Reiche Rentnerinnen und Rentner werden zur Kasse gebeten: So funktioniert der „Boomer-Soli“
„Ohne direkte Mehrbelastung der Jungen: ‚Boomer-Soli‘ kann wichtiger Baustein für Stabilisierung der Rente sein“, heißt der Titel des Wochenberichts. Dann führt das DIW auf, was wir alle schon wissen: dass der demografische Wandel das Rentensystem auf die Probe stellt, dass der Renteneintritt der Millionen Babyboomer eine zusätzliche Zerreißprobe wird und dass vor allem jüngeren Generationen Altersarmut droht. Laut der Studie kann der „Boomer-Soli“ dem entgegenwirken.
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Aktuell gibt es nur zwei Optionen: Entweder jüngere Menschen in der Gesellschaft werden finanziell stärker belastet, oder ältere Menschen werden mit dem Risiko von zu geringen Renten und Altersarmut konfrontiert. Maximilian Blesch, der an der DIW-Studie beteiligt war, erklärt: „Jetzt schon macht der Rentenzuschuss mit 20 Prozent einen großen Teil des Bundeshaushalts aus, und in Zukunft wird es noch größere Anstrengungen benötigen. Die Frage ist, wer diese Lasten trägt.“
Was ist der Unterschied zwischen Umverteilung und „Boomer-Soli“?
Das DIW hat zwei Reformansätze untersucht: die Umverteilung innerhalb der Rentenversicherung (Rentenprogression) und den „Boomer-Soli“. Im Gegensatz zu Letzterem, betrifft die Rentenprogression nur gesetzlich Versicherte – also Menschen, die in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt haben. Der „Boomer-Soli“ hingegen erfasst alle Alterseinkünfte. So würde generationenübergreifend und systemübergreifend umverteilt werden.
Die Alterseinkünfte würden gesetzliche, betriebliche und private Renten sowie Pensionen und Versorgungsbezüge betreffen. In dem Szenario soll zudem das Vermögenseinkommen einbezogen werden können. Einkünfte oberhalb eines Freibetrags von 1048 Euro monatlich sollen belastet werden, um vor allem einkommensstärkere Rentnerhaushalte zur Kasse zu bitten. Einkommensschwache sollen so um bis zu elf Prozent entlastet werden.
Der „Boomer-Soli“ wäre Blesch zufolge eine Lösung, bei der alle Generationen mitarbeiten. Konkret handelt es sich um eine zusätzliche Besteuerung aller Alterseinkünfte – auch der Pensionen von Beamtinnen und Beamten. Die Einnahmen aus der Sonderabgabe sollen nicht in den allgemeinen Bundeshaushalt fließen, sondern in ein Sondervermögen. Dieses darf ausschließlich dafür verwendet werden, ärmere Rentnerinnen und Rentner finanziell zu unterstützen.
„Boomer-Soli“ stößt auf gemischte Reaktionen – „Das wird bestimmt beschlossen“
Die Studie vom DIW schlug ein wie eine Bombe. In den sozialen Medien tummeln sich Betroffene, allen voran Babyboomer, die ihren Frust öffentlich kundtun. Auch auf der Plattform Reddit ist das Thema angekommen. Ein Nutzer schrieb dazu in einem Beitrag: „Ich wüsste wirklich nicht, welcher Politiker oder welche Partei sich traut, die Ü60-Generation zu vergraulen. Die meisten Wähler kommen aus dieser Gruppe und werden entsprechend reagieren, wenn einer mit Reformen kommt.“
„Das wird bestimmt beschlossen. Die größte und finanzstärkste Wählergruppe wird bestimmt stärker belastet werden, zu Gunsten der Jüngeren“, kommentierte ein Reddit-Nutzer ironisch. Ein weiterer meinte: „Mal zur Abwechslung nicht jung gegen alt, sondern Boomer gegen Boomer ausspielen.“ Ein Nutzer warnt vor voreiliger Schadenfreude: „Der Soli wird für die Boomer eingeführt. Er wird aber kommen, um zu bleiben. Deshalb würde ich nicht allzu laut hurra rufen, wenn ich jung wäre.“
Doch selbst auf Reddit bleibt der „Boomer-Soli“ nicht völlig ohne Widerspruch. „Ich freue mich auf zusätzliche Abgaben, die im Nichts landen werden“, kritisierte ein Nutzer scharf. Auch ein anderer zeigt sich vom Reform-Vorschlag des DIW sichtlich verärgert: „Also sprich: das Geld von den Rentnern, die ihr Leben lang gearbeitet und eingezahlt haben, soll umverteilt werden zu den Rentnern, die nichts eingezahlt haben. Von den absurden Pensionen wird lieber nichts erwähnt.“
Die Kritik ist so nicht korrekt: Wie bereits erwähnt richtet sich der „Boomer-Soli“ nicht nur an gesetzlich Versicherte, sondern bezieht ausdrücklich alle Alterseinkünfte ein – also auch Pensionen sowie Leistungen aus berufsständischen Versorgungswerken. Damit soll verhindert werden, dass nur Menschen mit gesetzlicher Rente belastet werden. Ziel ist eine systemübergreifende und einkommensabhängige Umverteilung unter allen Ruheständlern – unabhängig vom Rentensystem.
Rente mit „Boomer-Soli“ stabilisieren? Ökonomen lehnen Vorschlag ab
Auch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wird der Ansatz kritisiert. Laut den Ökonomen Jochen Pimpertz und Maximilian Stockhausen berge der Vorschlag „Ungereimtheiten“. Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrates Wirtschaft, lobt hingegen den Grundgedanken des DIW: „Die Rentenlast der Babyboomer kann nicht allein der immer kleineren Zahl von jungen Beitragszahlern aufgebürdet werden, die Babyboomer-Generation selbst muss einen Beitrag dazu leisten.“
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Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat sich bisher nicht öffentlich zu dem „Boomer-Soli“ geäußert. Ein Sprecher verwies auf die Rentenreform, die das Rentenniveau weiter absichern soll, und auf die Rentenkommission, die im nächsten Jahr über eine langfristige Stabilisierung der Rente beraten wird. Bereits dieses Jahr treten umfassende Reformen im Rentensystem in Kraft. Diese sollen vor allem die finanzielle Lage verbessern und das Arbeiten im Alter attraktiver machen.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher erklärte im April 2025 im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: Der Koalitionsvertrag verschärft das Renten-Problem, da „anstelle von Vorschlägen zu einer Begrenzung des künftigen Beitragsanstiegs gibt es hier teure Versprechungen wie beispielsweise ein stabiles Rentenniveau und eine ausgeweitete Mütterrente.“ Dabei würden Union und SPD Zumutungen für ihre Wählerinnen und Wähler scheuen, kritisierte Fratzscher. (cln/dpa)