VonLisa Mayerhoferschließen
Deutschland muss gerade wieder viel Strom importieren – während die Atomkraftwerk-Nation Frankreich zum Exportmeister avanciert. Kritik am AKW-Aus wird wieder laut.
München – Der Umbau des deutschen Energiesystems ist ein Mammutprojekt. Das Ziel: In Zukunft soll der Strom aus der Steckdose aus erneuerbaren statt fossilen Energien stammen. Die Ampel-Regierung hat zudem Mitte April den Atomausstieg vollzogen und die letzten drei noch laufenden Atomkraftwerke (AKW) in Deutschland abgeschaltet. Seitdem haben die Stromimporte zugenommen.
Wegen AKW-Aus? Deutschland importiert wieder mehr Strom
Das zeigt unter anderem eine Auswertung von Experten für den europäischen Strommarkt, „EnAppSys“. Demnach habe sich Deutschland in den ersten sechs Monaten des Jahres vom drittgrößten Strom-Exporteur Europas zum Importeur entwickelt, berichtet die Bild-Zeitung mit Blick auf die Auswertung. Größter Strom-Exporteur sei dagegen Frankreich – das vor allem auf Atomstrom setzt.
Als Grund für diese Entwicklung nennen die Fachleute von EnAppSys das Atomkraft-Aus. „Diese Stilllegungen bedeuteten, dass Deutschland in Zeiten geringer erneuerbarer Stromerzeugung zusätzlichen Strom aus anderen Ländern beziehen musste“, sagte Experte Jean-Paul Harreman gegenüber der Bild.
Deutschland importierte im Sommer schon häufiger mehr Strom
Besonders ironisch nach dem Atomausstieg: Nach Angaben der Denkfabrik Agora Energiewende stammt etwa ein Drittel der Stromeinfuhren aus Atomkraftwerken, vor allem französischen. Die Fachleute ziehen aber die These in Zweifel, dass die Stromimporte auf die hiesige Abschaltung der AKW zurückzuführen ist. Auch in der Vergangenheit war Deutschland immer wieder zeitweise Nettoimporteur von Strom.
Denn dass hierzulande im Sommer mehr Strom importiert als exportiert wird, ist kein Alleinstellungsmerkmal für das laufende Jahr. Schon früher, als hierzulande noch ein erheblicher Anteil des Stroms aus Kernenergie erzeugt wurde, zeigte sich in den wärmeren Monaten auch schon ein Import-Überschuss – unter anderem in den Jahren 2010, 2011, 2014, 2019, 2020 und 2021. Allerdings ist auch richtig, dass zum Beispiel 2021 der Saldo nicht dieselbe Höhe erreichte wie 2023.
Stromimporte erst einmal kein Zeichen für Abhängigkeit
Die Bundesrepublik handelt seit Jahrzehnten im Rahmen des europäischen Energiemarktes mit anderen EU-Staaten in Sachen Strom. Die allerseits gewollte Zusammenarbeit der Länder soll ermöglichen, Geld und Emissionen einzusparen. Das heißt: Strom wird sowohl importiert als auch exportiert – und damit innerhalb des Staatenbundes dorthin weitergereicht, wo er benötigt wird.
Es gibt Zeiten, an denen für Deutschland die Elektrizität von den Nachbarn billiger ist als die hierzulande produzierte. Vor allem Strom aus erneuerbaren Energien wird immer preiswerter im Vergleich zur konventionellen Variante. Ein möglicher Import ist in diesen Fällen also kein Zeichen für eine Abhängigkeit, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung.
Übrigens: Seit rund 20 Jahren führt Deutschland Jahr für Jahr mehr Strom aus, als es aus anderen Ländern bekommt. Im Jahr 2022 zum Beispiel wurde ein Exportüberschuss von etwa 26 Terawattstunden (TWh) erzielt. Wie sich der Strommarkt nun nach dem AKW-Aus erst einmal weiter entwickelt, bleibt abzuwarten. Vor allem, weil der Strombedarf eher steigen als sinken wird.
Söder kann sich Wiedereinstieg in Kernenergie vorstellen
CSU-Chef Markus Söder zeigte sich jedenfalls angesichts des Atomausstiegs skeptisch – er könne sich einen Wiedereinstieg Deutschlands in die Kernenergie vorstellen. „Und wir werden ab 2025 versuchen – wenn die Energiekrise dann noch da ist – eben eine Reaktivierung zu machen“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Sonntag im ARD-Sommerinterview. Deutschland sei, sagte Söder, dank des von der Ampel umgesetzten Ausstiegs aus der Atomkraft im internationalen Vergleich ein „energiepolitischer Geisterfahrer“. „Die ganze Welt setzt jetzt in der Krise darauf, Kernenergie als Überbrückungsenergie zu behalten – nur Deutschland nicht“, betonte Söder.
Der Beschluss, aus der Atomkraft auszusteigen, stammt aus dem Jahr 2011 und war damals nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima auf Drängen von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zustande gekommen. Söder hatte sich damals ebenfalls vehement für einen Ausstieg ausgesprochen, seit der Energiekrise aber seine Meinung wie viele andere Unionspolitiker geändert.
Die Ampel-Koalition setzt dagegen beim Umbau des Stromsystems vor allem auf erneuerbare Energien aus Wind und Sonne – für „Dunkelflauten“ aber sollen neue Wasserstoff- und Gaskraftwerke gebaut werden. Um staatliche Anreize dafür zu setzen, plant Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) eine Kraftwerksstrategie. Bis dahin müssen die umweltschädlichen Kohlekraftwerke herhalten – oder eben AKW-Strom aus Frankreich importiert werden.
Mit Material der dpa
