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Florian Bieberbach, Chef der Münchner Stadtwerke, über Probleme beim Ausbau der Fernwärme, das Auf und Ab bei Stromtarifen und einen höheren CO2-Preis. Ein Interview von Frank-Thomas Wenzel
Florian Bieberbach fordert von der Bundesregierung erheblich mehr Zuschüsse für den Ausbau von Wärmenetzen. „Wenn alle Städte ihre Wärmepläne einreichen und die Förderung beantragen, dann ist das Geld nach kürzester Zeit aufgebraucht“, betonte er im Interview. Die Wärmewende drohe auf halber Strecke stecken zu bleiben.
Herr Bieberbach, die Stadtwerke haben zwei turbulente Jahre hinter sich. Welches war das anstrengendere?
Beide Jahre waren auf ihre Weise intensiv. 2022 war bei uns das anstrengendere. Es war geprägt durch Krisenmanagement. Allerdings zunächst getragen durch eine breite Zustimmung der Öffentlichkeit. Als dann aber 2023 die Tariferhöhungen kamen, gab es jede Menge Enttäuschung bei unseren Kunden. Deshalb war 2023 das unerfreulichere Jahr.
Viele Strom- und Gaskunden sind genervt und irritiert, weil es bei den Tarifen ein heftiges Auf und Ab gab. Verstehen Sie das?
Diese Irritationen verstehe ich. Es kommt eine weitere Komplikation hinzu: Die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher schauen gar nicht so sehr auf ihren Tarif mit Arbeitspreis und Grundpreis. Sie schauen auf ihre Abschlagszahlungen und darauf, ob sie am Jahresende etwas nachzahlen oder etwas zurückbekommen. Da gibt es jetzt die unterschiedlichsten Entwicklungen. Bei mir privat zum Beispiel gingen die Abschläge ganz stark nach oben, und zwar zu einer Zeit als die Großhandelspreise schon wieder deutlich günstiger wurden. Inzwischen haben sich meine Abschlagszahlungen mehr als halbiert. Solche aus Sicht der Menschen erratischen Veränderungen irritieren sehr stark. Zumal es zuletzt durch die Preisbremsen noch einmal zusätzlich komplexer wurde.
Das Haushaltsurteil des Verfassungsgerichts zwingt die Regierung, auch bei Klimaschutzprojekten zu sparen. Was bereitet Ihnen da die meisten Sorgen?
Mich besorgt am meisten die Frage, wie es mit der Wärmewende weitergeht. Die Kommunen können die Wärmewende nicht alleine aus ihren eigenen Haushalten finanzieren. Die Zuschüsse des Bundes sind jetzt sehr stark limitiert. Wir wollen in München die kommunale Wärmeplanung in der zweiten Jahreshälfte final beschließen. Aber wenn man nicht weiß, wie die Förderung in den nächsten Jahren ausschaut, bringt auch eine beschlossene Wärmeplanung keine echte Planungssicherheit.
Aber das zentrale Instrument, die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW), hat doch Bestand und Zuschüsse von rund 750 Millionen Euro sollen für dieses Jahr eingeplant sein.
Mein letzter Stand ist, dass diese Mittel für 2024/2025 leicht reduziert werden. Im Moment gibt es noch einen Antragsstopp. Die Förderung soll zwar fortgeführt werden. Aber die Mittel, die vom Bund dort eingeplant sind, sind bei weitem nicht ausreichend. Wenn alle Städte ihre Wärmepläne einreichen und die Förderung beantragen, dann ist das Geld nach kürzester Zeit aufgebraucht.
Was droht dann?
Die Frage ist: Was macht eine Stadt, die anfängt, ihr Wärmenetz auszubauen, aber nach dem Ausbau von zwei Quartieren das Projekt abbrechen muss, weil kein Geld mehr da ist? Dann steht man im Regen.
Und was machen private Haushalte, die auf die Erneuerung der Heizung verzichten, weil sie auf Fernwärme setzen, dann aber nicht ans Wärmenetz angeschlossen werden?
Wichtig ist, dass Städte und Wärmenetzbetreiber jederzeit transparent machen, welche Ausbaumaßnahmen schon finanziert sind und bei welchen die Finanzierung noch offen ist. Dann können Haushalte in Alternativszenarien planen, bis Klarheit herrscht. In München arbeiten wir daran, dass wir überall Alternativen anbieten können, wenn ein Fernwärmeanschluss nicht möglich ist.
Mit welchen Kosten kalkulieren Sie beim Ausbau des Fernwärmenetzes?
Allein in München kostet der Ausbau der Fernwärme nach Schätzung 7,5 Milliarden Euro. Da geht es um die Erschließung von Geothermie als Wärmequelle, eine kleine Erweiterung der Netze, es geht um Wärmepumpen und irgendwann auch um die Umstellung der Kraftwerke. Rechnet man die 7,5 Milliarden auf ganz Deutschland hoch, erkennt man, dass die BEW-Zuschüsse massiv aufgestockt werden müssen. Die Kommunen brauchen Milliarden und Milliarden. Da muss nachgelegt werden. Ansonsten ist die Wärmewende, so wie der Bund sie geplant hat, nicht zu schaffen.
Wo soll das zusätzliche Fördergeld herkommen?
