Ryanair-Chef wettert gegen deutsche Flughäfen: „Billigflüge in Deutschland vorbei“
VonSteffen Herrmann
schließen
Ryanair-Chef Eddie Wilson spricht mit der Frankfurter Rundschau über teure Flughäfen, den Verlust von Infrastruktur, die Rolle der Lufthansa und über die moderne Reise-Experience.
Frankfurt – Bald will Eddie Wilson wieder nach Deutschland jetten. Der Grund: die deutschen Weihnachtsmärkte. Der Chef von Ryanair ist ein Fan von Glühwein und gebrannten Mandeln. Für das Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA schaltet sich der Ire aber noch aus Dublin zu. Seine wichtigste Botschaft: Deutsche Flughäfen seien zu teuer.
Herr Wilson, ist die Zeit der Billigflüge vorbei?
In Deutschland auf jeden Fall. Der deutsche Markt wird künstlich beschränkt durch die Politik, deshalb gehen die Preise dort durch die Decke. In anderen Teilen Europas ist das anders. Wenn man weniger von etwas hat, dann steigt der Preis. Und das passiert gerade in Deutschland.
Warum ist das so?
Es gibt eine Reihe von Gründen. Während der Corona-Pandemie hat die Regierung den Regionalflughäfen nicht geholfen, sondern hat den Betrieb der großen Flughäfen aufrechterhalten. Gleichzeitig musste die Regierung die Lufthansa retten. Die Konsequenz daraus: Die Lufthansa hat mehr als 100 Flugzeuge stillgelegt und ihre Kapazitäten auf Frankfurt und München konzentriert. Airports in Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg haben sich noch nicht von den Pandemie-Folgen erholt. Dort gibt es weniger Airlines und weniger Flugzeuge, also auch weniger Sitze. Deshalb steigen die Preise. Der gesamte deutsche Airport-Markt hat bislang nur rund 75 Prozent des Vor-Pandemie-Niveaus erreicht.
In anderen europäischen Ländern ist das anders?
Spanien ist bei 110 Prozent, Italien bei 112 Prozent, UK bei 122 Prozent, Irland ist bei 132 Prozent. Es gibt also strukturelle Probleme für die Schwäche der deutschen Flughäfen.
Ryanair kritisiert teure Flughäfen in Deutschland
Warum haben sich die deutschen Flughäfen noch nicht von den Pandemiefolgen erholt?
Die Preise sind zu hoch im Vergleich zu den Airports anderer Länder. Die Flughäfen sind die einzigen variablen Kosten, die wir haben: Flugzeuge kosten überall gleich viel, die Personalkosten sind in Europa weitgehend ähnlich, der Treibstoff macht keinen Unterschied. Es kommt also auf die Flughäfen an – und da sind die Kosten in Deutschland zuletzt dramatisch gestiegen. Airlines sind profitabler, wenn sie ihre Flugzeuge in anderen Ländern stationieren. Easyjet zieht die Hälfte seiner Flotte aus Berlin ab, Ryanair streicht 25 Prozent. Und das in der Hauptstadt der größten europäischen Volkswirtschaft. Aber Airlines kommen nun mal aus einer Zeit mit großen Verlusten – der Pandemie. Da ist es nur vernünftig, Airlines dort zu platzieren, wo sie die beste Rendite erzielen können.
Airlines werden ihre Kapazitäten nicht erhöhen; es gibt auch keine neuen Flugzeuge für Kurzstrecken, weil Airbus und Boeing bis 2030 ausgelastet sind. Und Lufthansa konzentriert sich auf die sehr profitablen Langstrecken. Wissen Sie, die Lufthansa wurde mit deutschem Steuergeld gerettet und dankt es den deutschen Steuerzahlern, indem sie kleiner wird und die Preise erhöht. Es gibt keine Hoffnung, dass sich an dieser Situation strukturell etwas ändern wird. Nach der Pandemie hat Deutschland eine schlechtere Infrastruktur als vorher. Für die deutsche Wirtschaft wird das teuer: Rund 8,5 Milliarden Euro wird sie dieser Verlust von Verbindungen kosten.
Mit Blick auf den Klimawandel freuen sich viele Menschen darüber, dass es weniger Billigflüge gibt.
