Vergreisung im Norden, Boom nur im Süden

Langjähriger China-Manager im Interview: „Politik und Ideologie“ belasten Wirtschaft immer stärker

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Wirtschaft zunehmend unter Kontrolle der KP: Staatschef Xi Jinping besucht eine Hightech-Firma in der Provinz Jiangsu
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Der langjährige Präsident der EU-Handelskammer Jörg Wuttke schaut nachdenklich auf Chinas Zukunft. Vor allem junge Leute leiden unter fehlenden Job-Perspektiven. Nur im tiefen Süden geht der Boom weiter.

Peking/München – Nach mehr als 30 Jahren als Manager in China kehrt Jörg Wuttke in den kommenden Monaten der Volksrepublik den Rücken. Kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt als EU-Kammerpräsident schätzt er im Interview mit dem Münchner Merkur schätzt die Zukunftaussichten des riesigen Landes ein, das er immer wieder als „Kontinent“ beschrieben hat.

Wie hat sich China in den gut 30 Jahren verändert, in denen Sie dort gelebt haben?
Es ist ein China, das sehr viel politischer und ideologischer geworden ist. Da schließt sich fast wieder der Kreis: Ich bin 1982 das erste Mal in China angekommen, zufälligerweise genau zum Parteitag der Kommunisten in Peking. Damals ging es darum, die Ideologie aus der Wirtschaft zurückzudrängen. Und jetzt sattelt man Politik und Ideologie wieder drauf auf die Geschäftswelt. Das ist schon etwas deprimierend.
Viele schwärmten früher von Optimismus und Aufbruchstimmung in China. Was ist aus diesem berühmten Glauben an eine bessere Zukunft geworden?
Die Aufbruchsstimmung ist verloren gegangen, aus mehreren Gründen. Zum einen wegen der Pandemie und Null-Covid: 2022 war ja für viele Menschen traumatisierend. Vor allem in Shanghai, aber auch in anderen Städten, die 70 oder 80 Tage im Lockdown ausharren mussten. 
Und zum zweiten?
Das zweite ist die Tatsache, dass China im Lauf seiner Entwicklung gewissermaßen die niedrig hängenden Früchte bereits eingesammelt hat. Man kann nicht davon ausgehen, jemals wieder die großen Wachstumssprünge der Vergangenheit zu erleben. Es wird nun schwieriger, Wachstum zu schaffen. Dazu muss man ja nur einen Blick auf Taiwan, Korea und Japan werfen. Nach 40 Jahren wirtschaftlicher Öffnung war es auch dort relativ schwierig. Alle diese Länder hatten eine Finanzkrise. Ob es dazu auch in China kommt, ist offen.

