VonTobias Schwabschließen
Das Ziel der Agenda 2030, den Hunger zu beenden, scheint nicht mehr erreichbar. Dafür machen Hilfswerke auch mangelnden politischen Willen verantwortlich. Die Welthungerhilfe kritisiert mit anderen NGOs die Kürzungen im Etat des Bundesentwicklungsministeriums.
Diese Haushaltsansätze gefährden die Agenda 2030!“ Deutlich und scharf wie selten hat die Präsidentin der Welthungerhilfe, Marlehn Thieme, am Donnerstag die geplanten Kürzungen im Etat des Entwicklungsministeriums und des Auswärtigen Amts für die Hungerbekämpfung und humanitäre Hilfe kritisiert. Der Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2024 „ist ein falsches Signal in Zeiten größter Not“, sagte Thieme bei der Vorstellung des Jahresberichts 2022 der Hilfsorganisation.
Tags zuvor hatten UN-Organisationen in Genf den Welternährungsbericht mit alarmierenden Zahlen präsentiert. Demnach haben im vergangenen Jahr 735 Millionen Menschen Hunger leiden müssen – 122 Millionen Menschen mehr als vor der Corona-Pandemie. Zudem hatten 2022 rund 2,4 Milliarden Menschen keinen steten Zugang zu Nahrungsmitteln – das entspricht insgesamt fast 30 Prozent der Weltbevölkerung.
Vielfache Krisen wie die Folgen des Klimawandels sowie bewaffnete Konflikte und hohe Preise für Nahrungsmittel auch in Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine treiben immer mehr Menschen in den Hunger. Das Entwicklungsziel der Vereinten Nationen, den Hunger weltweit bis 2030 zu beenden, gerät damit immer weiter aus dem Blick. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Zieldatum immer noch rund 590 Millionen Menschen nicht ausreichend zu essen haben werden.
Thieme fordert ausreichende Finanzierungen und grundlegende Reformen
„Hunger ist eines der größten lösbaren Probleme der Welt“, sagte Thieme am Donnerstag in Berlin. Mit der Agenda 2030 und den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen habe man eine gute Strategie, um ihn langfristig zu überwinden. „Es braucht aber den politischen Willen und die Einigkeit, die nötigen Maßnahmen auch umzusetzen“, betonte Thieme. Dazu gehörten „ausreichende Finanzierungen genauso wie grundlegende Reformen für ein gerechtes und nachhaltiges Ernährungssystem, das die Menschen in den ländlichen Regionen noch stärker unterstützt und einbezieht“.
Vor Einschnitten bei den Mitteln für die deutsche Entwicklungshilfe hatten zuvor auch die Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt gewarnt. „Es ist keine Zeit für Kürzungen, sondern Zeit für eine überzeugte Politik an der Seite der Armen und mit ihnen“, erklärte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel. Die Präsidentin von Brot für die Welt, Dagmar Pruin, sprach von einem „fatalen Signal an die internationalen Partner Deutschlands“.
Wie aus dem Entwurf für den Bundeshaushalt 2024 hervorgeht, ist eine Kürzung des Entwicklungsetats um 5,3 Prozent vorgesehen. Das Budget soll von knapp 12,2 Milliarden Euro in diesem Jahr auf gut 11,5 Milliarden im kommenden Jahr schrumpfen. 2022 konnte Entwicklungsministerium noch rund 13,8 Milliarden Euro einsetzen.
„Hungerkrisen entwickelten sich zu Katastrophen“
Ressortchefin Svenja Schulze (SPD) nannte die Einsparungen am Donnerstag im „Morgenmagazin“ des ZDF „schmerzhaft“, aber auch unausweichlich. „Es gilt nun mal die Schuldenbremse“, sagte Schulze. „Deswegen müssen alle sparen, leider eben auch mein Etat“, fügte die Sozialdemokratin hinzu.
Die Einschnitte im Bundesetat treffen vor allem auch Ausgaben für humanitäre Hilfe und die Unterstützung für Projekte, die aus Krisen herausführen und die Ernährung langfristig sichern sollen. Mehr als eine Milliarde Euro sollten dabei eingespart werden, kritisierte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. „Das entspricht nicht der Verantwortung, die Deutschland als eine der größten Volkswirtschaften hat“, so Mogge.
Der Krieg habe durch den Anstieg der Nahrungsmittelpreise die Ernährungsprobleme für Millionen Familien im südlichen Afrika, Asien und im arabischen Raum extrem verstärkt, bilanzierte Welthungerhilfe-Präsidentin Thieme bei der Vorstellung des Jahresberichts. Hinzu kämen Überschwemmungen und Dürren, die die Lebensgrundlage der Menschen vernichteten.
Hungerkrisen entwickelten sich zu Katastrophen, wie beispielsweise am Horn von Afrika, wo sich die Lage dramatisch zugespitzt habe, berichtete Thieme. Mehr als 36 Millionen Menschen litten in der Region unter der schlimmsten Dürre seit vier Jahrzehnten. Diese Krisen hätten auch die Arbeit der Welthungerhilfe im vergangenen Jahr geprägt.
Welthungerhilfe verzeichnet dickes Spendenplus
Die Organisation unterstützte 2022 nach Angaben von Generalsekretär Mogge mehr als 18,8 Millionen Menschen in 37 Ländern und mehr als 600 Projekte. Dafür standen ihr rund 340 Millionen Euro zur Verfügung - mehr als die Hälfte davon floss nach Afrika.
Das Spendenvolumen der Welthungerhilfe stieg laut Mogge auf 97,6 Millionen Euro – ein Plus von 26 Prozent. Öffentliche Geber stellten rund 241,5 Millionen Euro bereit, mehr als 50 Prozent davon stammten aus Bundesmitteln.