Unsere Klimabilanz ist besser als die jeder anderen Airline. Ich kann verstehen, dass deutsche Grüne sich über die ausbleibende Erholung des Flugverkehrs freuen. Aber die Menschen werden weiterhin reisen, nur werden sie dann mehr dafür zahlen müssen. Und die Flugkapazitäten verschwinden auch nicht, sie werden aus Deutschland einfach in ein anderes Land verschoben. Die deutschen Bürger zahlen den Preis dafür.
Für Ryanair läuft es doch gut. Im August haben Sie mit 18,9 Millionen Fluggästen einen neuen Passagierrekord aufgestellt. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Ryanair mit einem Gewinn von 1,85 Milliarden bis 2,05 Milliarden Euro. Und so soll es weitergehen: Ryanair will wachsen, verspricht Investoren „eine Dekade des Wachstums“. Welche Rolle spielt Deutschland in den Plänen?
Na ja, zur Zeit steht Deutschland ganz am unteren Ende unserer Liste. Denn es gibt so viel Weißraum in anderen Ländern, die unsere Kapazitäten gerne aufnehmen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die spanische Regierung hat die Airport-Kosten reduziert und einen Preisstopp bis 2027 eingerichtet. Das war ein Signal für uns, in Spanien zu investieren und Kapazitäten zu erhöhen. Für Spanien bedeutet das: mehr Flüge, niedrigere Ticketpreise. Davon profitiert die Wirtschaft und der Tourismus. Deutschland wählt einen anderen Weg: Kosten erhöhen und auf ein Wunder hoffen. Das ist keine gute Strategie, zumindest nicht für niedrige Flugpreise.
Zur Person
Eddie Wilson , 60, arbeitet seit 1997 für Ryanair. Zunächst war er als Chief People Officer für das Personal zuständig, seit 2019 führt er die Airline als CEO. Er folgte auf Michael O’Leary, der Konzernchef bei der Ryanair Holding wurde. Die Ryanair Holding besteht aus den Fluggesellschaften Ryanair, Buzz, Lauda und Malta Air. sbh
Die Chancen für ein zeitnahes Comeback von Ryanair an den Frankfurter Flughafen stehen also nicht gut?
Zur Zeit nicht. Wir sind bereit, über alles zu reden, aber man braucht Sicherheit bei den Kosten. Fraports Art, Geschäfte zu machen, ist, das Angebot einzuschränken, die Kosten hoch zu halten und darauf zu hoffen, dass alles gut wird. Aber: Airports kann man nicht verlagern, Flugzeuge schon.
Ein anderer interessanter Flughafen ist der Airport Hahn. Wie blicken Sie nach dem Eigentümerwechsel auf den Flughafen?
Für viele Jahre wurde Frankfurt-Hahn vernachlässigt. Die früheren Eigentümer haben nicht in die Infrastruktur investiert. Das ändert sich nun, und das ist gut. Wir führen gerade Gespräche mit den neuen Eigentümern und sind in einer hervorragenden Situation, um dort zu wachsen. Aber wir sind auch dort noch nicht am Ziel: Wir hatten mal neun Flugzeuge in Hahn stationiert, das ging runter auf zwei. Die neuen Eigentümer sind echte Geschäftsleute. Wir sind uns noch nicht in allem einig, wir haben unseren gemeinsamen Wachstumsplan für Hahn noch nicht festgezurrt, aber ich bin hoffnungsvoll wie lange nicht.
Worüber streiten Sie noch? Sind es die Kosten?
Ach, wissen Sie, Ryanair kann nur zusammen mit lebendigen Airports existieren. Es bringt mir nichts, mein Geschäft so aufzubauen, dass es jemand anderem das Geschäft vermiest
Flughäfen sind keine Reiseziele. Kurze Reisen von ein bis zwei Stunden innerhalb von Europa sind keine Experience. Die Menschen wollen schnell zum Flughafen kommen, sie wollen ihre Autos zu einem fairen Preis parken können. Sie wollen funktionelle Terminals, saubere Toiletten, guten Kaffee. Die Tasche sollte nicht verloren gehen und der Flieger pünktlich abheben. Und das alles zu einem fairen Preis. Manche Flughäfen sind noch in den 1950ern und 1960ern und denken, dass sie die Menschen mit Kunstwerken oder ausgezeichneter Architektur beeindrucken können. In der Pandemie haben wir gesehen: Die Menschen sind froh, wenn sie schnell durch den Sicherheitscheck kommen. Darauf kommt es an.