Gegen Trump und China-Dominanz: EU und Indien beschließen „Mutter aller Deals“
VonSven Hauberg
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Die EU und Indien besiegeln ein „historisches“ Freihandelsabkommen. DIW-Chef Marcel Fratzscher warnt aber vor zu viel Euphorie. Eine Analyse.
An großen Worten mangelt es nicht, als die Spitzen der EU und Indiens Ministerpräsident Narendra Modi am Dienstag in Neu-Delhi nach jahrelangen Verhandlungen einen Durchbruch verkünden. Das neue Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien markiere einen „historischen Moment“, sagt Ratspräsident António Costa. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von der „Mutter aller Deals“, Modi von einem „großen Abkommen“, das „den 1,4 Milliarden Menschen in Indien und Millionen Menschen in Europa große Chancen eröffnen“ werde.
Tatsächlich sind die Erwartungen gewaltig. Ziel des Abkommens ist es, auf beiden Seiten Wachstum und Beschäftigung zu fördern, von der Leyen erwartet „Wachstumsraten, die keine der beiden Seiten alleine erreichen kann.“ Das Freihandelsabkommen sieht einen massiven Abbau der gegenseitigen Zölle vor. So will die EU in den nächsten Jahren die Abgaben auf 99,5 Prozent der indischen Einfuhren deutlich zurückfahren, geschützt bleiben „empfindliche europäische Agrarsektoren“ wie Rind und Geflügel. Umgekehrt öffnet sich Indien zum Beispiel für europäischen Wein und verarbeitete Agrarprodukte, aber auch Zölle auf Autos und Maschinen sollen deutlich gesenkt werden.
EU und Indien beschließen Freihandelsabkommen: Handel könnte sich verdoppeln
Laut einer Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte sich der Handel zwischen der EU und Indien durch das Abkommen in den kommenden Jahren mehr als verdoppeln. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft geht von einer Steigerung des bilateralen Handels von 41 bis 65 Prozent aus. Von der Leyen bezeichnete Indien und die EU bei einer Pressekonferenz in Neu-Delhi als Märkte, die sich „auf natürliche Weise ergänzen“. Indien habe eine fähige Bevölkerung, einen wichtigen Dienstleistungssektor sowie einen riesigen Markt. Die EU punkte mit Technologie, Kapital und Innovationen. Die indische Wirtschaft war zuletzt um 6,5 Prozent gewachsen.
Besondere Relevanz bekommt das Abkommen vor dem Hintergrund der zunehmenden Konfrontation zwischen der EU und den USA in Handelsfragen. Zuletzt hatte US-Präsident Donald Trump im Grönland-Streit mehreren europäischen Staaten vorübergehend Zusatzzölle angedroht. Auch China wird ein immer schwierigerer Handelspartner, so nutzt Peking seine Dominanz bei seltenen Erden immer wieder als Druckmittel. Das Abkommen werde „strategische Abhängigkeiten in einer Zeit reduzieren, in der Handel zunehmend als Waffe eingesetzt wird“, sagte von der Leyen.
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„Die deutsche Wirtschaft muss sich aus ihrer Abhängigkeit von China und den USA lösen. Das Abkommen mit Indien kann dabei helfen“, sagt auch der Ökonom Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Schon jetzt ist Indien ein stetig wachsender Absatzmarkt, deutsche Unternehmen konnten ihre Ausfuhren in das Land seit 2019 um fast 40 Prozent steigern. Im gleichen Zeitraum gingen die Exporte nach China um 15 Prozent zurück. Während China mittlerweile viele Güter selbst herstellt, die es früher aus Deutschland importiert hat, ist in Indien der Bedarf an Hightechprodukten groß.
Weil Einfuhrzölle auf Autos aus der EU deutlich sinken sollen, können auch deutsche Autobauer auf neue Geschäfte in Indien hoffen. Indien ist, gemessen an den Absatzzahlen, der drittgrößte Automarkt der Welt. Europäische Marken spielen dort bislang allerdings noch kaum eine Rolle. Auch der deutsche Maschinenbau erwartet neue Geschäfte, von einem „Feiertag für den exportorientierten Maschinenbau“ spricht der Branchenverband VDMA angesichts der Einigung vom Dienstag. Ebenfalls deutlich sinken sollen indische Zölle auf Pharmazeutika und Chemikalien.
Indien sei daran interessiert, seinen Markt für mehr Waren aus der EU zu öffnen, sagt der Ökonom Amitendu Palit. Das Land könne so seine „Abhängigkeit von einigen wenigen Schlüsselmärkten für wichtige Importe verringern“, sagte Palit, der an der National University of Singapore forscht und früher unter anderem im indischen Finanzministerium gearbeitet hat, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Derzeit bezieht Indien einen großen Teil seiner Importe aus China.
„Kein Gamechanger“: Ökonom dämpft Erwartungen an Handeldeal mit Indien
Gleichzeitig hoffen indische Unternehmen auf besseren Zugang zum europäischen Markt. Auch Indien leidet unter Handelsstreitigkeiten mit den USA, Trump hatte das Land wegen seiner Energiegeschäfte mit Russland mit Strafzöllen in Höhe von 50 Prozent überzogen. „Indische Exporteure suchen dringend nach Diversifizierungsmöglichkeiten“, sagt Palit. Zudem erwarte sich Indien von dem Abkommen europäische Investitionen in Bereichen wie erneuerbare Energien, Künstliche Intelligenz, Verteidigung und Infrastruktur.
DIW-Ökonom Fratzscher warnt allerdings vor zu viel Euphorie. Das Abkommen sei „kein Game Changer, der das Zeug hat, in Deutschland einen Wirtschaftsaufschwung herbeizuführen“, sagte Fratzscher unserer Redaktion. Im Jahr 2024 lag Indien in der Rangliste der deutschen Handelspartner lediglich auf Platz 23. Deutsche Unternehmen exportierten etwa zehnmal so viel in die USA wie auf den Subkontinent, und aus China wurde mehr als zehnmal so viel importiert wie aus Indien. Für die gesamte EU macht Indien derzeit nur etwa 2,5 Prozent des Warenhandels aus – während China auf einen Anteil von knapp 15 Prozent kommt.
„Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, hat aber eine Wirtschaftsleistung, die nur etwa einem Fünftel der chinesischen entspricht“, sagt Fratzscher. Entscheidend sei für Europa deshalb, auch mit anderen Staaten Freihandelsabkommen zu schließen. Zuletzt hatte das EU-Parlament für eine Überprüfung des Mercosur-Abkommens durch den Europäischen Gerichtshof gestimmt, was den Deal mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay auf Jahre ausbremsen könnte. Auch bis das Abkommen mit Indien in Kraft tritt, dürfte noch einige Zeit vergehen. Zunächst muss der Vertragstext rechtlich überprüft und anschließend von den Mitgliedsstaaten sowie dem EU-Parlament gebilligt werden. (Quellen: Gespräche mit Marcel Fratzscher und Amitendu Palit, eigene Recherchen, dpa, Reuters, IW, VDMA, Kiel Institut für Weltwirtschaft)