Letztlich gilt da die alte Regel, dass man im konsumtiven Bereich des Bundeshaushalts sparen muss. Da muss man Dinge infrage stellen. Aber ich kann jetzt leider keinen konkreten Vorschlag auf den Tisch legen. Ich finde es richtig, dass Subventionen für die Übertragungsnetzentgelte nun gestrichen werden. Denn das ist eine reine Subventionierung, ohne dass es einen strukturellen Effekt hätte. Blöd ist halt nur, dass es nun so kurzfristig kommt.
Was ist daran so schlimm?
Jetzt müssen die Versorgungsunternehmen ihre Preise sehr kurzfristig anpassen. Das hätte sich die Bundesregierung auch früher überlegen können.
Rechnen Ihre Leute bereits die nächste Preiserhöhung beim Strom durch?
Wir haben in München noch nicht beschlossen, wann die Strompreise angehoben werden. Ganz ehrgeizige Versorger wollen schon im März erhöhen. Fast alle Anbieter müssen die Tarife heraufsetzen, denn die Zusatzbelastungen durch den Wegfall der Netzentgeltsubvention sind viel zu hoch, um das einfach so wegstecken zu können. Der Aufschlag ist ein Vielfaches der Gewinnmarge vieler Unternehmen.
Aber im Großhandel wird der Strom doch gerade erheblich billiger?
Momentan sinken die Preise im Großhandel tatsächlich deutlich. Das Problem ist aber, dass diese Abschläge im Großhandel erst mit einer Verzögerung von ein, zwei Jahren bei den Endkunden ankommen. Die meisten Versorger haben den Strom, den sie ab dem 1. Januar 2024 liefern, schon in den Jahren 2021 bis 2023 eingekauft. Die Einkaufspreise aus diesen Lieferverträgen bestimmen den Endkundenpreis. Und jetzt kommt sehr kurzfristig noch etwas Erhebliches oben drauf. Aber für den Zeitraum von 12 bis 24 Monaten können die Preise durchaus wieder heruntergehen.
Das Tarif-Jo-Jo geht also weiter?
Kann schon passieren. Insgesamt sehen wir im Großhandel riesige Preisschwankungen – zwischen 50 und 150 Euro pro Megawattstunde und mehr. Eine solche Volatilität haben wir in dieser Form früher nicht gehabt.
Woran liegt das?
Der Verfall des Strompreises liegt momentan am Verfall des Gaspreises. Das wiederum hängt damit zusammen, dass der Winter bislang relativ mild ist. Deshalb entsteht ein überschüssiges Angebot, das den Preis drückt. China importiert relativ wenig Gas. Und wir sehen, dass Russland derzeit massive Mengen Gas exportiert. Und zwar über die Pipeline, die durch die Ukraine führt. Dieses Gas geht an befreundete Staaten in Europa wie Ungarn. Osteuropäische Länder leiten russisches Gas derzeit aber sogar weiter nach Westeuropa. Dazu kommt sehr viel verflüssigtes russisches LNG-Gas, das per Schiff transportiert wird.
Wird Gas gleichwohl für private Haushalte zunächst wieder teurer, weil die Mehrwertsteuer wieder von sieben Prozent auf 19 Prozent erhöht wird?
Das Ende der Absenkung der Mehrwertsteuer kommt. Gegen Ende des Winters wird Gas für den Endkunden erst einmal wieder teurer. Der höhere CO2-Preis kommt überdies hinzu. Doch wenn der Preistrend anhält, könnte es langfristig wieder eine Absenkung der Tarife geben.
Apropos CO2-Preis. Ökonomen schlagen vor, ihn noch erheblich stärker zu erhöhen als bislang geplant, um die Energiewende zu beschleunigen. Was halten sie davon?
Da wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Ich bin selbst auch Professor für Energie-Ökonomik. Aus ökonomischer Sicht ist es viel einfacher und transparenter die Energie- und Wärmewende durch den CO2-Preis zu steuern, weil dadurch viele Ineffizienzen, die sich aus der komplizierten Förderlandschaft ergeben, vermieden werden. Aber die Politik weiß natürlich, dass ein massiv erhöhter CO2-Preis eine riesige Zahl von Härtefällen erzeugt. Dann geht es wieder um die Krankenschwester, die jeden Tag mit einem alten Verbrenner-Auto aus Niederbayern nach München pendelt und die zusätzliche finanzielle Last nicht tragen kann. Vor Diskussionen über Härtefall-Lösungen hat die Politik verständlicherweise große Angst.
Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung fürs neue Jahr und eine Wende zum Besseren gibt?
Ich bleibe beim Thema Klimaschutz, Wärme- und Energiewende optimistisch. Der Grund: Deutschland ist langfristige Verpflichtungen eingegangen. Das sind keine Absichtserklärungen, sondern harte Verpflichtungen auf EU-Ebene. Bei Nichteinhaltung drohen sehr hohe und schmerzhafte Strafzahlungen. Die Bundesregierung kommt gar nicht drumherum, das Thema durchzuziehen trotz aller Hindernisse und Budgetprobleme. Dass jetzt das Geld knapper wird, ist langfristig vielleicht sogar positiv. Weil es nun den Zwang gibt, sich zu überlegen, welche staatlichen Ausgaben wirklich was bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch wieder mehr Rückenwind kommt.

