- VonGerd Höhlerschließen
In der Türkei sind die Folgen von Erdogans bizarrer Wirtschaftspolitik zu spüren.
In der Türkei steigen die Preise. Das bekommen nicht nur die türkische Staatsbürger:innen zu spüre, auch die Touristinnen und Touristen müssen tiefer in die Tasche greifen. Mit einer Kehrtwende in der Zinspolitik versucht Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Geldentwertung zu bremsen. Doch damit könnte er das Land in eine Rezession treiben.
8200 Lira Rente bekommt Selma S., umgerechnet knapp 285 Euro. 7900 Lira beträgt die Miete für ihre Ein-Zimmer-Altbauwohnung im Istanbuler Stadtteil Beyoglu. Dazu kommen Heizkosten, Strom und Wasser. Überleben kann die 72-jährige Witwe nur, weil ihre beiden Töchter sie finanziell unterstützen. Die Notlage der alten Frau ist vor allem ein Ergebnis der Inflation. Im August betrug sie fast 60 Prozent. Und die offiziellen Zahlen sind wohl geschönt. Die regierungsunabhängige Forschungsgruppe Enag beziffert die tatsächliche Teuerung auf 122,9 Prozent.
Die Geldentwertung treibt immer mehr Menschen in die Verarmung. Nach Berechnungen des Gewerkschaftsbundes Birlesik Kamu Is liegt die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie bei 38 273 Lira, umgerechnet 1 328 Euro. So viel braucht ein Ehepaar mit zwei Kindern monatlich für Miete, Nebenkosten, Kleidung und Lebensmittel. Um auf diesen Betrag zu kommen, müssten mindestens drei Familienmitglieder den staatlichen Mindestlohn verdienen – er wurde zum 1. Juli auf 11 402 Lira heraufgesetzt, umgerechnet 395,60 Euro.
Vier von zehn Menschen in der Türkei müssen damit auskommen. Doch der Mindestlohn und viele Renten reichen in Großstädten wie Istanbul meist nicht einmal für die Miete.
Das Inflationsziel rückt weiter in die Ferne
Der Kaufkraftschwund ist das Ergebnis der bizarren Wirtschaftspolitik, die Erdogan in den vergangenen Jahren verfolgte. Er vertritt die These, dass man die Inflation am besten mit Zinssenkungen bekämpft. Die geltende ökonomische Lehrmeinung sagt das genaue Gegenteil, weshalb Notenbanken in aller Welt auf steigende Inflationszahlen mit Leitzinserhöhungen reagieren. Vor allem vor dem Wahlen im Mai flutete Erdogan das Land mit billigem Geld, um den Eindruck einer florierenden Wirtschaft zu erwecken.
Jetzt wirft er das Ruder herum: Erdogan berief den früheren Investmentbanker Mehmet Simsek zum Finanzminister und vertraute die Führung der Zentralbank einer ehemaligen Wall-Street-Bankerin, Hafize Gaye Erkan. an.
Erkan erhöhte die Leitzinsen von 8,5 auf 25 Prozent – Kredite verteuern sich dadurch, die Unternehmen investieren weniger. Das Land könnte in eine Rezession rutschen. Doch die Preise steigen weiter, auch als Folge einer Mehrwertsteuererhöhung von 18 auf 20 Prozent und höherer Unternehmenssteuern.
Das offizielle Inflationsziel von 22,3 Prozent, das Ende 2023 erreicht sein sollte, rückt damit immer weiter in die Ferne. Die Zentralbankchefin Erkan erwartet nun zum Jahresende eine Inflationsrate von 58 Prozent. Für 2024 wurde die Inflationsprognose von 8,3 auf 33 Prozent angehoben.
Für ausländische Besucher:innen wird die Teuerung zum Teil durch die Abwertung der Lira ausgeglichen. Bekam man vor einem Jahr für einen Euro 18 Lira, gibt es jetzt pro Euro 29 Lira. Dennoch waren Pauschalreisen in die Türkei im ersten Halbjahr in Euro durchschnittlich elf Prozent teurer als im Vorjahr.
Wer individuell Türkei-Urlaub macht, spürt die Inflation noch stärker: Nach Angaben des Datendienstleisters STR Global sind die Tagespreise für Hotelzimmer in Antalya in Euro gerechnet jetzt 37 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Hoteliers rechtfertigen die Preiserhöhungen mit steigenden Energiekosten, höheren Steuern und Lohnerhöhungen. Im Restaurant oder der Strandbar kann die Rechnung rund doppelt so hoch ausfallen wie vor einem Jahr.
Urlaubsländer wie Spanien und Griechenland unterbieten inzwischen bei manchen Angeboten die früher viel billigere Türkei. Das nutzen auch immer mehr Türkinnen und Türken: Sie fahren per Schiff zu einer der griechischen Ägäisinseln, weil dort die Ferien billiger sind als im eigenen Land. Allerdings: Nach einer Studie des türkischen Verbraucherverbandes können sich nur 27 Prozent der Menschen in der Türkei dieses Jahr überhaupt einen Urlaub leisten.