VonLisa Mayerhoferschließen
Marcel Reichschließen
Die deutsche Baubranche startet schwach ins neue Jahr. Vor allem der Wohnungsbau leidet unter sinkender Nachfrage und steigenden Kosten.
München – Die deutsche Baubranche, die bereits in einer Krise steckt, erlebt einen weiteren Rückschlag: Die Nachfrage nach neuen Wohnungen bleibt zu Beginn des Jahres schwach, was die Branche weiter belastet. Im Januar verzeichnete das Bauhauptgewerbe einen Rückgang der Neuaufträge um 7,4 Prozent im Vergleich zum Dezember, inflationsbereinigt, wie das Statistische Bundesamt am Montag (25. März) bekannt gab. Ebenso ging der Umsatz spürbar zurück und sank real um 5,3 Prozent im Vergleich zum Januar 2023. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) bezeichnete dies als einen „schwachen Jahresstart“.
Insbesondere der Wohnungsbau trug zu dieser Entwicklung bei: Die Aufträge gingen im Januar um überdurchschnittliche 17,8 Prozent zurück. Angesichts der zuletzt stark gesunkenen Baugenehmigungen ist eine schnelle Trendwende unwahrscheinlich. Der Hochbau insgesamt, zu dem neben dem Wohnungsbau auch die Errichtung von Fabriken oder Verwaltungsgebäuden gehört, verzeichnete einen realen Rückgang von 12,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Das Neugeschäft im Tiefbau, das auch den staatlich dominierten Straßenbau umfasst, schrumpfte zu Jahresbeginn um 3,1 Prozent.
Empfehlung: Eher gebrauchte Immobilie statt Neubau kaufen
Tim-Oliver Müller, HDB-Hauptgeschäftsführer, kommentierte die Entwicklung mit den Worten: „Zu Jahresbeginn setzt sich die ungleiche Entwicklung in der Baubranche fort“. Er fügte hinzu: „Auf der einen Seite die nach wie vor desaströse Situation im Wohnungsbau und auf der anderen Seite ausgleichende Großprojekte im Wirtschaftstiefbau, in dem Bahn- und Kabelleitungsbau verortet sind.“ Letzterer konnte immerhin ein Orderplus von 20 Prozent verzeichnen.
Birgit Weber, Finanzierungsberaterin bei Pasch & Kruszona in Krefeld, rät in einem Beitrag auf Focus Online dazu, „sich weiter mit dem Immobilienmarkt auseinanderzusetzen“, trotz der kontinuierlich steigenden Mieten und des anhaltenden Wohnungsmangels. Sie weist auch auf Fördermöglichkeiten wie das KfW-Wohneigentumsprogramm oder durch die BAFA hin.
Allerdings empfiehlt sie potenziellen Käufern eher eine gebrauchte Immobilie als einen Neubau. „Am besten eine ‚junge‘ gebrauchte Immobilie, da die Risiken wie Insolvenz des Bauträgers, rechtzeitige Fertigstellung, Doppelbelastung durch Bauzeit oder Nachfinanzierung durch Mehrkosten deutlich geringer sind als bei einem Neubau“, so Weber gegenüber dem Nachrichtenportal.
Aufschwung in naher Zukunft nicht in Sicht
Ein besonderes Problem sind die Insolvenzen: „Ich glaube, dass wir erst am Anfang der Pleitewelle im Neubau stehen. Stark betroffen sind Objekte, die ab Anfang 2022 noch nicht verkauft und noch nicht fertiggestellt sind. Steigende Zinsen und Baukosten haben den Neubaumarkt für die Unternehmen unplanbar gemacht“, erklärt Weber auf Focus Online. Sie fügt hinzu: „Aufgrund der sinkenden Nachfrage dürften auch die Neubaupreise sinken. Bei explodierenden Baukosten können die Preise aber nicht fallen, sonst wird mit Verlust verkauft. Die Immobilie als Kapitalanlage hat Konkurrenz vom Kapitalmarkt bekommen, die Kapitalanleger sind weggebrochen.“
Leider ist in naher Zukunft kein Aufschwung in der Baubranche zu erwarten. Obwohl sich die Stimmung im Bauhauptgewerbe im März etwas aufhellte, wie aus der monatlichen Unternehmensumfrage des ifo Instituts hervorgeht, und die Erwartungen nach dem historischen Tief im Vormonat stiegen, bleiben „Die Aussichten jedoch düster“, so das Fazit der Münchner Wirtschaftsforscher.
Die stark gestiegenen Zinsen, mit denen die Europäische Zentralbank (EZB) die hohe Inflation bekämpfen will, belasten insbesondere den Wohnungsbau. Viele Projekte werden für Bauherren zu teuer. Dies ist nach Meinung vieler Experten ein soziales Problem, da bezahlbarer Wohnraum in den Städten auf absehbare Zeit knapp bleiben dürfte.
Das ursprüngliche Ziel der Bundesregierung, jedes Jahr 400.000 neue Wohnungen fertigzustellen, scheint nach Einschätzung des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in immer weitere Ferne zu rücken. „Nach aktuellem Auftragseingang dürften absehbar nur noch etwas mehr als halb so viele Wohnungen fertiggestellt werden“, so der wissenschaftliche IMK-Direktor Sebastian Dullien.
Mit Material von Reuters
Rubriklistenbild: © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON


