Faulpelz-These

Hartes Urteil aus dem Ausland: Deutsche arbeiten zu wenig

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Fleiß und Einsatz galten immer als deutsche Tugenden. Doch ein einflussreiches US-Medium rechnet mit uns ab. Die Statistiken geben ihm auf den ersten Blick Recht.

München – Geht es um Deutschlands Leistungsfähigkeit, sind es gerne Medien aus dem Ausland, die den Bundesbürgern den Spiegel vorhalten. Als „kranken Mann Europas“ bezeichnete der britische „Economist“ Deutschland angesichts seines schwachen Wachstums im Jahr 1999. Nun ist es ein Amerikaner von der Nachrichtenagentur „Bloomberg“, der den Finger in die Wunde legt, Chris Bryant. Der Finanzdienst wird weltweit gelesen und ist sehr renommiert. Bryant fragt sich dort in einem Meinungsartikel: „Haben die Deutschen ihre berühmte Arbeitsethik vergessen?“

Dass die Faulpelz-These stimmen könnte, legen zumindest die Zahlen nahe

Arbeiten die Deutschen zu wenig? Aus dem Ausland kommen harte Urteile

Dass die Faulpelz-These stimmen könnte, legen zumindest die Zahlen nahe: Alle Deutschen im erwerbstätigen Alter arbeiteten im Schnitt nur 1031 Stunden pro Kopf und Jahr – in allen anderen Industrienationen wird länger geschuftet (siehe Grafik). Selbst die in der Schuldenkrise von Medien gerne als faul gescholtenen Griechen liegen mit 1145 Stunden weiter vorne, Amerikaner mit 1291 Stunden sowieso, Neuseeland ist mit 1393 Stunden weit enteilt. In Kombination mit dem Fachkräftemangel, der die Wirtschaft längst in große Probleme stürzt, ist das gefährlich. Und: Die Deutschen sind auch vergleichsweise oft krank. Bryant bezieht sich hier auf eine Auswertung des IAB, des Forschungsinstituts der Arbeitsagentur. Demnach hatte jeder deutsche Angestellte 15 Krankentage im Jahr. Andere Statistiken wie jene des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen sprechen sogar von rund 20 Tagen.

Ist die protestantische Arbeitsethik, die Deutschland einmal ausgezeichnet hatte, also wirklich flöten gegangen? Kommt vor allem bei der jungen Generation „Lifestyle vor Leistung“, wie es Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagt? Die Zahlen scheinen die Faulpelz-These jedenfalls zu stützen. Doch ganz so einfach ist es nicht: Was den Krankenstand betrifft, bleibt die nach 1997 geborene Generation Z zwar tatsächlich öfter schniefend und betrübt im Bett als die robusteren 25- bis 39-jährigen. Besonders oft krank sind aber jene Arbeitnehmer, die auf der Zielgeraden des Erwerbslebens sind. So haben die 59- bis 64-jährigen 39 Krankentage im Jahr – fast doppelt so viel wie der Schnitt. Insgesamt hilft das aber auch nicht: Eine Analyse des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen zeigt, dass der Krankenstand in Deutschland zuletzt stärker gestiegen ist als in den USA oder Schweden, was die deutsche Wirtschaft 2023 sogar in die Rezession drückte.

So viel wird in Deutschland gearbeitet

Ähnlich ist das Bild bei den Arbeitsstunden. In Deutschland regeln nicht nur viele Tarifverträge die Arbeitszeit und es gibt viel Urlaub – es arbeiten auch vergleichsweise viele Frauen, mehr als beispielsweise in Frankreich. Die Hälfte von ihnen jobbt wegen der Kinderbetreuung aber nur Teilzeit, was den Durchschnitt der geleisteten Arbeitsstunden nach unten drückt. Das geben auch die Forscher des IW Köln zu Bedenken, von denen denen der Arbeitsstunden-Vergleich stammt. Dennoch sehen sie viel Luft nach oben, wenn mehr deutsche Frauen ihre Arbeitszeit anheben würden, wie es in der Schweiz oder Neuseeland der Fall ist, wo ähnlich viele Frauen wie in Deutschland arbeiten, das aber länger. Sie könnten den durch die gesellschaftliche Alterung entstehenden Arbeitskräftemangel kompensieren. „Würde in Deutschland gleich viel gearbeitet wie in Neuseeland, könnte das Arbeitsvolumen rund 30 Prozent höher liegen“, schreiben die Ökonomen.

Auch Bloomberg-Journalist Bryant räumt trotz provokanter Leitfrage ein, dass die Deutschen nicht wirklich faul seien. Vielmehr leide die Produktivität unter dem Arbeitskräftemangel und der Demografie. Deutschland müsse deshalb dafür sorgen, dass noch mehr Frauen in den Job kommen – am besten Vollzeit. Dafür sollte die Politik Heim- und Herdprämien wie das Ehegatten-Splitting abbauen und die Kinderbetreuung ausbauen, rät er. Auch Rentner würden vermehrt gebraucht, um sie sollte man sich ebenfalls bemühen.

Damit die nächste Generation Wohlstand und Lebensstandard halten könne, müsse unter dem Strich jeder etwas mehr anpacken, so Bryant. Weniger Steuern für Überstunden, wie sie Finanzminister Christian Lindner (FDP) fordert, könnten dafür einen Anreiz geben, seien aber nur ein Anfang. Denn es gäbe ein grundsätzliches Problem, das vielen die Lust auf mehr Einsatz Job vermiese: In Deutschland werde Kapital kaum, Arbeit dagegen stark besteuert. „Kein Wunder, dass die Deutschen keinen Sinn darin sehen, mehr zu arbeiten“, glaubt Bryant.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Andreas Friedrichs

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