Vertrauen international sinkt

Deutschland verliert in Davos an Ansehen: „Scholz hat keine Führungsstärke“

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Das Weltwirtschaftsforum in Davos trifft sich dieses Jahr auch zur Krisenberatung. Für Deutschland sehen Top-Ökonomen hohen Handlungsbedarf.

Berlin - Das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos hat begonnen. Mit 2.800 erwarteten Teilnehmern und Teilnehmerinnen sollen so viele Menschen nach Davos reisen wie nie zuvor. Im Vorfeld wurden die Erwartungen abgesteckt: Der Ukraine-Krieg oder der Krieg zwischen Israel und der Hamas werden im Vordergrund stehen, politische Lösungen werden aber nicht erwartet, wie die Tagesschau einschätzt. Es gehe vielmehr darum, Vertrauen herzustellen, um ein „Mindestmaß an Zusammenarbeit“ zu gewährleisten. Trotzdem wird das Forum politisch wie lange nicht, und viele Augen richten sich auf die teilnehmenden Politikerinnen und Politiker, wenn auch die Namen tonangebender Akteure wie Wladimir Putin auf der Gästeliste fehlen.

Im vergangenen Jahr hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Davos einen Fokus vor allem auf Klimaneutralität gesetzt. Deutschland wolle bis 2045 klimaneutral werden und zugleich ein starkes Industrieland bleiben, meinte Scholz in seiner Rede 2023, und sagte: „Wer nachhaltig und rentabel in die Zukunft investieren wolle, ist in Deutschland und Europa richtig.“

PWC-Studie bescheinigt Deutschland schwindendes Vertrauen von ausländischen CEOs

Nicht in dieses Bild passt da eine Studie der Unternehmensberatung PWC, für die über 4.700 CEOs aus 105 Ländern befragt wurden. Demnach schwindet ein Jahr später das Vertrauen der Geschäftsleute aus anderen Ländern in den Wirtschaftsstandort Deutschland. Nur noch 15 Prozent der CEOs ausländischer Unternehmen gehen davon aus, dass Deutschland für ihr eigenes Unternehmenswachstum in den kommenden zwölf Monaten wichtig ist, im Vorjahr waren es noch 18 Prozent.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) soll mehr Führungsstärke zeigen. (hier bei der Eröffnung vom DB-Instandhaltungswerk für ICE 4-Züge)

Erst am Montag (15. Januar) wurde bekannt, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland um 0,3 Prozent gesunken ist. Damit befindet sich Deutschland in der Rezession.

Top-Ökonom aus Österreich: „Kann bei Olaf Scholz keine Führungsstärke erkennen“

Und da richten sich die Augen der Wirtschaft auf die Politik. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche sagte Österreichs Top-Ökonom Gabriel Felbermayr, dass Deutschland zwar nicht der „kranke Mann Europas“ sei, aber schon an einer „Erkältung“ leide. Und die könne sich auswirken, sagt er als Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO): Deutschland habe mit 30 Prozent den höchsten Anteil an der Wertschöpfung in der Eurozone. „Wenn in Deutschland nun aufgrund der Sparzwänge immer mehr Unterstützungsmaßnahmen auslaufen oder gestrichen werden, wird das die Preise für bestimmte Produkte nach oben treiben“, meint er, was eine steigende Inflation zur Folge habe.

Solche Impulse aus Deutschland könnten wiederum dazu führen, dass ganz Europa auf die dringend ersehnten Zinssenkungen verzichten müsse. In der deutschen Politik sehe er derzeit aber keine „Wunderkur“ für das Problem in Sicht. Und das wirft er direkt Scholz vor, der keine „Leadership“ zeige.

„Mit Verlaub, ich kann bei Olaf Scholz keine Führungsstärke erkennen, die in einer solchen Krise jetzt notwendig wäre“, meint Felbermayr. „Die Koalition wurstelt sich jetzt so durch, aber bitte, das ist doch nicht der Schub, den Deutschland langfristig braucht. Das Trendwachstum sinkt die nächsten 10 bis 15 Jahre“, meint Felbmayr, und versteigt sich fast schon dazu, aus dem österreichischen Ausland einen Regierungswechsel für Deutschland zu fordern. Es würden jetzt „Rezepte gebraucht, die auch Investoren überzeugen, damit sie ihr Geld in Deutschland riskieren.“ Davon sehe er nichts.

Zum Weltwirtschaftsforum in Davos reist Scholz nicht an, dafür Baerbock, Habeck und Lindner

Nun hat sich Scholz selbst für 2024 - vielleicht einmal mehr - zum Ziel gesetzt, mehr Führungsstärke zu zeigen, wie er auf dem SPD-Parteitag im Dezember versprach. Und der Druck auf ihn wächst: Auch von internationalen Analysten wird angemahnt, er müsse in die Führungsrolle gehen. In Davos wird er sie nicht unter Beweis stellen: Statt Scholz reisen in diesem Jahr unter anderem Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne), Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) an.

Auf dem Weltwirtschaftsforum wird es unterdessen noch um ganz andere Themen gehen, die vielleicht nicht alle mit deutscher Führungsstärke gelöst werden müssen: Die Schweiz möchte eine Friedenskonferenz für die Ukraine ausrichten, die Präsident Wolodymyr Selenskyj befürwortet, wie nach einem Vorabtreffen am Montag bekannt wurde. In weiten Teilen wird das Wirtschaftsforum damit zu einem Krisenpolitikforum, das mit wachsender Ungleichheit in einigen Weltteilen, gestörten Lieferketten, verstärktem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz und auseinanderfallenden Allianzen ringen muss.

Die deutsche Wirtschaft kann den schlechten Einschätzungen aber doch noch eines entgegensetzen: In der PWC-Studie glauben 67 Prozent der deutschen CEOs, dass das Wirtschaftswachstum wieder anziehen wird, und Deutschland bleibt - bei allen sinkenden Zustimmungswerken - nach den USA und China der drittwichtigste Wachstumsmarkt der Welt. (kat)

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul

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