VonJoachim Willeschließen
Eine Untersuchung zeigt alarmierende Werte von Trifluoressigsäure in europäischen Flüssen und Seen. Die Chemikalie könnte die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
Negative Spitzenreiter sind die Elbe in Deutschland, die französische Seine und die Mehaigne in Belgien: Flüsse in Europa, aber auch Seen und Grundwasserleiter sind offenbar weiträumig mit der Chemikalie Trifluoressigsäure (Triflouracetat, TFA) belastet, die vor allem ein Abbauprodukt von speziellen Pestiziden ist. TFA steht im Verdacht, unfruchtbar zu machen.
Die Messwerte entstammen einer Untersuchung, die der österreichische Umweltverband „Global 2000“ und das „Europäische Pestizid Aktionsnetzwerk“ (PAN Europe) vom Karlsruher Technologiezentrum Wasser haben machen lassen. Getestet wurden 23 Oberflächenwasser und sechs Grundwässer in zehn europäischen Ländern auf TFA und vereinzelt auch weitere Stoffe der PFAS-Gruppe, die wegen ihrer schlechten Abbaubarkeit Ewigkeitschemikalien genannt werden. In 79 Prozent der Wasserproben überschreiten danach allein die TFA-Konzentrationen bereits den in der EU-Trinkwasserrichtlinie vorgeschlagenen Grenzwert für „PFAS gesamt“.
So hoch könnte die Gefahr für den Menschen sein
PFAS ist das Kürzel für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Es handelt sich um rund 10 000 Chemikalien, die in vielen Produkten eingesetzt werden, etwa, um sie wasser-, schmutz- oder fettabweisend auszurüsten. Sie finden sich unter anderem in Fastfood-Verpackungen, Outdoor-Kleidung, Kosmetik, aber auch als Wirkstoff in Pestiziden. Auch bei der Herstellung von Solaranlagen, Windrädern und Wärmepumpen werden sie genutzt. Etwa 2000 davon gelten als Ausgangsstoffe für TFA. In der EU wird über ein Verbot nachgedacht, die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) verhandelt derzeit darüber. Allerdings gibt es neuerdings Widerstand im EU-Parlament dagegen, von Seiten konservativer Abgeordneter.
Die Gefährlichkeit des Abbauprodukts TFA für Mensch und Umwelt ist noch wenig untersucht, allerdings gibt es laut Global 2000 Hinweise darauf. So habe kürzlich ein von der Industrie selbst in Auftrag gegebener Tierversuch gezeigt, dass TFA schwere Missbildungen bei Kaninchenbabys verursachte, deren Mütter während der Schwangerschaft TFA ausgesetzt waren. Das erläuterte bei der Vorstellung der Wasser-Messwerte die Toxikologin Pauline Cervan, die bei der französischen NGO „Générations Futures“ arbeitet. In den letzten Jahren hätten EU- und US-Behörden ihre Toxizitätsbewertungen für einige, relativ gut untersuchte PFAS wiederholt nach unten korrigiert. „Wir können nur hoffen, dass sich TFA letztlich nicht als ähnlich toxisch erweist“, sagte Cervan.
Gefahr: Unfruchtbarkeit oder Schäden beim Nachwuchs
Auf EU-Ebene gibt es Bestrebungen, TFA in der sogenannten CLP-Verordnung als „reproduktionstoxisch“ einzustufen, was bedeutet, der Stoff kann unfruchtbar machen oder Schäden beim Nachwuchs auslösen. Auch die deutsche „Bundesstelle für Chemikalien“ will nach FR-Informationen diese Einstufung vorschlagen. Laut Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) sind PFAS-Pestizide deutschlandweit die dominante Quelle der TFA-Belastung von Wasser.
Global 2000 und PAN Europe forderten als Reaktion auf die Messwerte „rasche und entschlossene Maßnahmen“. Dazu zählten ein schnelles Verbot von PFAS-Pestiziden, eine allgemeine Beschränkung für die Ewigkeitschemikalien im Rahmen der EU-Chemikalienverordnung sowie Überwachungspflichten und Grenzwerte für TFA.
Der Umweltverband BUND, der unlängst eine Untersuchung zur PFAS-Belastung von Grundwasser und Mineralwässern vorgelegt hatte, schloss sich dem an und monierte, dass Pestizide im PFAS-Beschränkungsvorschlag, der von Deutschland und vier weiteren Ländern der EU-Chemikalienagentur vorgelegt wurde, explizit ausgenommen sind.
Beim Pflanzenschutzmittel-Hersteller Bayer Crop Sciences, der unter anderem Pestizide mit dem Wirkstoff „Flufenacet“ verkauft, der sich zu TFA abbaut, hieß es, laut jüngsten wissenschaftlichen Studien zu TFA gebe es „keine Hinweise auf ein Risiko für die menschliche Gesundheit oder für die Umwelt“.
