VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Schon seit Jahren warnen Konzernchefs davor, dass die politische Situation Fachkräfte verschrecken könnte. Tatsächlich verlassen einige bereits das Land. Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort?
Berlin – „Die AfD ist brandgefährlich“, schrieb kürzlich Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, in den sozialen Medien. Damit reiht er sich in eine wachsende Zahl von Wirtschaftsgrößen ein, die vor einem Rechtsruck warnen – dieser sei eine Ursache dafür, warum ausländische Fachkräfte das Land verließen. Dabei gehen die Empfindungen auf Arbeitnehmer und -geberseite auseinander.
Fachkräfte sehen wegen politischem Klima von Migration ab
Für Wirtschaftsakteure wie Hüther ist die AfD nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Demokratie und die wirtschaftliche Zukunft ein Risiko. In eine ähnliche Richtung geht ein jüngerer Bericht der WirtschaftsWoche, demzufolge die „zunehmende Fremdenfeindlichkeit“ deutschen Unternehmen die Suche nach Fachkräften erschwere. Einige Firmen müssten zugezogene Beschäftigte wieder ziehen lassen, weil sich das politische Klima abgekühlt habe. Auf Ippen.Media-Anfrage, ob dieses Phänomen sich ausbreitet, hatte das Bundesministerium für Wirtschaft noch nicht geantwortet.
Gleichzeitig gibt es im Ausland Fachkräfte, die von vornherein von einem Umzug nach Deutschland absehen. Auch hier sei das politische Klima der Auslöser.
Das Netzwerk InterNations hat sich an einer Ursachenforschung versucht. Seit zehn Jahren führt es eine Studie durch, für die es regelmäßig Expats befragt, also ausländische Mitglieder. Der Studie zufolge stufen die Befragten Deutschland hoch ein, sobald es um Qualität, Bezahlung und Chancen der Arbeitsplätze geht. International sei die Bundesrepublik dahingehend mehr als wettbewerbsfähig. Allerdings bemängelten die Expats Deutschlands Willkommenskultur. Auch die Faktoren soziale Kontakte, bürokratische Hürden und die Wohnsituation seien „teils katastrophal“. Das berichtete die Zeit.
Milliardeninvestitionen in Ost-Bundesländer – Trotz starker AfD
Die AfD wiederum führt milliardenschwere Investitionen in AfD-starken Ost-Bundesländern ins Feld, um die Vorwürfe, ein Hindernis für Wirtschaftswachstum zu sein, von sich zu weisen. In einer ganzen Reihe Kleiner Anfragen an die Bundesregierung im vergangenen Herbst nannte die Partei etwa das Investment Teslas in Brandenburg über vier Milliarden Euro, das Infineon-Engagement in Dresden (fünf Milliarden Euro) sowie ein Investment des taiwanesischen Chip-Giganten TSMC über zehn Milliarden Euro.
In diesem Zuge fragte die Partei außerdem nach einem wissenschaftlichen Befund dazu, welchen Zusammenhang AfD-Umfragewerte mit Investitionsabsichten von Unternehmen hätten. Laut Bundesregierung lagen den von ihr finanzierten Forschungsinstituten dazu keine Ergebnisse vor. Regierungsvertreter, die sich in der Vergangenheit zur AfD als Wirtschaftsrisiko geäußert hatten, hätten dies durch Meinungsbildung über öffentlich zugängliche Studien aus anderen Quellen getan.
„Deindustrialisierung ist in vollem Gange“
Für die Entscheider innerhalb der großen Unternehmen gibt es dagegen ganz andere Faktoren als Fremdenfeindlichkeit und Willkommenskultur, was ihre Investitionen angeht. Unternehmen wie Miele, Bosch und Meyer Burger, die in den vergangenen Monaten alle in der einen oder anderen Form einen Rückzug aus Deutschland angekündigt hatten, kritisieren vorrangig die überbordende Bürokratie, hohe Strompreise und teure Steuern.
„Die Deindustrialisierung Deutschlands ist in vollem Gange“, erklärte Harald Müller, Geschäftsführer der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA), dazu gegenüber dem Fachmagazin produktion.de. Seiner Meinung hach haben viele Unternehmen die Herausforderungen, die im Zuge der Energiewende auf sie zukommen, als größeren Risikofaktor identifiziert. Mit einer Abwanderung ins Ausland schützen sie sich davor. Ganze Wirtschaftszweige sollen gänzlich aus dem Land verschwinden, prognostizierte Müller.
Bundesregierung sucht nach Lösungen
Das zeigt eine signifikante Schere in der Entscheidungsfindung von Arbeitgebern und -nehmern. Die Bundesregierung versucht aktuell, mit Maßnahmen wie dem Wachstumschancengesetz einen Umschwung einzuleiten. „Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) setzt ein breites Portfolio an Maßnahmen ein, das Unternehmen aus Schlüsselbranchen unterstützt“, teilte die Bundesregierung in diesem Rahmen mit. Unter anderem stelle sie Förderprogramme zur Verfügung, die sich auf Forschung und Entwicklung konzentrieren. Diese zielen auf die Stärkung der Innovationskraft, technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit.
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