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Russlands Kriegsökonomie erlebt einen Rückgang im Agrarsektor. Hohe Zinsen und Kosten belasten die Landwirte stark - als Ergebnis wird weniger produziert. Dies könnte jedoch die Inflation im Land weiter anfachen.
Frankfurt – Der Angriffskrieg auf die Ukraine geht nicht spurlos an Russland vorbei. Präsident Wladimir Putin setzte in den vergangene Jahren alles daran, die Wirtschaft so umzustrukturieren, dass die Ziele der „militärischen Operation“ verwirklicht werden können. Auch die Weizenproduktion ist für seine Kriegswirtschaft von strategischer Bedeutung. Denn neben Gas und Öl ist auch das Getreide ein wichtiger Rohstoff, der die Militärausgaben des Landes decken soll. Wie russische Agrarzahlen allerdings zeigen, schwächelt die Landwirtschaft des Landes zunehmend.
Russische Agrarzahlen: Weizenproduktion und Weizenexporte gehen zurück
Die russische Weizenproduktion wird durch Maßnahmen des Kreml zur Eindämmung der Inflation zunehmend gedrosselt. Laut Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) wird sich diese im Jahr 2024/2025 im Vorjahresvergleich um elf Prozent verringern. Allein im Jahr 2024 ist die Getreideproduktion demnach um 16 Prozent von 98,2 auf 82,4 Millionen Tonnen zurückgegangen – der Bereich Landwirtschaft erlebt seit Kriegsbeginn einen Einbruch um 20 Prozent. 2023 trug der Sektor 3,35 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, wie die Weltbank ermittelte.
Von November auf Dezember 2024 verringerten sich außerdem die Weizenausfuhren laut SovEcon um 17 Prozent, nachdem Russland 2023/2024 Rekordabsatzmengen verbucht hatte. Den Rückgang der russischen Weizenexporte führen Analysten derweil auch auf die verringerte Rentabilität infolge der Exportsteuer zurück: „In den letzten Wochen ist die Rentabilität von Weizen für Exporteure aufgrund einer Erhöhung der Exportzölle gesunken“, teilte Andrey Sizov, Geschäftsführer von SovEcon, mit.
Russlands Weizenmacht: Weltweite Versorgungslage in Putins Händen
Mit einem 25-prozentigen Anteil an gehandelten Weizen am Weltmarkt ist Russlands Macht hinsichtlich der globalen Ernährungssituation und der Weizenpreise von großer Bedeutung. Wie Experten annehmen, wird sich der geopolitische Einfluss Russlands durch seine Weizenexporte weiter verstärken.
Die wichtigsten Zielländer der russischen Exporte sind zum Beispiel die geopolitisch bedeutenden Länder Iran, China und Saudi-Arabien. Niedrige Preise für russisches Weizen sicherten dem Kreml die gewünschten Absatzzahlen. Die Abwertung des russischen Rubels (102 Rubel/US-Dollar) begünstigte zuletzt die Weizenausfuhren auf dem Weltmarkt, wie es aus Analysen des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) hervorgeht.
Seit dem Verhängen der westlichen Sanktionen ist die Lage um die Versorgungssicherheit weiter in Bedrängnis geraten. Mit dem Aufkündigen des Schwarzmeer-Getreide-Abkommens hat der Kreml-Boss zu einer weltweiten Sorge über die Versorgungslage geführt, da die Exportlogistik der Ukraine gestört wurde. Diese hielt bis zu diesem Zeitpunkt acht Prozent des weltweiten Marktanteils an Weizenexporten.
Hoher Weizenpreis: Russland verhängt Ausfuhrzölle
Im Zuge der aufkommenden Ängste um die Weizenzufuhren haben sich die Weizenpreise im Laufe der vergangene Jahre stark erhöht, weil der Verbrauch die Nachfrage weit übersteigt. Zur Sicherung der Versorgung im eigenen Land reagierten zahlreiche Länder mit Exportbeschränkungen.
So auch Russland: Zum Schutz der heimischen Märkte vor hohen Preisen legte Wladimir Putin am 15. Februar 2021 einen Ausfuhrzoll auf. Im Juli 2022 erreichte dieser einen Höchstwert von 146 US-Dollar pro Tonne, was nahezu der Hälfte der Erzeugerpreise entsprach. Dieser wurde zuletzt wieder im Dezember 2024 auf 47 US-Dollar pro Tonne erhöht, so SovEcon.
Schwache Produktion: Russische Bauern verzeichnen Einnahmeverluste
Besonders russische Erzeuger trifft die Ausfuhrsteuer negativ. Diese müssen im Schnitt zwanzig Prozent ihrer Weizenexporteinnahmen an die Regierung zahlen. Weitere Einnahmeverluste resultierend aus Ausfuhrpreisnachlässen, hohe Kosten sowie teure Kredite (Leitzins: 21 Prozent) bremsen die landwirtschaftliche Produktion und Investitionen der Bauern aus.
Die Wettbedingungen im vergangenen Jahr haben zudem dazu geführt, dass Gemüse- und Getreideernte schwach ausfielen – und teilweise zur Nahrungsmittelinflation beitrugen. Auch aus diesem Grund versucht Putin, die Ausfuhren zur Deckung der Inlandnachfrage zu beschränken und die Inflation damit einzudämmen.
Solange die westlichen Sanktionen anhalten, wird auch der Rubel volatil bleiben und damit ein Risiko für die Weizenexporte darstellen. IAMO-Analysten gehen indes davon aus, dass die Wechselkursvolatilität des Rubels den Weizenmarkt Russland vom Weltmarkt loslösen wird.
Zusammenbruch der Kriegswirtschaft? Ökonomen rechnen mit Rezession in Russland
Angesichts des schwächelnden Landwirtschaftssektors und der galoppierenden Inflation könnte die Kriegswirtschaft des russischen Präsidenten in den kommenden Jahren womöglich ernsthaften Herausforderungen gegenüberstehen – einige Ökonomen rechnen sogar mit einer Rezession.
Für 2025 plant Russland 40 Prozent des gesamten Staatshaushaltes für die Bereiche Verteidigung und innere Sicherheit. Prognosen verschiedener Wirtschaftsinstitute sagen eine Halbierung des russischen BIP für das kommende Jahr aus. Ob dadurch genug Druck auf den russischen Machthaber entstehen könnte, bald einen Friedens-Deal zu schließen, bleibt zunächst offen.
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