VonAmy Walkerschließen
Der Agrar- und Pharmakonzern Bayer befindet sich im Krisengewässer. Das nicht enden wollende Glyphosat-Desaster sowie auslaufende Medikament-Patente belasten das Unternehmen schwer.
Leverkusen – In knapp einem Monat, am 5. März 2024, will Bayer seine Geschäftszahlen für das vergangene Jahr präsentieren. Und auch wenn der Umsatz des Pharmariesen am Ende stimmen mag: Die Stimmung sieht in Leverkusen aktuell alles andere als rosig aus. Denn die Bayer-Aktie befindet sich - nach einer kleinen Erholung rund um den Jahreswechsel - seit Mitte November im freien Fall. Mit einem Kurs von 30,64 Euro am Montagabend (29. Januar) verzeichnete Bayer einen neuen Tiefstand seit der Finanzkrise. Anleger sind verschreckt, es droht sogar eine Börsenpanik. Wie konnte das passieren?
Glyphosat belastet Bayer schwer
Grund für den neuen Kurssturz ist mal wieder das Thema Glyphosat. Die Übernahme der US-Firma Monsanto und damit das glyphosathaltige Produkt Roundup entpuppt sich immer mehr zu einem echten Desaster für die Leverkusener. Vergangene Woche verlor Bayer wieder einen Prozess in den USA, das Geschworenengericht verurteilte den Pharmariesen zu einer Strafzahlung von 2,25 Milliarden US-Dollar an einen Mann, der seine Krebserkrankung auf Glyphosat zurückführt. Das ist die bislang höchste Strafe, die gegen den Konzern zunächst verhängt wurde. Im Berufungsverfahren dürfte die Summe jedoch deutlich reduziert werden.
Ende 2023 hat Bayer fünf Prozessniederlagen in der Causa Glyphosat einstecken müssen, insgesamt hat der Konzern zehn von bisher 16 Klagen gewonnen.
Doch damit fing das Debakel nicht an. Schon seit Sommer 2023 zeigen die Anleger immer weniger Vertrauen in den Konzern. Den höchsten Wert im vergangenen Jahr verzeichnete die Aktie im April, als sie noch für 61,36 Euro gehandelt wurde. Seitdem ging es eigentlich immer nur stetig bergab – weshalb Bayer eigentlich auch einen neuen Vorstand bestellt hatte, der das ganze wieder in den Griff bekommen sollte. Knapp ein halbes Jahr muss man feststellen: Das ist Bill Anderson nicht gelungen.
Kurseinbruch im November nach abgebrochener Studie
2023 war also kein gutes Jahr für den Pharmariesen – richtig schlecht ging es ihm aber erst ab November, als die Aktie binnen eines Tages um fast 19 Prozent einbrach. Hintergrund waren damals zwei Negativschlagzeilen auf einmal: Zum einen war es wieder ein verlorener Glyphosatprozess mit einer Milliardenzahlung im Gepäck, zum anderen führte der Abbruch einer Medikamentenstudie für den Gerinnungshemmer Asundexian zum Absturz. Dieser wurde bisher als Hoffnungsträger für den Konzern gehandelt.
Denn in den kommenden Jahren laufen die Patente von gleich mehreren Bayer-Medikamenten aus, es muss also dringend Nachschub her, um die Profite zu sichern. Der Abbruch einer vielversprechenden Studie klang für viele Anleger nach einem Warnschuss: Was, wenn Bayer gar nichts Neues im Köcher hat? Noch dazu die Monsanto-Übernahme, die sich als Riesenproblem darstellt – die Firma wirkt aktuell einfach nicht vertrauenswürdig.
Bayer muss umstrukturieren und Personal abbauen
In den vergangenen Monaten hat Bayer also viel dafür getan, diesem Eindruck entgegenzuwirken. So wurde der Studienerfolg eines anderen Medikaments, Elinzanetant, was gegen Wechseljahrsbeschwerden wirken soll, an die große Glocke gehängt. Der Konzern traut dem Wirkstoff Spitzenumsätze von mehr als einer Milliarde Euro jährlich zu.
Ende des Jahres stellte Bill Anderson dann seinen Umstrukturierungsplan vor, das einen erheblichen Stellenabbau in Deutschland vorsieht und eine Neuausrichtung verspricht. Weitere Einzelheiten zum Konzernumbau will Bayer am 5. März bei seinem Kapitalmarkttag bekannt geben.
Bisher haben all diese Ankündigungen jedoch wenig bewirkt, dann kam jetzt noch die neue Glyphosat-Verurteilung. Durchaus verständlich, wenn Anleger da die Schnauze voll haben: bloß raus hier. Ein halbes Jahr seit seinem Einstand kann Bill Anderson von seiner Kernaufgabe, die Investoren wieder zurückzugewinnen, nichts vorweisen. Im Gegenteil: Die Investoren sind verschreckter denn je. Der Druck könnte auf Anderson kaum höher sein: Anfang März muss ihm der große Wurf gelingen.
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