- VonMark Simon Wolfschließen
Die Angst vor einer Rezession geht um in der deutschen Wirtschaft. Könnten Zinssenkungen der Fed und der Europäischen Zentralbank die Wirtschaft wieder in Schwung bringen? Die Expertenmeinungen sind geteilt.
Wiesbaden – Derzeit steht ein großer Elefant im Raum der deutschen Wirtschaft. Welche Rolle dieser Elefant letztlich einnimmt, ist noch unklar. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass er auf eine drohende Rezession hinweist. Dieses Bild wird durch zahlreiche Warnsignale gestützt, die eine düstere Lage der deutschen Wirtschaft andeuten.
Steht die deutsche Wirtschaft vor einer Rezession? BIP-Wachstum verringert sich
Die Arbeitslosenquote ist zuletzt auf 3,4 Prozent gestiegen, die Auftragslage in der Industrie ist laut Einkaufsmanagerindex schwach, die Investitionen gehen zurück, und auch das Konsumklima ist im September laut GfK anders als erwartet eingebrochen. Hinzu kommen zahlreiche Unternehmensinsolvenzen und – vielleicht das stärkste Signal – ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP): Im Vergleich zum Vorquartal sank das BIP preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,1 Prozent. Eine erste Schätzung von Ende Juli hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden nun am 27. August bestätigt.
„Nach dem leichten Anstieg im Vorquartal hat sich die deutsche Wirtschaft im Frühjahr wieder abgekühlt“, sagte Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Im ersten Quartal 2024 hatte das BIP noch ein Wachstum von 0,2 Prozent im Vergleich zu Q4/23 verzeichnet.
Ifo-Geschäftsklima lässt tief blicken: Stimmung in deutscher Wirtschaft schlecht
Wie groß wird der Elefant also noch in den kommenden Monaten?
Mit dieser Einschätzung konfrontiert, hatte der Ökonom Clemens Fuest, Präsident des renommierten Münchener Ifo-Instituts, gegenüber IPPEN.MEDIA zumindest für den aktuellen Stand noch widersprochen. Doch angesichts der am Montag, 26. August, veröffentlichten Ergebnisse des Ifo-Geschäftsklimas gab er eine deutliche Warnung ab: „Die Stimmung in den Unternehmen ist im Sinkflug.“ Die rund 9.000 im August befragten Unternehmen bewerteten die aktuelle Wirtschaftslage schlecht, sodass der Index um 0,4 Punkte auf 86,6 Zähler fiel.
Damit sank der Wert des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers zum dritten Mal in Folge – auf den tiefsten Stand seit Februar. Auch die Bundesbank erwartet in den kommenden Monaten eine anhaltende Konjunkturflaute. Dennoch prognostiziert sie für das dritte Quartal ein leichtes Konjunkturplus. Damit würde Deutschland einer „technischen Rezession“ vorerst entgehen.
Deutscher Export performt schwach – Hoffnung auf Zinssenkungen im September
Der Rückgang des BIP im vergangenen Quartal war unter anderem auf das schwache Exportgeschäft zurückzuführen. So verkaufte Deutschland 0,2 Prozent weniger Waren und Dienstleistungen ins Ausland als im Vorquartal. Dies steht in Zusammenhang mit der schwachen Performance der US-amerikanischen Wirtschaft – derzeit immerhin der größte Absatzmarkt für deutsche Produkte weltweit. Experten wie Garry Evans, Chefstratege von BCA Research, warnen gegenüber dem US-TV-Sender CNBC, dass die größte Volkswirtschaft der Welt ebenfalls auf eine Rezession zusteuert – auch wenn dies vom Markt bisher nicht vollständig anerkannt wird.
Die vom Fed-Chef Jerome Powell für Mitte September angedeutete Senkung des Leitzinses könnte ein weiteres Indiz dafür sein. Experten erwarten, dass durch diese expansive Maßnahme Kredite günstiger werden, der Anlegermarkt angekurbelt wird und die Wirtschaft insgesamt wieder an Schwung gewinnt. Alles andere als eine Senkung wäre also eine Sensation. Doch für Evans kommt dieser Schritt zu spät – die US-Industrie- und Arbeitsmarktdaten seien zu schwach, eine Rezession rolle längst auf die USA zu.
Europäische Zentralbank peilt wohl lockere Geldpolitik an – Lohnwachstum in Deutschland stagniert
Doch was bedeutet das für Deutschland? Die Europäische Zentralbank (EZB) berät am 12. September ihrerseits über eine Anpassung des Leitzinses – erneut, wie schon bei der Zinswende im Juni, zeitlich vor der Federal Reserve (Fed). Damals hatte die EZB den Zinssatz um 0,25 Prozentpunkte auf 4,25 Prozent gesenkt. Die Fed hielt ihren Leitzins hingegen stabil bei 5,5 Prozent. Ob die EZB diesen Schritt wiederholt, ist trotz der deutlichen Hinweise der Fed noch nicht sicher. Ein Argument für eine Lockerung der Geldpolitik sind jedoch die Daten zum Anstieg der Tariflöhne in der Eurozone.
Im zweiten Quartal sank dieser von 4,7 Prozent im Vorquartal auf 3,6 Prozent – laut EZB-Daten stark beeinflusst durch eine deutliche Stagnation der Löhne in Deutschland. Experten sehen darin auch eine Entlastung für die EZB, deren Chefökonom Philip Lane befürchtet hatte, dass ausufernde Arbeitskosten eine galoppierende Inflation auslösen könnten, was das Wirtschaftswachstum hemmen würde.
Sorgt Zinssenkung für Dominoeffekt? Bauwirtschaft und verarbeitendes Gewerbe könnten profitieren
Jean-Paul van Oudheusden, Analyst bei der Handelsplattform eToro, plädiert in der Tagesschau für diesen Schritt der EZB: „Die Wirtschaft benötigt dringend Unterstützung in Form von Zinssenkungen.“ Natürlich nicht ganz uneigennützig, da erfahrungsgemäß das Handelsvolumen an den Aktienmärkten steigt, wenn die EZB den Zinssatz senkt.
Dennoch würde eine Entlastung der Konjunktur im Euroraum auch der deutschen Wirtschaft zugutekommen. Unter anderem könnte die stark angeschlagene Bauwirtschaft von den günstigeren Krediten, die durch eine Zinssenkung entstehen würden, profitieren. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, hofft gegenüber Reuters sogar vorsichtig auf einen Dominoeffekt: „Würde die Bauwirtschaft in Fahrt kommen, könnte davon auch das verarbeitende Gewerbe profitieren.“
Sollte die EZB den Leitzins senken und die Fed nachziehen, könnte letztlich die Konjunktur angekurbelt werden – und der aktuell noch riesengroße Elefant könnte etwas schrumpfen.