Kontinent China: In Shenzhen geht die Post ab, im Norden herrscht Tristesse

Ist die Lage denn im ganzen Land gleich verfahren?
Nein. China ist eigentlich ein Kontinent, mit regional sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen und Stimmungen. Zum Beispiel ist das erkennbar in der Demografie: Während etwa manche Großstädte bereits vergreisen, gibt es Städte, die noch sehr jung sind. Shenzhen zum Beispiel ist ja eine Art chinesischer Antwort auf Palo Alto im Silicon Valley. Dort sind viele junge Leute, 60 Prozent der Bewohner kommen von außerhalb der Südprovinz Guangdong, zu der Shenzhen gehört. In Shenzhen ist Schwung dahinter, da sind die besten Unternehmer, da geht die Post ab.
Und dann hast du die Hafenstadt Tianjin, die wunderschön ist, aber sich mit vielen Problemen aus der Vergangenheit herumschlägt. Dort stehen wegen eines überzogenen Baubooms extrem viele leere Hochhäuser, und es gibt wenig Industrie-Entwicklung. Und dort ist die Stimmung einfach wirklich schlecht.
Tianjin liegt im Norden, ganz nahe bei Peking. Vor allem über die Unterschiede zwischen Nord und Süd wird in China ja viel gesprochen. Die Menschen im Süden halten die Nordchinesen für faul und bürokratisch, und umgekehrt sehen viele im Norden die Südchinesen als geldgierig. 
Im Süden ist Peking weit weg, das entspricht auch der lokalen Mentalität. Im Norden hast du es mit Leuten zu tun, die sehr von staatseigenen Betrieben geprägt sind. Im Süden ist das anders. Die Provinzen Fujian oder Zhejiang etwa wurden immer relativ frei gehalten von Staatsfirmen. Fujian zum Beispiel liegt ja direkt gegenüber von Taiwan, so dass die Regierung am ehesten dort mal einen Krieg erwartete – und die Staatsunternehmen dieser Gefahr nicht aussetzen wollte. Heute profitiert Fujian davon. Denn stattdessen kamen Privatunternehmer.
Und die Provinz Guangdong, wo Shenzhen liegt, wäre als unabhängiger Staat G7-fähig: Sie hat 110 Millionen Einwohner, und das Bruttoinlandsprodukt entspricht dem von Italien. Doch die derzeitige Politisierung findet überall statt – auch in Guangdong. Kein Unternehmen kann sich diesem Trend ganz entziehen.
Jörg Wuttke
Zum Aufstieg Chinas haben in den letzten Jahren in besonderem Maße private Unternehmer und Gründer beigetragen, in Guangdong, Zhejiang und anderen Provinzen vor allem des Südens. Wie geht es ihnen heute?
Die Privatunternehmer stellen sich viele Fragen. Wird Reichtum noch akzeptiert, oder ist das wie einst mit einem Makel besetzt? Das war ja das Genie des Reformers Deng Xiaoping, in den 1990-er Jahren zu sagen: Wenn es der Wirtschaft dient, dann werden eben einige eher reich als andere, auch in einem sozialistischen System. Und nun wurde den Unternehmern seit 2021 permanent eins zwischen die Hörner gegeben. Die Folgen dieser Politik merke ich bei mir zu Hause. In meiner Nachbarschaft wohnen praktisch nur chinesische Unternehmer. Und ein Drittel der Häuser ist inzwischen nachts dunkel. Das ist schon auffällig.
Setzen sich die Wohlhabenden wegen der verschiedenen Kampagnen etwa gegen den Technologie-Sektor ins Ausland ab?
Das ist ein Grund. Aber es ist generell eine veränderte Grundstimmung in der Wirtschaft zu beobachten und eine nach wie vor schleppende Nachfrage. Das kann Peking nicht so einfach mit Stimulus-Programmen oder anderen Geldgeschenken beheben, wie es nach den vergangenen Krisen 2009 oder auch 2020 möglich war. Man hat in vielen Regionen schlicht das Geld nicht mehr für ein größeres Stimulus-Programm.

China: Schwaches Wirtschaftswachstum führt zu hoher Jugendarbeitslosigkeit

In welchen Teilen der Gesellschaft ist die eingetrübte Stimmung denn besonders bemerkbar?
Vor allem ist ein Pessimismus der Jugend zu spüren. Ich habe kürzlich an der Peking-Universität unterrichtet, und da merkte man schon, dass die jungen Leute einfach nicht genau wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird. Die haben Chinas hartes Schulsystem und dann die Uni hinter sich, und glaubten bislang, dass sie dadurch nun Karriere machen und gut Geld verdienen können. Und auf einmal wird ihnen gesagt, auch vom Staatschef, ihr müsstet alle mal ein bisschen tougher sein und vielleicht auch mal auf dem Land arbeiten gehen.
Das war im Mai, als Staatschef Xi Jinping gut ausgebildete junge Leuten ohne Job-Perspektive aufforderte, ihre Ansprüche herunterszuchrauben und hart zu arbeiten wie er selbst als Fünfzehnjähriger in der Kulturrevolution. Im Juni dann lag die Arbeitslosenquote der 16- bis 24-Jährigen bei gut 21 Prozent. Mehr als 11,5 Millionen Uni-Absolventen drängen dieses Jahr auf den Arbeitsmarkt. Es gibt Berichte, wonach die Haushaltsbranche um diese Menschen wirbt, auch für Reinigungsjobs.
Genau. Und das ist nicht das, wofür die Jungen sich so lange gequält haben. Und so steht eine Jugend, die relativ stark nationalistisch geprägt ist und extrem ideologisiert wurde in den letzten Jahren, plötzlich vor einem Fragezeichen: Wie geht es mit uns weiter?

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