VonJörg Staudeschließen
Die Energie-Branche kritisiert Robert Habecks Vorhaben für den Antrieb neuer Kraftwerke. Für Zeiten, in denen weder Wind noch Sonne ausreichend Energie liefern, brauche es nachhaltige Lösungen. Der Fokus auf neue Kraftwerke sorgt für Unmut.
Vor wenigen Tagen machte die Schlagzeile „Katastrophe für die Energie-Branche: Robert Habeck muss auch sein letztes Vorhaben begraben“ die Runde. Das letzte Vorhaben nennt sich Kraftwerkssicherheitsgesetz. Damit sollten ab 2025 über 12 000 Megawatt neue Kraftwerke ausgeschrieben werden. Die sollten einspringen, wenn im und nach dem Kohleausstieg Sonne und Wind nicht genügend Strom liefern. 2035 soll das deutsche Stromsystem dank Energiewende dann klimaneutral sein.
Bei der Energiewende rumort es deutlich
Eine Katastrophe zeichnet sich hier bislang nicht ab. 2024 erreichten die erneuerbaren Energien mit 55 Prozent am erzeugten Strom einen neuen Rekordanteil, gab der Energiebranchenverband BDEW am Mittwoch bekannt. Eine Folge davon: Die CO2-Emissionen der Energiewirtschaft sanken laut BDEW gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent auf 188 Millionen Tonnen. Deutschland erfreue sich weiter einer hohen Versorgungssicherheit, lobte BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Nur für knapp 13 Minuten sei im letzten Jahr Strom nicht verfügbar gewesen. Dieser internationale Spitzenwert sei 2024 gehalten worden, sagte sie.
Unter der Oberfläche rumort es bei der Energiewende aber ordentlich. So erklärt sich der Erneuerbaren-Rekord auch daraus, dass in diesem Jahr aus deutschen Kraftwerken insgesamt weniger Strom in die Netze floss. 2023 waren es noch mehr als 500 Milliarden Kilowattstunden, 2024 laut BDEW nur noch 489 Milliarden – ein Rückgang um 2,4 Prozent.
Fokus auf neue Kraftwerke führe „in die falsche Richtung“
Um den Strombedarf zu decken, importierte Deutschland in diesem Jahr mit 24 Milliarden Kilowattstunden so viel wie nie zuvor. 20 Milliarden davon stammten laut den BDEW-Angaben aus dem atomstromlastigen Frankreich. Und zur Wahrheit gehört weiter: Der Ausbau der Photovoltaik findet größtenteils auf privaten Dächern statt, und der Zubau der Windkraft an Land schwächelt nach einem kurzen Boom schon wieder. Als Hauptmanko der Energiewende machte Kerstin Andreae erneut das Fehlen steuerbarer Kraftwerksleistung aus. Genau dem sollte das Kraftwerkssicherungsgesetz von Habeck eigentlich abhelfen. Von den 12 000 Megawatt sollten dabei 7000 sogenannte wasserstofffähige Gaskraftwerke sein und 5000 Megawatt nicht umzurüstende fossile Erdgaskraftwerke.
Damit das mit der Klimaneutralität 2035 zusammenpasst, sollten beispielsweise die Erdgasanlagen nur ein paar hundert Stunden im Jahr laufen. Parallel sollte das vom Wirtschaftsministerium ebenfalls geplante und im Bundestag nunmehr ebenso scheiternde CO2- Speicher-Gesetz die Option öffnen, die CO2-Emissionen der fossilen Gasanlagen abzuscheiden und zu lagern.
Umweltschützer:innen sind über diese Kombination von Erdgas und CCS-Technologie entsetzt. Für Zeiten, in denen weder Wind noch Sonne ausreichend Energie liefern, brauche es nachhaltige Lösungen – darin sei man sich mit der Bundesregierung einig, betont Sascha Müller-Kraenner. Doch der Fokus auf neue Kraftwerke, und hier auch noch auf fossile Gaskraftwerke statt auf Batteriespeicher, führe in die falsche Richtung, kritisiert der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.
Erneuerbaren-Branche sieht „Katastrophe“
Die Erneuerbaren-Branche sah das lange drohende Inkrafttreten des Gesetzes insgesamt eher als Katastrophe an. Die Möglichkeiten dezentraler Backups im Stromsystem wie Bioenergie, Wasserkraft, Geothermie, Speicher und sauberer Kraft-Wärme-Kopplung sowie Verbraucherflexibilität mit Smart Metern, Wärmepumpen und E-Mobilität plus dynamischen Tarifen und variablen Netzentgelten fehlten in Habecks Kraftwerkskonzept völlig, merkte der Erneuerbaren-Verband BEE mehrmals kritisch wie politisch folgenlos an.
Auch bei den wasserstofffähigen Anlagen hat Habeck die Rechnung offenbar ohne die Branche gemacht. Aus den Rückmeldungen der Unternehmen sei klar gewesen, der gesetzliche Rahmen werde nicht zu Investitionen in die neuen wasserstofffähigen Gaskraftwerke führen, machte die BDEW-Chefin am Mittwoch klar. Sie plädierte dafür, nach der Wahl möglichst schnell am vorliegenden Gesetzentwurf anzusetzen. Die Branche werde dazu Vorschläge machen.
Die ersten Vorstellungen, wie das deutsche Stromsystem sicher bleiben und klimaneutral werden könnte, hatte Habeck schon im Juni letzten Jahres mit seiner „Kraftwerksstrategie 2023“ vorgelegt. Die damalige Kritik der Branchen daran hat im Kern bis heute Bestand.
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