VonAnna Laura Müllerschließen
Wirtschaftspsychologin Julia Pitters spricht im Interview über die Emotionen hinter unserem Sparverhalten und wieso viele weiter am Bargeld hängen.
Das Bargeld unter die Matratze stopfen oder doch die digitale Variante per ETF: Möglichkeiten zum Sparen gibt es viele und Tipps, wie es am besten funktionieren soll, sowieso. Und es scheint zu klappen, denn das private Geldvermögen in Deutschland ist laut einer Studie der DZ Bank in den vergangenen Jahren gestiegen. Alles also gut so wie es ist? Nicht unbedingt. Denn wenn es um die Art des Sparens geht, halten viele Menschen hierzulande noch immer an eher traditionellen Anlagen, wie Sparen auf dem Giro-, Tagesgeldkonto oder dem guten alten Sparbuch fest. Und das nicht unbedingt, weil es die rational sinnvollste Lösung ist.
Frau Pitters, wie wir sparen entwickelt sich weiter und trotzdem bekommen Kinder hierzulande noch Spardosen geschenkt. Wieso eigentlich?
Das ist interessant, vor allem in einer Zeit, in der wir sehr viele Alternativen zum haptischen Bargeld haben. Die Zahl an digitalen Angeboten wächst und Kinder werden auch immer früher schon an digitales Zahlen herangeführt. Inzwischen gibt es ja sogar schon Monopoly, bei dem man direkt mit der Karte zahlen kann. Ich halte das aus psychologischer Sicht aber für schwierig, weil Kinder von ihrem Entwicklungsstadium her noch gar nicht in der Lage sind, so frühzeitig abstrakt zu denken und mit virtuellen Zahlen zu operieren. Das heißt, Kinder brauchen einen haptischen Bezug, um den Umgang mit Geld zu lernen. Mit solchen Symbolen wie einer Spardose ist es auch leichter zu verstehen. Man weiß genau, was habe ich insgesamt, und das, was nicht mehr drin ist, habe ich ausgegeben. Dieser Bezug ist natürlich viel einfacher, als wenn sich auf dem Bankkonto irgendwelche Zahlen verändern.
Und wie ist das bei Erwachsenen, die immer noch auf ein Sparbuch in Heftform bestehen?
Wir haben da einen ziemlich großen Generationenunterschied. Diejenigen, die noch analog aufgewachsen sind, sind Sparbuch und Bargeld gewohnt. Denen ist das Haptische noch sehr viel wichtiger. Die jüngeren Generationen, die schon digitalisiert aufgewachsen sind, sind da offener. Außerdem haben die älteren Generationen, zu denen ich mich jetzt auch schon dazuzähle, diese Niedrigzinspolitik nicht im selben Maße erlebt, wie die jüngeren Generationen. Da galt: Wenn ich jetzt nicht unbedingt der totale Finanzfreak bin, dann lasse ich mein Geld liegen und irgendwie vermehrt sich das dann ein bisschen von selbst, also verzinst sich. Damals hat sich Sparen auf diese Weise noch gelohnt.
Zur Person
Julia Pitters (45) lebt in Wien und ist Professorin für Wirtschaftspsychologie. Sie leitet den gleichnamigen Studiengang an der Internationalen Hochschule (IU). Pitters forscht zu finanzpsychologischen Themen, wie der Psychologie von Bargeld, Konsumentenverhalten und Marktforschung. Außerdem ist sie Gründungspartnerin eines Trendforschungsinstituts. alm
Und mittlerweile?
In den letzten zehn Jahren hatten wir eine niedrige, fast schon Nullzinspolitik. Wenn man da nichts mit seinem Geld getan hat und das einfach auf dem Sparbuch liegen lässt, dann war das unklug, weil man es hätte anders anlegen und deutlich mehr verdienen könnte. Das hat sich jetzt natürlich auch bei den Jüngeren durchgesetzt. Inzwischen ändern sich die Anlagestrategien. Und trotzdem hält sich bei vielen Älteren das Motto, Sparen mit Sparbuch oder Bargeld ist erst mal gut und schadet im Zweifelsfall nicht, auch wenn vielleicht Alternativen lukrativer wären.
Hält sich diese Mentalität in Deutschland besonders hartnäckig?
In Deutschland und im deutschsprachigen Raum hatten wir immer sehr hohe Sparquoten. Da spricht man auch oft von Sparmeistern oder Angstsparern, während im angelsächsischen Raum und gerade in den USA Sparen überhaupt nicht die gleiche Rolle spielt. Dort geht es oft mehr darum, zu investieren und auch Kredite aufzunehmen. In Deutschland, aber auch Europa insgesamt, haben wir traditionell eher einen anderen Schwerpunkt und denken, wenn man spart, ist es schon mal nicht schlecht.
Lösen die unterschiedlichen Arten zu Sparen denn auch unterschiedliche Emotionen aus?
Psychologisch ist interessant, dass sich Menschen in Krisenzeiten reflexartig an irgendetwas festhalten wollen, also in das Haptische investieren wie Gold oder Immobilien. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich bei Krisen der Bargeldumlauf verändert. Sogar bei der Corona-Pandemie ist der Bargeldumlauf anfangs um zehn Prozent gestiegen. Und das obwohl wir wussten, dass wir nicht so viel Bargeld ausgeben konnten, weil viele Geschäfte geschlossen waren und wir vor allem online eingekauft haben. Der Grund dafür war, dass viele Menschen Bargeld sozusagen gehortet haben, also als Wertaufbewahrung verwendet haben. Diese Entscheidung ist nicht unbedingt rational oder klug, weil es ja lukrativere Anlagestrategien gibt. Aber die Idee ist, in Krisen brauche ich irgendwas an dem ich mich festhalten kann und dann nehme ich das, was ich kenne, was sich irgendwie auch bewährt hat und was mir Sicherheit verspricht.
