Paris atmet auf

Frankreich forciert die Atomkraft: Macron weiht größten Reaktor des Landes ein – nach 17 Jahren Bauzeit

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Trotz steigender Energiepreise und fragiler Infrastruktur hält Frankreich an der Atomkraft fest. Die Hoffnung: Klimaneutralität durch CO₂-freie Stromquellen.

Die Nuklearbranche atmet hörbar auf. Die französische Atomsicherheitsbehörde ASN hat die Inbetriebnahme des Druckwasserreaktors von Flamanville (Normandie) abgesegnet. Geschlagene 17 Jahre hatte der pharaonische Bau gedauert. Die stolzen französischen Nuklearingenieur:innen, die über einen AKW-Park von 56 Reaktoren herrschen, mussten einsehen, dass sie nach 20 Jahren Unterbrechung das Know-how für den Bau neuer Meiler verloren hatten. Fragile Schweißnähte, Risse im Betondeckel und gar undichte Stellen in der Reaktorhülle riefen die ASN immer wieder auf den Plan. Schließlich kostete der Bau laut dem französischen Rechnungshof 19,2 Milliarden Euro – fünfmal mehr als veranschlagt. Seriöse Planung ist anders.

Die Anlage in Flamanville (Normandie) ist der größte Atomreaktor Frankreichs.

Emmanuel Macron dürfte elegant darüber hinweggehen, wenn er den Druckwasserreaktor am Donnerstag im Beisein der nationalen Atomindustrie einweihen wird. David Margueritte, Vorsteher der umliegenden Region Cotentin freute sich im Voraus, hier sei „der Ort des glücklichen, nicht des schändlichen Atoms“. Der Bau habe etwas gedauert, aber das sei bei Pionierwerken unvermeidlich. Bei den zukünftigen EPR-Bauten werde es sicher schneller gehen.

Atomkraft in Frankreich: Reaktor soll zwei Millionen Menschen mit Strom versorgen

Der EPR von Flamanville ist der größte Reaktor Frankreichs. Mit einer Leistung von 1600 Megawatt soll er zwei Millionen Menschen mit Strom beliefern. Und die Nachfolgeprojekte liegen in der Schublade: Macron hatte schon 2022 angekündigt, dass er bis 2035 sechs weitere Meiler des Typs EPR2 bauen will; acht zusätzliche Meiler behält er als Option.

Der französische Präsident plädiert heute für einen Mix aus Atomkraft und erneuerbaren Energien. Am Mittwoch reiste er als zunächst nach Fécamp, ebenfalls am Ärmelkanal gelegen, um den dritten Offshore-Park Frankreichs mit 71 Windmasten und einer Leistung von 500 Megawatt einzuweihen. Er soll 800.000 Menschen mit Energie versorgen, wie am Dienstag (14. Mai) im Élysée-Palast zu erfahren war. Insgesamt seien in Frankreich bis zu 50 Windparks geplant.

Viele stoßen allerdings auf lokalpolitische Widerstände. Auch deshalb erhält der versprochene Energiemix eine klare atomare Schlagseite. Macrons Vorgänger François Hollande hatte noch versprochen, den Atomstrom-Anteil an der nationalen Produktion von 75 auf 50 Prozent zu senken. Deshalb beschloss er auch die Stilllegung des dienstältesten Atomkraftwerkes Fessenheim im Elsass.

So sieht der französische Ernergiemix künftig aus

Macron setzte diesen Entscheid in die Tat um, womit er die Grünen besänftigte. Der Atomstrom-Anteil ist in Frankreich folgerichtig gesunken, aber nur auf 64,8 Prozent. Denn die Staatsführung fördert nicht nur den EPR-Bau, sondern lässt zur Überbrückung auch die Laufzeit der heutigen Reaktoren auf 60 Jahre verlängern. Zudem fördert sie die Technologie der Kleinreaktoren SMR (small modular reactors). Die AKW-Betreiberin Electricité de France (EDF) hat Paris verstaatlicht, die beiden Atomaufsichtsbehörden zusammengelegt. Auch die Genehmigungsverfahren für AKW lässt Macron verkürzen. Ende 2023 hat das Verfassungsgericht zudem die lokal sehr umstrittene Endlagerung in Bure (Lothringen) gutgeheißen.

Dies alles lässt darauf schließen, dass der französische Energiemix langfristig eher bei zwei Drittel Atom und einem Drittel Erneuerbaren liegen wird. Der Vorrang des „nucléaire“ beruht auf einem politischen Konsens, dem sich fast nur die Grünen verweigern. Macron sagt heute, der Energiemix sei letztlich sekundär; wichtig sei, dass die beiden CO₂-freien Stromquellen Atom und Erneuerbare Frankreich zur Klimaneutralität verhelfen.

AKW-Befürworter verlieren mehr und mehr das Preisargument.

Auch wenn der französische Atomkurs politisch breit abgestützt bleibt, macht sich in der Bevölkerung spürbare Ernüchterung breit. Die gestiegenen Energiepreise zeigen klar auf, dass die Ära des billigen Atomstroms vorbei ist. In die gleiche Richtung weisen die hohen EPR-Kosten, und zwar nicht nur in Flamanville. Der bisher einzige europäische Druckwasserreaktor in Olkiluoto (Finnland) verteuerte sich um den Faktor drei, der in Bau befindliche EPR in Hinkley Point (Großbritannien) dürfte doppelt so teuer ausfallen wie geplant. Die AKW-Befürworter verlieren damit mehr und mehr das Preisargument. Die Versorgungssicherheit ist auch nicht mehr gegeben, droht doch Frankreich aus geopolitischen Gründen seine zwei wichtigsten Uran-Lieferanten Kasachstan und Niger zu verlieren.

Bleibt das Argument der Klimaschonung, das Macron vorab gegenüber deutschen Einwänden vorbringt. Bei der COP 28 in Dubai hatte er Ende vergangenen Jahres betont, der planetare Temperaturanstieg werde sich realistischerweise nur meistern lassen, wenn die Atomenergie weltweit ausgebaut werde und die Kohlenenergie ersetze. Darin war er sich mit dem amerikanischen Klimaemissär John Kerry einig.

Rubriklistenbild: © AFP

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