Zweite Insolvenz in kurzer Zeit

Erneute Insolvenz des deutschen Schuhhändlers: Ist das das Ende für Görtz?

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Die Bekleidungsindustrie ist seit der Pandemie in der Krise, auch etablierte Marken müssen sich neu orientieren. Görtz musste in kurzer Zeit zwei Insolvenzen verkraften. Ist eine Fortführung überhaupt noch möglich?

München – Für Traditionsmarken im Einzelhandel ist es aktuell ein hartes Umfeld. Vor allem die Unternehmen, die voll auf die Innenstädte setzen und Umsatz über die Filialen generieren, haben schwer zu kämpfen. Schon vor der Corona-Krise waren sie durch den Online-Handel im Überlebenskampf, doch mit den Schließungen während der Lockdowns kam für viele der Todesstoß. Die Firma Görtz ist eines der Unternehmen, die in den Abgrund gezogen wurde – und zwar zweimal. 2023 ging der Schuhhändler durch ein Insolvenzverfahren und am Montag, dem 20. Januar 2025 meldete Görtz erneut die Insolvenz an.

Görtz meldet schon wieder Insolvenz an: Der Schuhhändler hat sich zu wenig weiterentwickelt

Nach der ersten Insolvenz ist der Investor Bolko Kissling bei dem 1875 gegründeten Unternehmen eingestiegen. Es wurden viele Filialen geschlossen, aktuell bestehen noch rund 45 der einst 1000 Standorte in Deutschland und Österreich. Gut die Hälfte der Mitarbeiter musste gehen. Doch diese Maßnahmen haben offenbar nicht gereicht, um Görtz wirklich eine Zukunft zu geben, weshalb der neue Insolvenzantrag gestellt wurde.

Für den Unternehmensberater Mike Schwanke von der Beratungsfirma Atreus ist die neue Insolvenz keine besonders große Überraschung. „Görtz hat lange den Fokus auf Qualitätsschuhe gelegt, insbesondere auf Lederschuhe. Die Nachfrage nach Leder ist aber deutlich gesunken – mittlerweile dominieren Sneaker den Markt“, erklärt er im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. „Görtz hat es verfehlt, ein neues Sortiment aufzubauen“.

Geschlossene Filiale vom Schuhhandelsunternehmen Görtz Holding GmbH in der Zeppelinstraße.

Als positives Gegenmodell nennt er Deichmann, das es geschafft hat, das Sortiment zu diversifizieren und über die Jahre mit bekannten Marken Verträge zu schließen, sodass diese nur bei Deichmann erhältlich sind. „Und sie haben es geschafft, neue Zielgruppen anzulocken, sodass auch die Gruppe von 25 bis 40 dort einkaufen geht“, so Schwanke.

Nach der ersten Insolvenz von Görtz gab es kaum Weiterentwicklung: „Es ist nichts Radikales passiert“

Auch nach der ersten Insolvenz von Görtz habe es wenig Weiterentwicklung gegeben – dabei hätte damals schon deutlich werden müssen, dass das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. „Es ist nichts Radikales danach passiert, zumindest habe ich das nicht wahrgenommen“, so Schwanke, der sich auf Konsumgüter im Premium- und Mittelklassesegment spezialisiert hat.

Diese internen Verfehlungen kommen neben den Schwierigkeiten, die alle Einzelhändler betreffen, obendrauf. Die Umsätze im Einzelhandel sind seit Corona nicht wieder auf das Vorkrisenniveau gekommen. Wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, stagnieren die Umsätze im Einzelhandel seit der Krise weitestgehend – nach einem Jahrzehnt, indem die Branche von Jahr zu Jahr ihre Umsätze steigern konnte.

Sinkende Umsätze, steigende Kosten: Deutscher Einzelhandel steht ohnehin unter Druck

Der Handelsverband Deutschland hat im Sommer 2024 in einer Konjunkturumfrage festgestellt, dass 48 Prozent der befragten Innenstadthändler Umsatzrückgänge im ersten Jahresquartal verbüßen mussten. 38 Prozent erwarteten im nächsten Quartal eine Verschlechterung ihrer Lage, 54 Prozent gaben an, dass sie 2024 von weniger Umsatz als 2023 ausgingen.

Die Profite im Einzelhandel steigen also nicht, dafür tun es aber die Kosten. Mike Schwanke formuliert es so: „Die Schere zwischen Gewinn und Verlust geht immer weiter zusammen“. Die Mieten steigen, die Lohnkosten steigen, der Mindestlohn ist gestiegen. „Und für ein Unternehmen wie Görtz, dessen Geschäftsmodell auf eine intensive Beratung der Kunden angewiesen ist, kommt noch die Schwierigkeit hinzu, dass sie Personal braucht, das in jedem Fall gut Deutsch spricht“, so der Experte. Anders als zum Beispiel die Gastronomie sei es also nicht uneingeschränkt möglich, auf ausländische Arbeitskräfte umzuschwenken.

Hat Görtz noch eine Zukunft? Investorensuche wird sich wohl schwierig gestalten

Görtz hat es also mit einer toxischen Mischung zu tun. Wenn der Schuhhändler weiter bestehen will, muss er sich radikal neu aufstellen – und wichtige Veränderungen vornehmen. Mike Schwanke kann sich als Möglichkeit vorstellen, dass Görtz innerhalb bestehender Kaufhäuser wie Galeria Karstadt Kaufhof Flächen anmieten könnte, anstatt weiter auf eigenständige Filialen zu setzen. „Also dort hingehen, wo die Kunden schon sind und die Produkte dort anbieten. Dazu müssen sie aber auch das Sortiment anpassen, die Marke entstauben“. Für das bestehende Modell, das müsse sich die Geschäftsleitung eingestehen, gebe es „wenig Hoffnung“, sagt Unternehmensberater Schwanke.

Eine komplette Schließung der meisten Filialen würde aber auch mit einem radikalen Stellenabbau einhergehen.

Die große Schwierigkeit wird aber erstmal sein, einen neuen Investor zu finden, der das Unternehmen in den Erfolg führen will. Mit zwei Insolvenzverfahren innerhalb so kurzer Zeit hat sich Görtz aber einiges an Vertrauen verspielt – sowohl für potenzielle Investoren, für Kunden als auch für die bestehenden Mitarbeiter, die sich sicher fragen, ob ihr Job noch sicher ist. Das sind keine besonders guten Voraussetzungen für ein Fortbestehen des Unternehmens. Für deutsche Innenstädte wäre der Verlust von Görtz aber ein weiterer, herber Rückschlag.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Hanno Bode

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