und nachhaltigen Batteriezellen in Europa etabliert. BMW äußerte sich jedoch nicht dazu, ob bereits ein fester Liefervertrag vereinbart wurde.
„Jeder Rückschlag kostet Geld“, sagte Daniel Brandell, Experte am Angstrom Advanced Battery Centre, das zur Universität von Uppsala gehört. Northvolt will sich in Zukunft auf die Zellproduktion konzentrieren, so das Unternehmen. Eine Person, die mit der Situation vertraut ist, sagte, das Kathodenmaterial komme von chinesischen oder südkoreanischen Lieferanten. Es ist unklar, was mit den weiteren Projekten, wie einer Recycling-Anlage oder einer Lithium-Raffinerie in Portugal, geschehen wird. Beides könnte sich verzögern, so Lieferketten-Experte Leyland. Auch ein Börsengang könnte nun später erfolgen, sagte eine Person, die mit der Situation vertraut ist. Northvolt äußerte sich dazu nicht.
Die Schweden sind nicht der einzige Zellhersteller, der seine Pläne in Europa zuletzt zurückgefahren hat. So hat beispielsweise die chinesische Svolt auf eine Fabrik in Brandenburg verzichtet und ein Projekt im Saarland verschoben, auch das Gemeinschaftsunternehmen Automotive Cells Company (ACC) von Mercedes hat seine Pläne auf Eis gelegt. Die Unternehmen leiden unter der derzeitigen Flaute bei Elektroautos. Auch bei Volkswagen könnte der Sparkurs laut Betriebsrat Auswirkungen auf die Batteriezellfabrik in Salzgitter haben. (wal/reuters)
