Verband übt Kritik

Gasspeicher: Reiche bricht mit Habeck und überlässt dem Markt das Feld

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Markt statt Staat: Reiche will die Gasspeicher ohne staatliche Eingriffe befüllen. Doch die Reserven sind niedriger als früher – wie riskant ist das?

Berlin – Technologieoffenheit – oder anders gesagt: Der Markt soll es richten. Besonders deutlich zeigt sich diese ordnungspolitische Linie von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beim Thema Energieversorgung. Die CDU-Politikerin und frühere Energiemanagerin bricht dabei in zentralen Punkten mit der Politik ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüne).

Reiches neuer Kurs: Weniger staatliche Vorgaben bei Gasspeicher, mehr Vertrauen in den Markt

  • Am Dienstag setzte Reiche die Alarmstufe im dreistufigen Notfallplan Gas von Stufe zwei auf Stufe eins herab.
  • Anfang Mai senkte die Bundesregierung die gesetzlich vorgeschriebenen Füllstandsvorgaben für strategisch wichtige Speicher – zum Beispiel für Rehden – von rund 70 auf nur noch 45 Prozent.
  • Der staatliche Gaseinkäufer Trading Hub Europe (THE) soll laut Reiche nur noch im Notfall aktiv werden.
  • Reiche setzt auf Investitionsanreize durch die Preisdifferenz zwischen Sommer- und Winterpreisen („Spreads“) – staatliche Eingriffe, so ihre Haltung, würden den Markt verzerren.

In all diesen Punkten zeigt sich eine Abkehr vom interventionistischen Kurs Habecks. Während seiner Amtszeit hatte die Versorgungssicherheit stets Vorrang vor jedweden Marktmechanismen. So galten unter Habeck klare Füllstandsvorgaben: 75 Prozent im September, 95 Prozent im November. Die THE kaufte schon im Sommer vorsorglich große Mengen Gas, um zentrale Speicher wie den im niedersächsischen Rehden frühzeitig zu füllen.

Reiche setzt auf Preis-Signale: Die Füllstände sinken – und manche Speicher bleiben fast leer

Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und dem damit verbundenen Ende aller Gasimporte aus dem Kreml wollte der ehemalige Vizekanzler auch im Falle eines extrem kalten und langen Winters über ausreichende Gasreserven in Deutschland verfügen. Mittlerweile bezieht Deutschland das meiste Gas aus Norwegen, Niederlande oder Belgien. Hinzu kommen flexible Lieferungen von LNG-Flüssiggas aus den USA – zwischenzeitlich sprang sogar Katar ein. Unter Reiche liegt der durchschnittliche Füllstand der Gasspeicher aktuell bei 50,66 Prozent – in Rehden sogar nur bei 2,33 Prozent. „Die Gaspreise haben sich stabilisiert, und die Gasspeicher tragen zur allgemeinen Versorgungssicherheit bei“, kommentiert Reiche jegliche Kritik an ihrem Vorgehen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt bei der deutschen Gasversorgung auf die Kräfte des Marktes.

Der kalte Winter und die aktuelle Preisstruktur am Gasmarkt hätten dazu geführt, dass die Vorräte aktuell unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegen. Zudem könne Rehden nicht als Maßstab dienen. Der bundesweit größte Speicher liege im Norden, wo zahlreiche so genannte Kavernenspeicher vorhanden seien. Im Gegensatz zu Porenspeichern wie Rehden lassen sich diese auch kurzfristig und schnell befüllen.

„Große Liquidität am Markt“ – Reiche sieht Deutschland gut gerüstet – Verband Ines übt Kritik

Als zusätzliche Sicherheit gilt die LNG-Infrastruktur, die ebenfalls flexibel genutzt werden kann. Reiches Urteil: Aufgrund der „großen Liquidität im Markt ist es unwirtschaftlich, in den Speicher Rehden einzuspeichern“. Insgesamt entfällt gut ein Fünftel der gesamten deutschen Speicherkapazität auf den Rehden. Mit ihrem Kurs folgt die Ministerin den Einschätzungen des Energie-Branchenverbands BDEW, die in Habecks Vorgabenpolitik einen Treiber für die eigentlich billigeren Gaspreise im Sommer sehen. Aktuell scheint diese Strategie aufzugehen – zumindest laut Reiche.

Der Sommer-Winter-Spread ermögliche zwischendurch wieder Einspeisungen in die Kavernen, sodass die THE derzeit keine außerplanmäßigen Zukäufe tätigen müsse. Anders sieht es der Verband der Gasspeicherbetreiber Ines: Geschäftsführer Sebastian Heinermann sieht Deutschland selbst bei einer Füllstandvorgabe von 70 Prozent nicht ausreichend auf einen überdurchschnittlich kalten Winter vorbereitet.

Trading Hub Europe hält sich zurück, Großspeicher bleiben leer – Reiche verlässt sich auf Marktlogik

Auf dem Markt fehlen allerdings aktuell die Anreize, um alle Gasspeicher gleichmäßig zu befüllen. Reiche habe die Chance vertan, in den ersten Monaten des Jahres über die THE noch günstiges Gas zu kaufen, um immerhin eine gewisse Vorleistung zu haben. Sollte die Zeit nach dem Sommer knapp werden und die Bundesregierung dann doch über die THE nachkaufen müssen, rechnet der Verband Ines mit deutlich höheren Preisen.

Reiche verweist dagegen auf ein „intensives Monitoring der internationalen Gasversorgung“ sowie ein „permanentes Monitoring der Gasspeichersituation“, um bei Bedarf schnell reagieren zu können. Auch deshalb sei sie zuversichtlich, dass die in der Gasspeicher-Füllstandsverordnung angestrebten 80 Prozent bis November erreichbar seien.

Rubriklistenbild: © Imago/Anja Cord

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