Geldpolitik

EZB steht vor behutsamer Zinswende

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Notenbank steuert auf erste Leitzinssenkung im Juni zu

Frankfurt. Ob Finanzminister, Unternehmen oder private Haushalte - seit Monaten blicken in den 20 Staaten der europäischen Währungsgemeinschaft vor allem diejenigen, die ihre Investitionen und Ausgaben über Fremdkapital finanzieren müssen, gebannt auf die Europäische Zentralbank. „Wann wird die EZB endlich beginnen, die historisch hohen Leitzinsen zu senken, so dass wir uns wieder deutlich billiger Geld leihen können?“, ist die Frage, die sie umtreibt. Keine unbegründete Frage, wenn man bedenkt, dass die Inflation in den vergangenen Monaten deutlich nachgelassen hat und die Wirtschaft in der Euro-Zone insgesamt immer noch sehr schwach ist.

Eine konkrete Antwort ist EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstagnachmittag im Anschluss an die Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt zwar schuldig geblieben. Aber aus der offiziellen Presse-Erklärung des Rats und den mündlichen Ausführungen Lagardes ist zu folgern: Bleibt ein unvorhersehbarer externer Schock aus, werden die Notenbanker bei ihrer nächsten Sitzung im Juni mit der Zinswende beginnen - so wie es von den Terminmärkten mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent eingepreist ist.

Deutliche Hinweise

Einen deutlichen Hinweis darauf lieferte die EZB am Donnerstag in ihrer Erklärung, in der erstmals im aktuellen Zinszyklus überhaupt das Wort „Zinssenkung“ vorkommt. Im gewohnt komplizierten Notenbanker-Sprech heißt es darin: „Sollte unsere aktualisierte Beurteilung der Inflationsaussichten, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission die Zuversicht des EZB-Rats weiter stärken, dass die Inflation sich nachhaltig dem Zielwert annähert, wäre eine Lockerung der aktuellen geldpolitischen Straffung angemessen.“ Heißt im Klartext: Setzen die allgemeine Teuerungsrate und die Kernrate ihre Talfahrt fort und halten die hohen Leitzinsen die Kreditvergabe weiterhin auf dem derzeit niedrigen Niveau, senken wir bald die Zinsen.

Was eine Zinswende im Juni ebenfalls wahrscheinlich erscheinen lässt: Laut Lagarde plädierten einige der 26 Ratsmitglieder gestern schon für eine Leitzinssenkung. Sie seien allerdings bereit gewesen, sich der großen Mehrheit im Rat anzuschließen, die lieber zusätzliche Informationen im Juni abwarten wolle, berichtete Lagarde. Sollte die Inflationsrate tatsächlich noch näher an die 2,0-Prozent-Marke rücken, bei der die EZB mittelfristig die Preisstabilität gewährleistet sieht, dürfte sich dann eine Mehrheit für die Zinswende bilden.

Bis zur Juni-Sitzung veröffentlichen die Statistikämter zwei weitere monatliche Inflationsdaten. Außerdem wird bis dahin feststehen, wie stark die Tarifgehälter im ersten Quartal 2024 gestiegen sind. Die Zunahme der Löhne gilt derzeit als einer der zentralen Inflationstreiber im Euroraum und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Dienstleistungspreise - die den größten Anteil am europäischen Warenkorb ausmachen - fünf Monate in Folge um vier Prozent gestiegen sind.

Die Notenbank schaue sehr detailliert auf den Preisdruck bei Dienstleistungen, sagt Lagarde. Es sei aber nicht nötig, dass alle Inflationskomponenten bei der Zielmarke von 2,0 Prozent liegen, um die Zinsen zu senken. Auch das nährt die Erwartung an die Zinswende im Juni.

Im März sind die Verbraucherpreise in der Eurozone nur noch um 2,4 Prozent gestiegen im Vergleich zum März 2023. Im Februar hatte die Inflationsrate bei 2,6 Prozent gelegen und im Januar bei 2,8 Prozent. Kein Vergleich zu den 10,6 Prozent im Oktober 2022. Auch die Kerninflationsrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ist im März weiter gesunken: von 3,1 auf 2,9 Prozent.

Der Rückgang belegt, dass die gewaltige Anhebung der Leitzinsen um insgesamt 450 Basispunkte zwischen Juli 2022 und September 2023 gewirkt hat. Der Einlagenzins, den Banken erhalten, wenn sie Geld bei der EZB parken, liegt auf dem historischen Höchststand von 4,0 Prozent. Und der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen können, liegt bei 4,5 Prozent - und damit auf dem höchsten Stand seit 2001.

Bei der Frage, wie stark die EZB die Zinsen in diesem Jahr senken könnte, ließ sich Lagarde gestern nicht in die Karten schauen. Die EZB könne sich vorab nicht auf einen Zinspfad festlegen, betonte Lagarde und bekräftigte, dass die Notenbanker abhängig von den aktuellen Daten handeln. Die Volkswirte der Unicredit, der ING und des Vermögensverwalters Pimco gehen nun davon aus, dass die EZB die Zinsen 2024 behutsam senken wird: in drei Schritten um insgesamt 75 Basispunkte. Das deckt sich mit dem Gros der Erwartungen an den Märkten

USA erhöhen Unsicherheit

Vorsichtig dürfte den EZB-Rat nicht nur der deutliche Anstieg der Ölpreise in den vergangenen Wochen stimmen. Auch die Zinsentwicklung in den USA ist zu einem Unsicherheitsfaktor geworden. Denn die Inflation ist in den USA viel hartnäckiger als in der Euro-Zone - die Teuerungsraten gehen nicht mehr zurück. Im Gegenteil: Nachdem die US-Verbraucherpreise schon im Februar um 3,2 Prozent gestiegen sind, haben sie sich im März sogar um 3,5 Prozent erhöht, wie am Mittwoch bekannt wurde.

Die Hoffnung der Märkte, dass auch die US-Notenbank im Juni beginnen wird, die Leitzinsen von derzeit 5,25 bis 5,5 Prozent zu senken, ist deshalb nun vom Tisch. An den Termin-Märkten ist die erste Zinssenkung der Fed nun erst für September eingepreist. Kommt es so, wird der Zinsabstand zwischen den USA und der Euro-Zone größer.

Experten zufolge wird das Auswirkungen auf Kapitalströme, Wechselkurse und letztlich die Inflation haben: Je weiter die Zinslücke zu den USA klafft, desto eher sind Investoren geneigt, Kapital aus der Euro-Zone abzuziehen. Denn mit US-Titeln sind dann höhere Renditen zu erzielen. Was die Euro-Wirtschaft weiter schwächen würde.

Zugleich würden verstärkte Dollar-Käufe den Euro schwächen. Wertet der Euro ab, müssen Unternehmen mehr für Importe bezahlen, die in Dollar abgerechnet werden. Reichen die Unternehmen diese steigenden Kosten an ihre Kunden weiter, kann das die Inflation anfachen.

Lagarde sagte dazu, die EZB sei datenabhängig und nicht abhängig von der Entwicklung in den USA. Allerdings räumte sie ein: Alles, was in den USA passiere, werde in die Projektionen der EZB zu Wachstum und Inflation einfließen. Das schließe die Entwicklung des Wechselkurses ein.

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