Ernährung

Ernährungsstrategie der Ampel: Lecker Obst und Gemüse

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Hat eine Vision für gesunde Ernährung: Minister Cem Özdemir. dpa
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Die Ernährungsstrategie der Ampel enthält viele Ziele – aber kaum Ideen, wie sie zu erreichen sind. Eine Analyse von Martin Rücker.

Bilder von Krankenhausessen sind beliebt in den sozialen Medien. Appetitlich ist vieles nicht, was dort gepostet wird – und gesund auch nicht, weshalb Nutzer ihre Beiträge schon mal mit Hashtags wie #holtmichhierraus versehen. Wissenschaftlich ist gut belegt, dass die Verpflegung in Kliniken sogar die Heilungsverläufe beeinflusst. Dennoch gelang es bisher nicht, Qualitätsstandards durchzusetzen.

In Pflegeheimen ist das Bild ähnlich – wie auch in Schulen und Kitas. Zu fettig, zu viel Fleisch, zu wenig Obst, Gemüse und Vollkorn, so lautete bereits vor einigen Jahren das Fazit von Speiseplananalysen im Auftrag der Bundesregierung. Kein Wunder also, dass Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) in der Gemeinschaftsverpflegung den wohl größten Hebel sieht, um Ernährung gesünder und nachhaltiger zu machen.

Das ist das Ziel der „Ernährungsstrategie“ der Ampelkoalition, die das Kabinett am Mittwoch gestern beschlossen hat. „Ich will, dass jeder eine echte Wahl für gutes Essen bekommt“, sagte Özdemir bei der Vorstellung. „Leckeres, gesundes und nachhaltiges Essen darf nicht vom Geldbeutel abhängen oder davon, aus welcher Familie man kommt.“

Für die Kita- und Schulverpflegung fordern Wissenschaftler:innen seit langem einen „Systemwechsel“, weil bekannt ist, welch großen Einfluss die Ernährung von Kindern auf ihre Entwicklung, ihren Bildungserfolg, ihre Gesundheit auch im Erwachsenenalter hat. Medizinische Fachgesellschaften mahnen zudem, dass die richtige Verpflegung in Heimen und Kliniken erwiesenermaßen sogar die Überlebenschancen erkrankter Menschen verbessern kann. Eines lässt sich der Ernährungsstrategie also nicht vorwerfen: dass sie wichtige Punkte nicht erkennt.

Bis 2030, heißt es darin, sollen die seit mehr als zehn Jahren vorliegenden Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Gemeinschaftsverpflegung verbindlich sein. Der Bio-Anteil soll auf „mindestens 30 Prozent“ steigen, Kantinen zum Vorreiter in Sachen pflanzenbetonte Ernährung werden. Dies ist neben der ausgewogenen Nährstoffversorgung eine zweite große Baustelle: Der Fleischkonsum geht zwar bereits zurück, ist aber nach wie vor höher, als der Gesundheit und dem Klima zuträglich.

Die Ziele sind klar, doch das Problem liegt anders: Es ist eine Strategie ohne Plan. Denn wie sich die Ziele erreichen lassen, dazu macht sich viel Ratlosigkeit breit auf den 68 Seiten. Verbindliche DGE-Standards für Kita- und Schulmensen etwa müssten die Bundesländer durchsetzen, nicht der Bund. Ein „verpflichtendes Screening auf Mangelernährung in Kliniken und Pflegeeinrichtungen“ ist zwar erwünscht – die nötigen Entscheidungen aber erhofft sich die Bundesregierung von den Selbstverwaltungsgremien im Gesundheitswesen. Auf diesem Weg soll auch eine „Vorsorge-Ernährungsberatung für Familien mit Kleinkindern“ sowie ein individuelles Coaching für Menschen mit speziellem Bedarf den Weg in die Kassenfinanzierung finden.

So bleibt die Strategie in weiten Teilen eine Auflistung von Prüfaufträgen, Forschungsvorhaben und Appellen. Manche Themen greift sie gar nicht auf. Den Tierschutz in der Nutztierhaltung etwa, eine Zuckersteuer oder die von Özdemir lange geforderte Mehrwertsteuerreform, um Gesundes und Nachhaltiges zu verbilligen. Zu uneins ist sich die Koalition in diesen Fragen.

Bei einem weiteren Streitthema, der Ernährungsarmut, belässt es die Ampel bei Belanglosigkeiten: Man wolle bessere Daten erheben und, klar, irgendwie soll schon auch jedes von Armut betroffene Kind genügend Obst und Gemüse bekommen. Wie, bleibt offen. In seinem Entwurf hatte Özdemir eine „interministerielle Projektgruppe“ vorgeschlagen, die „effektive Maßnahmen“ gegen Ernährungsarmut erarbeiten soll – selbst das fiel bei den anderen Ministerien durch. Der Hinweis, dass es „materielle Ernährungsarmut“ gibt, Menschen also „die finanziellen Mittel fehlen“, um sich gesund zu ernähren, wurde ebenfalls aus dem Entwurf gestrichen. Stattdessen ist nun von „mangelnden Ernährungskompetenzen“ der Betroffenen die Rede.

Eine nachhaltigere und stärker pflanzenbetonte Ernährung will die Bundesregierung mit einer „Proteinstrategie“ anschubsen. Diese soll nicht nur (wie bisher) den Anbau von Hülsenfrüchten fördern, sondern auch den von Nüssen und Pilzen sowie deren Verarbeitung. Durch eine „Innovationsförderung“ sollen Hersteller pflanzlicher Alternativen zu tierischen Lebensmitteln zu größeren Markterfolgen kommen. Zudem soll eine bessere Kennzeichnung den gesunden und nachhaltigen Einkauf erleichtern: Die Bundesregierung will verpflichtende Herkunftsangaben für einzelne Zutaten, die verwirrende Vielfalt angeblicher und tatsächlicher Regionalitätssiegel transparenter machen und die bereits eingeführte Nährwertampel „Nutri Score“ nicht nur zur EU-weiten Pflichtangabe machen, sondern auch auf die Gastronomie und Kantinen ausdehnen. Das Problem: Für Pflichtkennzeichen ist grundsätzlich die EU zuständig.

Viele Gesprächsrunden sind der Strategie vorangegangen, doch man wird das Gefühl nicht los, dass jetzt die Beratungen über die Ernährungspolitik so richtig losgehen müssten. Landwirtschafts-, Gesundheits-, Sozial-, Forschungs-, Familien- und Finanzministerium werden allesamt mit Zuständigkeiten adressiert, Länder und Kommunen sowie die Gremien des Gesundheitswesens ebenso – die EU-Ebene einmal außen vor gelassen. Nun sollen eine „interministerielle Arbeitsgruppe“ im Bund und ein jährlicher „Deutscher Ernährungstag“ gemeinsam mit Ländern und Kommunen für eine bessere Steuerung der Ernährungspolitik sorgen.

Immerhin hat sich die Bundesregierung dafür noch viel Zeit eingeräumt. „Bis 2050 ist es für alle Menschen in Deutschland möglich und einfach, sich gut zu ernähren“, so lautet die „Vision“ der Ernährungsstrategie – das sind ja noch ein paar Jahre.

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