VonNina Luttmerschließen
Die frühere KFW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier über den langsamen Aufstieg von weiblichen Führungskräften in der Förderbank, gendergerechte Sprache und ihre Haltung zu einer Frauenquote für Vorstandsgremien.
Im Nachgang zum Gespräch schickt Ingrid Matthäus-Maier per Mail ein Foto von einer Sitzung hochrangiger Banker und Bankerinnen im Dezember 2006 in den Räumen der KFW. „Eigentlich sagt das Bild besser als alle Zahlen, wie die Lage im Bankenbereich zumindest damals war“, schreibt sie dazu. Auf dem Bild zu sehen: 25 Männer in schwarzen Anzügen. Aber nur zwei Frauen, eine davon Matthäus-Maier selbst. Sie war damals KFW-Chefin - die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großbank.
Frau Matthäus-Maier, die KFW hat in ihrer Geschichte verschiedene Förderschwerpunkte gehabt. Welche waren das zu Ihren KFW-Zeiten?
Der Aufbau Ost hat immer noch eine große Rolle gespielt und die Mittelstandsförderung war elementar. Aber es ging auch, ganz vorsichtig, mit ökologischen Themen los. Ich erinnere mich an einen Staatssekretär, der in unserem Verwaltungsrat saß, der sagte: „Die eigentliche Öko-Bank ist die KFW.“ Wir fingen beispielsweise an, Windenergie zu fördern – im In- wie im Ausland. Die KFW engagierte sich zudem stark in der Dritten Welt.
Sie waren viele Jahre lang Mitglied des Bundestages. Wie hat es Sie in eine Bank verschlagen?
Mein ganzes politisches Leben drehte sich ja um Finanzpolitik und Haushaltspolitik. Alles, was damit zu tun hatte, ging über meinen Schreibtisch. In der KFW saß traditionell ein Mitglied, das aus der Politik stammte. Einfach weil der Vorstand sich eng mit der Politik austauschen muss. 1998 fragte Gerhard Schröder bei mir an, ob ich den Vorstandsposten haben wolle. Ich wollte. Schröder war ein echter Macho – aber er hat die erste Frau in den KFW-Vorstand geholt, das muss man ihm lassen.
Wie wurden Sie denn bei der KFW aufgenommen?
Ich erinnere mich an ein Treffen mit pensionierten KFW-lern, direkt zu Beginn meiner Vorstandszeit. Da fragte mich eine Frau: „Wo sind Sie denn?“ Ich sagte: „Im Vorstand.“ Da fragte die Pensionärin: „Bei welchem?“ Da lachten viele: „Sie ist doch selber Vorstand!“.
Es war wohl ein ungewohnter Anblick, eine Frau im Vorstand einer Bank zu sehen. Und wie wurden Sie von den Bankern aufgenommen?
Sehr gut, von Bankern aus anderen Häusern sowieso. Die mussten ja schon aus Eigeninteresse gut mit mir zurechtkommen, schließlich brauchten sie bei vielen Projekten die Mitfinanzierung durch die KFW. Ich fühlte mich wohl bei der KFW. So was wie #metoo ist mir nie passiert. Ganz am Anfang meiner politischen Karriere, so 1972, da gab es mal Anrufe bei meinem Mann, ich solle mir meine Hurenfrisur abschneiden, also die langen Haare. Aber danach hatte ich keine Probleme, weder in der Politik noch bei der KFW, was sicher auch an meinen Themenschwerpunkten lag. Wissen Sie, wenn Sie über die geringe Eigenkapitalquote des kleineren Mittelstands oder die Erhöhung des Weihnachtsfreibetrags diskutieren, dann kann das für normale Männer ja eigentlich auch kein Anlass sein, zu pöbeln.
Zur Person
Ingrid Matthäus-Maier , 77, war von 1999 an Mitglied im Vorstand der KFW. Von 2006 bis 2008 leitete sie die Bank. Sie war damit die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großbank überhaupt. Zuvor war sie viele Jahre lang Bundestagsabgeordnete, von 1976 an zunächst für die FDP. Als diese 1982 einen Koalitionswechsel von der SPD zur CDU/CSU vollzog, verließ Matthäus-Maier die Partei, trat der SPD bei und legte ihr Bundestagsmandat nieder. 1983 zog sie für die SPD wieder in den Deutschen Bundestag ein. FR
Haben Sie sich als Vorständin und später als KFW-Chefin für die Förderung von Frauen in der Bank stark gemacht?
