VonFabian Scheuermannschließen
Immer mehr gut ausgebildete Menschen aus Indien kommen nach Deutschland, um hier zu studieren oder zu arbeiten. Bürokratie und Sprache sind bedeutende Hürden.
Manche Zahlen sprechen für sich. Die Anzahl der Inderinnen und Inder in Deutschland ist so eine: Rund 246.000 waren es Ende 2023 – 17 Prozent mehr als 2022. Noch vor acht Jahren lebten keine 100.000 Menschen aus Indien im Land. Man könnte diese Zahlen, die zum Großteil legale Arbeitsmigration abbilden, auch so deuten: Abseits der aufgeregten Migrationsdebatten dieser Tage vollzieht Deutschland bei der Arbeitsmigration gerade ein Stück weit den Wandel hin zum modernen Einwanderungsland, den sich unter anderem die Ampel-Koalition auf die Fahnen geschrieben hatte – Vorbild Kanada.
Deutschland ist für Fachkräfte aus Indien attraktiv: „Vergessen Sie Kanada und UK!“
2022 wurde ein Migrationsabkommen mit Indien unterzeichnet, in zurückliegenden Sommer das Fachkräfteeinwanderungsgesetz von 2020 erweitert und im Herbst die Fachkräftestrategie Indien aufgesetzt. „In Indien kommen pro Monat eine Million Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bei einem Treffen mit Inder:innen in Berlin im Oktober – kurz darauf flog er nach Indien, um Fachkräfte zu werben.
Asyl ersuchten aus Indien 2023 in Deutschland nur rund 2500 Menschen – Anerkennungen gab es kaum. Gleichzeitig waren 137.000 großteils gut ausgebildete Inder:innen hierzulande im Februar 2024 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das US-Portal Business Insider titelte im Herbst gar: „Vergessen Sie Kanada und UK! Indische Fachkräfte sind in Deutschland gefragt“.
Die Not hierzulande ist groß – viel größer, als es die jüngsten Abschiebedebatten vermuten lassen würden. Um den Bedarf des deutschen Arbeitsmarkts zu decken, brauche es „bis 2040 jährlich rund 288.000 internationale Arbeitskräfte“, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung: Der demografische Wandel stelle „mit dem Ausscheiden der Babyboomer in den kommenden Jahren“ den Arbeitsmarkt vor „große Herausforderungen“.
In Deutschland fehlen tausende Arbeitskräfte: Indien kann sie entbehren
Schon jetzt fehlen in vielen Branchen ausgebildete Arbeitskräfte. Das 1,5-Milliarden-Land Indien soll Lücken füllen: In der IT-Branche, im Bau-, aber auch im Medizin- und Pflegebereich. Dass man bei einem solchen Transfer Fachkräfte aus Indien abzieht, stößt auch auf Kritik.
Gerade im Pflegebereich sind die Anwerbezahlen aber noch überschaubar: Seit Mitte 2021 können indische Pflegekräfte im Rahmen des „Triple-Win“-Projekts angeworben werden. Das ist eine Kooperation der Bundesagentur für Arbeit und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Von den rund 1500 Pflegekräften aus dem Bundesstaat Kerala, die von der Arbeitsagentur betreut werden, waren im September 450 eingereist. Erste Pflegekräfte aus dem Staat Telangana „befinden sich aktuell in der sprachlichen und fachlichen Vorbereitung“, so eine Sprecherin.
Einer, der 2024 aus Indien nach Deutschland kam, ist Tarun Joshi. Der 29-jährige Elektroniker für Betriebstechnik zog von Delhi nach Erfurt und arbeitet in der Region in der Automobilbranche. Deutschland war für ihn gerade auch wegen der Automobilindustrie interessant – in Erfurt schätzt er unter anderem die saubere Luft. Nur sei es nicht so leicht, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Die indische Community sei klein. Im Job könne er aber Englisch sprechen. Und die Stadt sei günstiger als viele andere deutsche Städte. Die politische Stimmung mache ihm keine Sorgen.
Starke AfD bedroht die Wirtschaft: Einwanderung ist dringend notwendig
Dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, schon: Er sprach vor der Wahl in Brandenburg von einem „Teufelskreis“: Dort, wo es besonders viel Zustimmung für die Rechtsaußen-Partei AfD gebe, würden Fachkräfte und Unternehmen oft abwandern. „Im Umkehrschluss steigt die Frustration derjenigen, die zurückbleiben“, vermutete er.
Dass Joshi in Erfurt gelandet ist, war Zufall: Er hatte im Netz nach Jobs gesucht, erzählt er. Und sei dort auf „Hand in Hand for International Talents“ (HiH) gestoßen, einer von Wirtschaftsministerium geförderten Kooperation von Arbeitsagentur und Industrie- und Handelskammern. Das Projekt bringt Fachkräfte aus Indien, Brasilien, Vietnam und den Philippinen mit deutschen Firmen in Kontakt und hilft bei der Migration und Integration.
Der HiH-Projektkoordinator in Erfurt, Juan Cantos, kennt die Hürden. So könne es auch mal ein Jahr dauern, bis klar sei, ob die Qualifikationen einer ausländischen Fachkraft anerkannt werden. „Die Dauer von Anerkennungsverfahren in Deutschland bleibt eine wesentliche Herausforderung“, sagt auch Denise Eichhorn von der Deutschen Auslandshandelskammer Mumbai. Auch der Spracherwerb stelle „nach wie vor eine große Hürde dar“. Doch es gebe „spürbare Verbesserungen, insbesondere bei der Bearbeitung von Visumsanträgen durch die Konsulate und die Botschaft, die nun schneller und reibungsloser ablaufen“.
Hier setzt auch die Fachkräftestrategie vom Herbst an: Bei der Vereinfachung von Visa-Anträgen, dem Ausbau von Deutschkursen in Indien und mehr Präsenz der Arbeitsagentur auf Branchenmessen dort etwa. Zudem sollen indische Studierende in Deutschland künftig durch die Bundesagentur aktiv bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt werden. Vergangenen Winter studierten rund 49 500 Inder:innen in Deutschland – die größte Gruppe ausländischer Studierender. In Darmstadt, wo es viele technische Studiengänge gibt, machten Inder:innen im ersten Halbjahr 2024 gar die größte Zuwanderungsgruppe aus – noch vor Menschen aus der Türkei und der Ukraine.
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