Stimmung leicht verbessert

Chemieindustrie erholt sich leicht – Branchenvertreter bleiben vorsichtig

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Die Stimmung in der Chemieindustrie hellt sich nach Schwierigkeiten im vergangenen Jahr etwas auf. Von einer Konjunkturwende wollen Experten aber noch nicht sprechen.

München – Das Geschäftsklima der Chemieindustrie hat sich im Februar nach vorausgegangen Einbrüchen leicht verbessert. Laut Angaben des ifo-Instituts im Umfeld einer Studie stieg das Barometer dazu auf minus 15,7 Punkte, wie N-tv berichtet. Im Januar hatte es noch minus 16,1 Zähler betragen. Zurückzuführen sei dies auf eine verbesserte Geschäftslage.

Und tatsächlich, zum ersten Mal seit fast zwei Jahren stieg die Nachfrage nach Chemieerzeugnissen deutscher Unternehmen an. Die Chemie-Unternehmen weiteten ihre Produktion demnach im Februar aus. Auch sehen erste Firmen von weiteren Preissenkungen ab, hieß es weiter. „Diese Ergebnisse zusammen mit der Normalisierung bei den Strom- und Gaspreisen wecken die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Talsohle“, erklärt Ifo-Expertin Anna Wolf.

Aber obwohl die Chemiebranche wieder etwas zuversichtlicher zu werden scheint, sehen viele noch keine konjunkturelle Trendwende. So fielen etwa die Geschäftserwartungen für das kommende halbe Jahr pessimistischer aus als noch zuvor: sein Teilindex sank um 2 Punkte auf minus 16,3. Eine neue Wachstumsphase halten die Chemieunternehmen frühestens im zweiten Halbjahr 2024 für möglich.

Deutscher Konzern Wacker Chemie erwartet 2024 nur mäßige Einnahmen

Auch der deutsche Spezialchemiekonzern Wacker Chemie erwartet infolge von Umsatzeinbußen um 22 Prozent 2023 auch in diesem Jahr nur mäßige Geschäfte. Wacker-Vorstandschef Christian Hartel und Finanzvorstand Tobias Ohler stellten am Dienstag in München 6 bis 6,5 Milliarden Euro Umsatz in Aussicht – 6,4 Milliarden Euro waren es 2023.

Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen solle der Gewinn zwischen 600 und 800 Millionen Euro liegen, und damit niedriger als die Einnahmen in Höhe von 824 Millionen Euro aus 2023. Immerhin aber legte die Aktie des im MDax gelisteten Unternehmens dem Handelsblatt zufolge auf bis zu sechs Prozent auf 110 Euro zu.

Wackers Vorstandsvorsitzendem, Christian Hartel, zufolge werde auch 2024 ein herausforderndes Jahr für die Chemie. Und betonte, die Zeichen für Besserung kämen vor allem aus Asien, weniger aus dem heimischen Markt in Deutschland. Damit bestätigt er die Prognose des Branchenverbands VCI, der von einem moderaten Wachstum der Produktionsmenge innerhalb der Chemieindustrie ausgeht – mit China als entscheidendem Markt.

Kunden der Chemiekonzerne verfügten bis zuletzt über hohe Lagerbestände

Als zusätzliches Problem für die Chemieindustrie kam zuletzt der Abbau hoher Lagerbestände bei den Kunden hinzu. Im zweiten Halbjahr 2023 bestellten die Kunden bei den Chemiefirmen kaum, weil sie zunächst für die verbliebenen Aufträge ihre Vorräte aufbrauchten. Auch der deutsche Chemie-Riese BASF musste damals vermehrt seine Kosten senken.

Industrieanlage der Wacker Chemie AG

Christian Kohlpaintner, Chef des weltgrößten Chemiehändlers Brenntager, sieht diesen Trend mittlerweile gestoppt, und auch übereinstimmenden Aussagen der Chemiekonzerne pflichten dieser Aussage bei. „Wir erwarten 2024 eine schrittweise Verbesserung bei den verkauften Mengen“, sagte Kohlpaintner dem Handelsblatt. Diese Entwicklung sei schon Ende 2023 zu beobachten gewesen. 

„Wir dürfen uns auch bei leichten Erholungssignalen nichts vormachen“

Zu spüren sei aber auch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Weltkonjunktur. Die Chemieindustrie ist konjunkturellen Veränderungen nämlich vergleichsweise früh ausgesetzt, da die Hersteller nahezu die gesamte verarbeitende Industrie beliefern, etwa mit Grundstoffen oder Vorprodukten.

Insgesamt bleiben aber auch auf dem Markt Unwägbarkeiten, die laut dem Handelsblatt durchweg fast alle Chemiefirmen veranlassten, Spannen bei der Gewinnprognose für 2024 angeben. So sind auch die Kostensteigerungen durch Inflation und Lohnzuwächse für die Firmen nicht genau absehbar. Ohne zusätzliches Wachstum im zweiten Halbjahr 2024 dürften sich jedoch viele Chemiekonzerne eher am unteren Ende ihrer Prognosespanne wiederfinden.

„Wir dürfen uns auch bei leichten Erholungssignalen nichts vormachen: Was wir derzeit erleben, ist keine konjunkturelle Schwankung, sondern eine massive, konsequente Veränderung unseres wirtschaftlichen Umfelds“, warnt Christian Kullmann, Chef des Spezialchemiekonzerns Evonik gegenüber dem Handelsblatt. Die Firmen seien laut Kullmann gut beraten, sich auf anhaltende geopolitische Unsicherheiten und speziell in Deutschland auf dauerhaft hohe Energiepreise einzustellen. (fh)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Andreas Weihs

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