Sind wir im Endeffekt also in Sachen Geld doch sehr von unseren Emotionen gesteuert und können nicht unbedingt rationale Entscheidungen treffen?
Wir haben beim Sparen nicht immer einen Masterplan im Kopf, sondern handeln eher reflexartig und nicht immer rational. In manchen Situationen möchten wir zwar sehr gerne rational sein, schaffen das aber nicht, weil wir erstens nicht immer alle Informationen haben und zweitens nicht die kognitiven Kapazitäten, immer alles logisch und konsequent gegeneinander abzuwägen. Darüber hinaus sind wir überlagert von unseren Emotionen, von unserer Stimmung, von Sympathien. Wir vertrauen auf Produkte, die wir kennen und wir machen vielleicht auch einfach mal das, was andere tun. Wenn alle zum Bankautomaten laufen oder wenn alle sagen, so jetzt müssen wir aber sparen, dann machen wir das auch ohne lange nachzudenken. Wir suchen uns eigentlich unbewusst immer einfache Faustregeln als Hilfestellung oder Referenzpunkte, mit denen wir unser Verhalten abgleichen.
Nicht für alle Menschen ist Sparen positiv besetzt oder überhaupt möglich. Menschen, die von Armut betroffen sind zum Beispiel haben dazu ein ganz anderes Verhältnis.
Das spielt natürlich auch eine Rolle. Wenn man sich zum Beispiel Jugendliche anschaut, die weniger Geld zur Verfügung haben, sparen die weniger. Oft wächst diese Gruppe mittlerweile aber auch schon anders auf. Da ist Sparen keine Tugend mehr. Es gab vor zwei Jahren mal einen Trend auf Tiktok, bei dem junge Menschen geprotzt haben, wie viele Schulden sie schon über einen „buy now, pay later“-Anbieter gemacht haben. Es wurde also salonfähig gemacht, auch darüber zu reden, was vielleicht für die älteren Generation etwas ist, worüber man nicht sprechen würde. Und wir können beobachten, wenn Jugendliche sagen, sie haben keine Perspektive, wenn sie nicht besonders viel erben von den Eltern und sich auch durch ihre Arbeitsleistung kein großes Vermögen aufbauen können, dass sie dann ihre Strategie ändern. Dann sagen sie, ich lebe im Hier und Jetzt und gebe einfach alles aus, was ich habe. Ich zapfe alle Quellen an, die mir auch Konsumkredite ermöglichen. Losgelöst vom Alter ist es immer abhängig davon, wie viel man tatsächlich besitzt und wie viele Möglichkeiten man hat. Wenn ich nichts habe, kann ich natürlich auch nichts sparen.
Die junge Generation schaut laut Vermögensbarometer des Deutschen Sparkassen und Giroverbands trotz allem optimistischer in die Zukunft als andere Altersgruppen. Wie können Sie sich das erklären?
Wir haben zu einer ähnlichen Fragestellung gerade eine Studie begleitet, den „Financial Freedom Report“. Und da kam heraus, dass zum einen junge Menschen in Deutschland noch eher träumen als ältere. Wenn man Träume und Hoffnungen hat, sagt man vielleicht eher, ach das wird schon alles. Und die Älteren gehen da etwas realistischer ran. Und zum anderen können wir uns meistens gar nicht vorstellen, wie sich Dinge entwickeln. Wir orientieren uns an unserem Jetzt-Zustand. Und wenn ich jung bin und mich gut fühle, dann ist das ein Zustand, in dem ich mir gar nicht vorstellen kann, wie viel Geld ich mal im Alter brauche, um zum Beispiel die Pflege zu bezahlen. Das ist vielleicht auch ganz gut so, dass sie eben nicht so eine Angst vor der Zukunft haben. Junge Menschen tendieren eher dazu, noch offener, flexibler und vielleicht auch optimistischer zu sein. Im Gegensatz zu den Älteren, die dann auf eine gewisse Art abgeklärter sind.
Spielt da auch fehlende Finanzbildung eine Rolle?
Das ist ein Riesenthema, das auch immer wieder gesellschaftlich diskutiert und kritisiert wird, eigentlich schon seit Jahrzehnten. Es ist aber auch so ein Thema, an dem sich dann alle abarbeiten. Jeder sagt, es fehlt an Finanzbildung, aber dann wird trotzdem nicht so richtig viel gemacht und umgesetzt. In Österreich ist das jetzt immerhin seit einem Jahr Teil des Schulcurriculum geworden. Die Kinder müssen im Wirtschaftskundeunterricht über Finanzen lernen. Dann kam aber das Problem auf, dass sie gar nicht genug Lehrkräfte dafür hatten. Grundsätzlich lässt sich sagen, je früher ich lerne, nicht mehr auszugeben als ich habe, desto leichter tue ich mir auch später, wenn es wirklich um größere Summen geht, das beizubehalten.
Da sich der Finanzmarkt ständig weiterentwickelt, betrifft das doch auch Ältere. Die müssten wahrscheinlich auch weiter dazu lernen, sonst halten sie zu lange an veralteten Sparmethoden fest, oder?
Das stimmt. Insbesondere weil ja immer neue Finanzprodukte an den Markt kommen. Beim Krypto-Markt, der hinzugekommen ist, zum Beispiel haben die Älteren vielleicht auch Berührungsängste. Sie könnten sich mit dem Thema zumindest mehr beschäftigen. Man merkt insgesamt, es ist ein Bedarf da, von allen Seiten. Und da bräuchte es seriöse Finanzbildung, auf die man sich verlassen kann und die auch kostenlos von Institutionen zur Verfügung gestellt wird, auch für Ältere.