Ich denke schon. Es gab leider nur wenige Frauen in der Führung. Und die Zahlen von 2022 zeigen: Nicht einmal 17 Prozent der Bereichsleitungen – also der Ebene unter dem Vorstand – sind derzeit mit Frauen besetzt, das ist weiterhin sehr dürftig. Allerdings ist der Vorstand inzwischen paritätisch besetzt, das ist eine sehr gute Entwicklung. Damals bin ich einmal im Monat mit meinen Führungsfrauen essen gegangen. ,Ingrid’s girls’ day‘ nannten das die Kollegen. Das waren zwölf oder 13 Frauen und ich stellte fest: Kaum eine hatte Kinder. Eine kam aus Ostdeutschland, für sie war es normal, zu arbeiten und Kinder zu haben. Bei einer anderen war es so wie bei mir: Der Ehemann war zu Hause und versorgte die Kinder. Alle anderen hatten keine. Da dachte ich: Das kann doch nicht wahr sein, dass man nicht Kinder und Karriere haben kann. Einmal kam eine Führungskraft in mein Büro und sagte: „Ich kriege ein Baby.“ Ich umarmte sie und gratulierte und da fing sie an zu weinen und sagte, ihr direkter Chef habe gesagt: „Ich hatte doch noch so viel mit Ihnen vor.“
Was haben Sie getan, um Frauen Chancen zu eröffnen?
In meiner Zeit bei der KFW wurde das Jobsharing eingeführt, zwei Führungskräfte konnten sich eine Stelle teilen. Und wenn es um neue Projekte ging, dann saß man oft mit so acht Leuten zusammen und fragte: „Wer traut sich die Leitung zu?“ Da gingen alle Männerhände hoch, die Frauen meldeten sich nicht. Ich habe schnell gemerkt: Die Frauen müssen erst mal darüber nachdenken. Sie müssen schauen, wie sie die Kinder versorgt bekommen, wenn sie dafür etwa auf Reisen gehen mussten. Also musste man ihnen mal ein paar Tage Bedenk- und Organisationszeit geben. Hat man eine Woche später erneut gefragt, dann meldeten sich auch Frauen.
Mussten Sie weibliche Führungskräfte durchboxen?
Ich hatte mal eine Bereichsleitungsstelle zu besetzen. Ich hatte eine Frau ins Auge gefasst, ein Vorstandskollege einen Mann, beide sehr gut. Ich habe mit dem Gleichstellungsgesetz, Paragraf 8 von 2001, argumentiert: In Anstalten öffentlichen Rechts, in denen Frauen unterrepräsentiert sind, müssen die Frauen bei gleicher Qualifikation vorgezogen werden. Das Ergebnis war ein Kompromiss: Wir haben den Bereich geteilt und zwei Bereichsleitungen geschaffen.
Wie stehen Sie zu einer gendergerechten Sprache?
Also einiges, was da heute passiert, finde ich übertrieben. Aber im Grundsatz finde ich es sehr wichtig und es ist oft auch ohne große Mühen möglich. Ich erinnere mich bei der KFW an die Gegebenheit, noch unter dem Vorstandssprecher Hans Reich, als es eine neue Dienstverordnung geben sollte. Da stand die Formulierung: „Im folgenden wird die männliche Form verwendet, aber die weibliche ist mitgemeint.“ Ich habe mich damals in der Vorstandssitzung gemeldet und gesagt: „Ich möchte, dass der Satz geändert wird in: „Im folgenden benutzen wir die weibliche Formulierung, die männliche ist mitgemeint.“ Es war totenstill im Raum, das werde ich nie vergessen, mindestens 30, 40 Sekunden lang. Herr Reich fragte dann: „Meinen Sie das ernst?“ Ich antwortete, dass ich den Satz nicht ernsthaft umdrehen wollte, aber dass ich gerne sehen wollte, wie die Männer reagieren, wenn es mal umgekehrt ist und sie das ertragen sollen, was wir Frauen ständig ertragen. Die Dienstverordnung wurde tatsächlich in die Rechtsabteilung zurückgeschickt und in vielen Bereichen geschlechtsunabhängig formuliert.
Immer noch sind in den Vorständen deutscher Unternehmen nur wenige Frauen. Plädieren Sie für eine Frauenquote?
Ja, das tue ich. Wir würden es vermutlich irgendwann auch anders hinbekommen, aber mit einer Frauenquote wird es deutlich schneller gehen.
