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Sachsen im Fokus: Zwickau kämpft gegen den wirtschaftlichen Niedergang

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Das VW-Werk in Zwickau ist der größte Arbeitgeber in der Region. Auch viele Zulieferer hängen daran.
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Zwickau, einst blühende Industriestadt, kämpft mit Abwanderung und wirtschaftlichen Problemen. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung.

Am Hauptbahnhof, einem schönen Kuppelbau der Neuen Sachlichkeit von 1936, halten schon lange keine Fernzüge mehr. Mit der S-Bahn erreicht man Zwickau in Südwestsachsen. Wer die Bahnhofstraße in Richtung Innenstadt hinunterläuft, dem fallen viele leerstehende Häuser auf. Die alte Post, in der Nähe das frühere Reichsbahn-Gebäude. Verwaiste Hotels, leere Fensterhöhlen. Auf dem Wiesengrundstück an der Ecke stand bis vor wenigen Jahren eine repräsentative Herberge: Abgerissen. Die Stadt, in der vor der Wende 1989 noch 128 000 Einwohner:innen lebten, zählt heute 88 000 Menschen. Viele gingen in den Westen und kamen nicht zurück. Zwickau verbirgt seine Probleme nicht – und doch gibt es Signale der Hoffnung.

„Die Leute wollen nicht länger hinnehmen, dass sie Menschen zweiter Klasse sind“, sagt Sabine Zimmermann, seit 2001 Vorsitzende der DGB-Region Vogtland-Zwickau. „Wir kämpfen für die Industrie-Arbeitsplätze!“, sagt Thomas Knabel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau. Mit 25 500 Mitgliedern ist sie eine der größten Geschäftsstellen der Gewerkschaft. Denn die Stadt wird wirtschaftlich vom VW-Werk geprägt, mit knapp 11 000 Beschäftigten, 90 Prozent von ihnen Mitglied der Gewerkschaft. Hinzu kommen etwa 30 000 Arbeitsplätze in der Zuliefer-Industrie in Stadt und Region. „Wenn VW einen Schnupfen hat, kriegt Zwickau Grippe“, urteilt René Hahn, Fraktionsgeschäftsführer der Linken im Stadtparlament.

Gerade läuft es schlecht im VW-Werk. „Zwickau ist das erste Werk weltweit, dass nur Elektroautos baut“, so Metaller Knabel. Doch der Absatz von Elektrofahrzeugen ist eingebrochen, noch mehr, nachdem die Bundesregierung die Subventionen beim Autokauf strich. Die Fahrzeuge sind zu teuer, Lade-Infrastruktur fehlt. Die Folge in Zwickau: Die Produktion lahmt. Knabel nennt Zahlen. Wurden 2022 noch 360 000 Fahrzeuge gebaut, waren es 2023 nur 250 000. „Die Planzahlen für dieses Jahr liegen darunter“.

Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr soll auf zwei Schichten zurückgefahren werden

Als Konsequenz wird im Werk an ein Tabu gerührt: Der Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr soll auf zwei Schichten zurückgefahren werden, berichtet der Linke Hahn. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Werksleitung um eine neue Betriebsvereinbarung laufen. Mit Umschulungen und Weiterqualifizierungen der Beschäftigten soll verhindert werden, dass Arbeitsplätze verlorengehen.

Zweiter wichtiger Schauplatz für die IG Metall: Das GKN Gelenkwellenwerk in Zwickau mit 830 Beschäftigten. Am 18. Januar 2023 kündigte das Management das Aus nach mehr als 42 Jahren für 2025 an. Davon betroffen wären mittelbar auch etliche Zulieferer. Begründung: Zu hohe Kosten. Doch Betriebsrat und Gewerkschaft nahmen den Kampf um die Arbeitsplätze auf. „Das ist eine Nagelprobe für uns“, sagt Metaller Knabel. Es gelang, einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen zu vereinbaren. Mehr noch: Ein Beratungsunternehmen wurde mit der Suche nach einem neuen Investor für den Standort beauftragt. Freilich hält GKN am Ziel fest, jetzt bis Mitte 2026 in mehreren Schritten das Werk ganz zu schließen.

Der Hauptmarkt in Zwickau mit dem Gewandhaus, seit 1823 ein Theater, und dem Rathaus (rechts).

Sabine Zimmermann, die langjährige DGB-Vorsitzende, weitet den Blick über Zwickau hinaus. „In Sachsen schließen viele Betriebe, 2023 gab es 730 Insolvenzen.“ Niederlassungen in dem östlichen Bundesland seien nur „verlängerte Werkbänke“ westlicher Konzerne. „Deshalb ist es für die Unternehmen so leicht, Standorte zu schließen und zu sagen: Wir gehen woanders hin mit der Produktion, wo wir Kosten sparen.“ Ihre Bilanz: „Der Kapitalismus ist härter geworden.“ Ihre Forderung: „Im Osten müsste in Forschung und Entwicklung investiert werden.“

Wer vom Image der Region spricht, muss von der AfD reden

Das sieht auch Metaller Knabel so. „Wir sind hier die verlängerte Werkbank – wir haben keine eigenen Wachstums-Kerne, die müssten entstehen!“ Auch er fordert die Ansiedlung von Forschungs-Einrichtungen. Doch es fänden sich keine Investoren. „Das Image der Region ist ein Problem.“

Und die Unterstützung der Politik? Knabel winkt ab. „Das ist hier wie Steine-Schneiden!“ Aber es brauche „eine aktive Wirtschaftspolitik“ in Zwickau und in der ganzen Automobil-Region, zu der auch Porsche in Leipzig und VW in Chemnitz zählen. Eine „positive Erzählung“ von der Transformation vom Benziner hin zum Elektroauto müsse her.

Wer vom Image der Region spricht, muss von der AfD reden. Sie erreichte bei der Kommunalwahl 2019 in Zwickau 21,85 Prozent (plus 13 Prozentpunkte). Im Juni steht die nächste Kommunalwahl an. Für die Landtagswahl in Sachsen am 1. September 2024 sprechen Umfragen der AfD 34 Prozent zu.

Neue Landesregierung wird in Sachsen die alten wirtschaftlichen Probleme vorfinden

Die Gewerkschafterin Sabine Zimmermann hat eine Entscheidung getroffen. Von 2005 bis 2021 saß sie für die Linke im Deutschen Bundestag. Im Herbst 2023 verließ sie die Partei. Am 24. Februar 2024 wurde sie zur sächsischen Landesvorsitzenden des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) gewählt. Es wird damit gerechnet, dass sie bei der Landtagswahl am 1. September als sächsische BSW-Spitzenkandidatin antritt. Die jüngste Umfrage sagt dem BSW elf Prozent der Stimmen in Sachsen voraus.

Die neue Landesregierung wird in Sachsen die alten wirtschaftlichen Probleme vorfinden. Nur 39 Prozent der Betriebe im Land sind tarifgebunden, zahlen also Tariflöhne. Thomas Lißner, Geschäftsführer der NGG-Region Dresden-Chemnitz, freut sich über jeden kleinen Erfolg. Gerade hat er in einer Getränke-Firma mit knapp über 60 Beschäftigten den ersten Betriebsrat gegründet.

Betriebsräte berichten von rechten Listen und rechten Aktivitäten in den Firmen. In Zwickau aber sind Menschen unter dem Motto „Zwickau zeigt Herz“ aktiv geworden. Am 28. Januar haben 4000 im Stadtzentrum gegen die AfD und für Demokratie und Toleranz demonstriert. Am 25. Februar waren es 700 Menschen. Für den 20. April ist der nächste Protest geplant.

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