VonStefan Schollschließen
Der Bau der Pipeline Power of Siberia 2 verzögert sich weiter. Peking geht es nicht nur um niedrigere Gaspreise.
Gerade erst habe man ein gutes Projekt diskutiert, die neue Gasleitung „Power of Siberia 2“ durch die Mongolei, erklärte Wladimir Putin bei seinem vorletzten Treffen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping im März. „Praktisch alle Parameter der Vereinbarung sind abgestimmt“, sagte der russische Präsident. Sein chinesischer Gast schwieg.
Bei seinem Gegenbesuch im Oktober in Peking verkündete Putin, alle Seiten wollten an dem Projekt teilnehmen, er denke, man werde mit gutem Tempo vorankommen. Aber das erklärte er nicht Xi, sondern dessen mongolischen Kollegen Chaltaagiin Battulga. Xi schwieg wieder. Und die feierliche Unterzeichnung des Pipeline-Abkommens, auf die Moskau seit langen Monaten hofft, fand wieder nicht statt.
Xi lässt seinen „lieben Freund“ Putin zappeln. „Es gibt spezifischen Druck auf der Ebene der Präsidenten. Es geht um billigere Preise. Sie können hohe Nachlässe verlangen“, zitiert die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ eine Quelle, die über den Verhandlungsverlauf informiert ist.
Power of Siberia 2, das sind 2600 Kilometer Gasröhre, durch die jährlich 50 Milliarden Kubikmeter Gas von den westsibirischen Gasfeldern auf der Jamal-Halbinsel durch die Mongolei nach Peking strömen sollen. Die Pipeline mit voraussichtlichen Baukosten von zehn bis 13,6 Milliarden Dollar gilt als Gegenstück zur Nordstream 2-Leitung nach Deutschland: Mit dem 2014 spruchreif gewordenen Projekt wollte der Staatskonzern Gasprom seine Lieferungen nach China auf das Niveau seines europäischen Exports heben.
Aber dann startete Putin seine „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine. Das „feindselige“ Europa, das vorher mehr als 150 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich konsumiert hatte, fiel als Hauptkunde des Konzerns weg. Die Gesamtfördermenge von Gasprom sank von 260,8 Milliarden Kubikmeter im ersten Halbjahr 2021 auf 170,5 Milliarden Kubikmetern im ersten Halbjahr 2023. Allein im zweiten Halbjahr 2022 machte Gasprom Verluste von mehr als 12,3 Milliarden Dollar, sein Bankguthaben schrumpfte von 20,7 Milliarden Dollar Anfang 2022 auf sieben Milliarden Ende Juni 2023. „Gasprom ist heute eine der schlechtesten Ideen auf dem russischen Markt“, urteilt das Börsenportal Investing.com. Die Gaspipeline nach China aber sei die „große Hoffnung aller, die noch an Gasprom glauben“.
Putin redet von 100 Milliarden Kubikmeter Gas, die nach China fließen werden, sobald die Leitungen Power of Siberia 1 und 2 voll ausgelastet sein werden. Aber noch immer ist unklar, wann der Bau von Siberia 2 beginnt. Auch das Transitland Mongolei verhandelt sehr hinhaltend: Man habe mit den Russen bisher weder Tarife noch Steuern besprochen, 2024 würden die Arbeiten ganz sicher nicht starten, sagte Munchnaran Bajarlchagja, ein Exmitglied des mongolischen Sicherheitsrates. Womit auch die von Moskau angestrebte Inbetriebnahme 2030 in Frage steht.
Laut „Moscow Times“ wird China Gasprom dieses Jahr gerade 22 Milliarden Kubikmeter abkaufen, ein Siebtel dessen, was einst die EU abnahm. Und das zu einem mittleren Preis von 297,3 Dollar für 1000 Kubikmeter, die Türkei und die europäische Restkundschaft zahlen 501,6 Dollar. China dürfte noch niedrigere Preise fordern, sagen die Quellen der „South China Morning Post“. China wolle sich zudem nicht finanziell am Bau der Pipeline beteiligen, dabei auch keinerlei Risiken eingehen.
Iwan Rodionow, Finanzexperte der Moskauer Hochschule für Wirtschaft glaubt trotzdem, dass chinesische Banken den Bau zwischenfinanzieren. „Deshalb steht es außer Frage, ob das Projekt realisiert wird. Weil diese Banken ihr Geld verlieren, wenn etwas mit der Pipeline passiert.“
China denkt offenbar nicht nur an Superramschpreise. Laut der Nachrichtenagentur Reuters will die Volksrepublik demnächst gemeinsam mit Turkmenistan die „Linie D“ bauen, eine Gaspipeline mit einem Liefervolumen von 30 Milliarden Kubikmeter jährlich. Auch wenn die turkmenischen Preise ein Drittel über denen Russlands liegen. Dieser Transportkanal habe einen strategischen Wert, der wichtiger sei als alle kommerziellen Aspekte, sagte ein chinesischer Beamter Reuters. Auch wenn Xi gegenüber Putin von „unbegrenzter Zusammenarbeit“ gesprochen hat, besitzt sein Vertrauen in Gasprom und Russland offenbar Grenzen.
