VonSimon Stockschließen
Die Steuerklassen 3 und 5 sollen abgeschafft werden. Von der Reform wären Millionen Paare betroffen. Experten warnen vor den finanziellen Folgen für Familien.
Hamm - Liebe ist wunderbar. Händchenhalten, Schmetterlinge im Bauch, der erste Kuss, schließlich die Heirat auf Wolke sieben. Doch dann folgt jäh der Absturz in die Niederungen der deutschen Steuergesetzgebung. Nach „Ich will“ muss die nächste Antwort her: Steuerklasse 3/5 oder lieber die 4? Die Bundesregierung will die Entscheidungsmöglichkeiten jedoch beschneiden - mit finanziellen Folgen für Paare und Familien. Experten warnen.
Aus für Steuerklasse 3/5: Experten warnen vor Folgen für Familien
Steuerklasse 3, 4 oder 5 - worum geht es hier überhaupt? Ehepaare oder eingetragene Lebenspartner haben in Deutschland ein Privileg. Sie sind die einzigen, die zwischen verschiedenen Steuerklassen wählen dürfen. Alle anderen Personengruppen werden je nach Status wie folgt eingeteilt:
- Steuerklasse 1: für Alleinstehende
- Steuerklasse 2: für Alleinerziehende
- Steuerklasse 3: verheiratet und ein Schwerverdiener
- Steuerklasse 4: verheiratet und der Standardfall
- Steuerklasse 5: verheiratet und Geringverdiener
- Steuerklasse 6: mehrere sozialversicherungspflichtige Jobs
Steuerklasse 3/5 oder 4? Die Steuerlast bleibt in beiden Modellen gleich
Eheleute haben allerdings die Wahl. Entweder entscheiden sie sich für die Steuerklasse 4, wodurch beide Partner denselben Steuersatz zahlen. Oder sie wählen - wie Millionen Paare in Deutschland - die Steuerklassenkombination 3/5. Dabei zahlt der Hauptverdiener einen geringen Steuersatz und der Zweitverdiener einen hohen. Die Folge: Innerhalb der Partnerschaft geht es finanziell zwar ungerecht zu, doch in Summe bleibt dem Paar monatlich mehr Netto vom Brutto. Das 3/5er-Pärchen wollen SPD, Grüne und FDP aber noch in der laufenden Legislaturperiode abschaffen. Finanzminister Christian Lindner hat ein umfangreiches Gesetzespaket angekündigt. Das Ehegattensplitting soll nicht angetastet werden.
Der Vorteil der Klassen 3/5 ist allerdings nur ein vorläufiger, denn mit der Steuererklärung und dem Steuerbescheid im Folgejahr nimmt das Finanzamt eine Korrektur vor. Vereinfacht formuliert: Paare in Steuerklasse 4 haben zwar im Monat weniger Geld zur Verfügung, bekommen dafür am Ende mehr vom Finanzamt zurück. Paare mit der 3/5-Kombination haben ein höheres verfügbares Einkommen im Monat, erhalten aber weniger Geld zurück oder müssen womöglich nachzahlen. Die Steuerlast bleibt insgesamt gleich.
Steuerklasse 3/5 lässt Familien monatlich mehr Netto von Brutto
An diesem Punkt setzen die Sorgen von Experten vor einer möglichen Abschaffung der Steuerklassenkombination 3/5 ein. Millionen Ehepaare hätten dadurch „jeden Monat weniger Haushaltsbudget zur Verfügung, auch wenn die Steuerlast letztendlich unverändert bleibt“, schreibt der Lohnsteuerhilfeverein Bayern. Die Kombination 3/5 würde es durch das höhere verfügbare Einkommen leichter machen, die laufenden finanziellen Verpflichtungen wie Mietzahlungen oder Kredittilgungen zu erfüllen - insbesondere für ohnehin schon belastete Familien. „Wenn es da jetzt schon knapp ist, dann wird es künftig noch schwieriger für die Leute, den Lebensunterhalt zu finanzieren“, sagte Vorstand Tobias Gerauer dem BR.
In den Augen der Steuerhilfe würde durch die Reform zudem leicht der Eindruck entstehen, dass die Steuerlast gestiegen ist: „Der Ausgleich mit der späteren Steuererklärung wird weniger wahrgenommen, das könnte Unmut bei Steuerzahlenden hervorrufen“, heißt es.
Ein grobes Rechenbeispiel zur Verdeutlichung, wenn die Verdienste des Paares unterschiedlich sind: Partner A verdient 5.500 Euro Brutto, Partner B nur 1500 Euro. Sie haben zwei Kinder. Dann läge ihr monatliches gemeinsames Netto-Einkommen mit Steuerklasse 3/5 bei rund 5000 Euro. Mit Steuerklasse 4 (ohne Faktor) würden beide gemeinsam auf rund 4.700 Euro kommen - 300 Euro weniger im Monat. Rentner haben Grund zur Freude, denn die Rente steigt 2024 deutlicher als erwartet, allerdings kommt die Rentenerhöhung nicht überall gleichzeitig an. Doch das war auch nicht immer der Fall, wie ein Blick auf die Rentenerhöhungen der vergangenen Jahre offenbart.
Abschaffung der Steuerklassen 3/5: Was dahinter steckt
Bei dem Gesetzesvorhaben geht es den Ampel-Parteien um soziale Aspekte und größere Gerechtigkeit. Denn in der Realität ist der schlechter verdienende Teil eines Paares meist die Frau, die dann in Steuerklasse 5 eingruppiert und durch besonders hohe Abzüge benachteiligt wird. Die Reform würde dem Zweitverdiener mehr Netto vom Brutto lassen und – so die Hoffnung von Familienministerin Lisa Paus (Grüne) – die „ökonomische Gleichstellung von Frauen stärken“. Die Ampel-Koalition erhofft sich zudem, dass durch Abschaffung der Kombination 3/5 mehr Frauen erwerbstätig werden oder ihre Arbeitszeit erhöhen.
Rubriklistenbild: © MiS/IMAGO
