VonMax Müllerschließen
Überall fehlen Fachkräfte. Wirklich? Um Personalengpässe zu lösen, gibt es doch eigentlich ein einfaches Gegenmittel: höhere Löhne.
Es gibt Meldungen, die sich in ihrem Sensationswert ganz einfach dadurch abnutzen, dass sie immer und immer wieder aufploppen. Da wäre zum Beispiel der viel zitierte Fachkräftemangel. Jüngstes Beispiel: Laut einer DIHK-Umfrage kann die Hälfte der Betriebe in Deutschland ihre Azubi-Stellen nicht besetzen. Eine Nachricht, die sich nahtlos einfügen lässt in die Reihe der Meldungen über geschlossene Gastronomien, Betriebe in Kurzarbeit und Deutschland im wirtschaftlichen Sinkflug. All das hat auch damit zu tun, dass es nicht genug Arbeitskräfte gibt. So wird das zumindest immer erzählt.
Es gibt allerdings auch eine andere Lesart. Sie geht so: Wenn der Fachkräftemangel wirklich so heftig ausfallen würde, wie er allenthalben beschrieben wird, dann hätten die Betriebe doch eine ganz einfache Möglichkeit, um dem entgegenzuwirken: Sie müssten einfach nur die Löhne erhöhen und schon könnten sie sich vor dem Bewerberansturm kaum retten.
Fachkräftemangel als „bequeme Chiffre für alles, was in diesem Land schlecht läuft“
Zu Verfechtern dieser These gehört unter anderem der Arbeitsmarktökonom Simon Jäger. Unternehmen würden sich seit 40 Jahren über zu wenige Fachkräfte beschweren, dabei hätten sie das entscheidende Instrument selbst in der Hand: höhere Löhne. „Wenn Unternehmen Arbeitskräfte suchen oder an sich binden wollen, werden sie mehr bezahlen oder bessere Arbeitsbedingungen schaffen“, sagte Jäger dem Spiegel.
Auch Ursula Weidenfeld, Journalistin und studierte Volkswirtin, glaubt die Erzählung vom Fachkräftemangel nicht. Der Fachkräftemangel sei nur „die bequeme Chiffre für alles geworden, was in diesem Land schlecht läuft“. Ihr Lösungsvorschlag in einer Spiegel-Kolumne: „Was helfen würde, wären bessere Chefs, effizientere Arbeitsabläufe und erfreulichere Arbeitsbedingungen. Denn Fachkräfte fehlen (noch) nicht. Sie sind nur woanders.“
Ökonom Clemens Fuest: Einen Fachkräftemangel gebe es streng ökonomisch gesehen gar nicht
Wenn es also nicht generell an Arbeitskräften fehlt, stellt sich vielmehr die Frage: Wie bekommt man sie an die entscheidenden Stellen? Auch Ökonom Clemens Fuest kommt in dieser Frage relativ schnell aufs Geld. „Die wichtigste Antwort auf Fachkräfteknappheit ist das Erhöhen von Löhnen“, sagte der Ifo-Chef im BR. Einen Fachkräftemangel gebe es streng ökonomisch gesehen gar nicht in Deutschland, sondern vielmehr eine Fachkräfteknappheit: „Mangel ist eine Situation, in der man bereit ist, den Preis zu bezahlen, aber nichts kriegt.“
Eine Frage muss natürlich erlaubt sein: Wer kann sich höhere Löhne leisten? Immerhin steckt Deutschland in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Corona, der Ukraine-Krieg und die gestiegenen Energiepreise belasten die hiesigen Unternehmen. Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland ist zwei Quartale in Folge geschrumpft. Fachleute sprechen von einer „technischen Rezession“.
Die Reallöhne sind laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2022 um vier Prozent im Vergleich zu 2021 gesunken. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn dieser Statistik. Gleichzeitig bewegt sich der andere entscheidende Parameter, die Zahl der offenen Stellen, in die andere Richtung. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass im Jahr 2022 Fachkräfte in jedem sechsten Beruf knapp waren. Bei 200 von 1200 bewerteten Berufen gab es einen Engpass – und damit 52 mehr als im Vorjahr.
Sieben Millionen fehlende Arbeitskräfte bis 2023
Noch düsterer lesen sich Prognosen, wie beispielsweise eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Demnach gehen dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2035 rund sieben Millionen Arbeitskräfte verloren, sofern nicht gegengesteuert werde.
Mattis Beckmannshagen teilt die These vom herbeigeredeten Fachkräftemangel nicht. In manchen Bereichen gibt es ihn, davon ist der Arbeitsmarktexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung überzeugt. Dennoch sagt er unserer Redaktion: „Ich glaube schon, dass es sich manche Arbeitgeber zu einfach machen. Man sagt einfach ‚Fachkräftemangel‘ und schon lassen sich alle – möglicherweise auch hausgemachten – Probleme verdecken.“
Man müsse genau hinschauen – und nach Branche und Region unterscheiden. „Gerade in der Pflegebranche spielen häufig auch die Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle, nicht nur die Höhe des Lohns“, sagt Beckmannshagen. „Heutzutage sind diese Faktoren – flexible Arbeitszeiten, Arbeitsbelastung, Teamchemie – viel wichtiger. Insofern wird man den Fachkräftemangel nicht allein lösen, indem die Löhne angehoben werden.“
Zeichen der Hoffnung: Löhne könnten 2023 wieder spürbar steigen
Er spricht damit einen wichtigen Punkt an. In der rein ökonomischen Theorie ist es sehr leicht: Wenn etwas knapp und begehrt ist, steigt der Preis – in dem Fall also der Lohn. Doch die Realität ist wesentlich komplexer als die Theorie. Nicht jeder Beschäftigte weiß, dass er woanders mehr verdienen kann. Nicht jeder Mensch ist bereit, für einen anderen Job umzuziehen. Manchmal passt es auf der persönlichen Ebene nicht. Es menschelt – eine Realität, die kaum eine ökonomische Theorie abbildet.
Dazu kommt: „Lohnverhandlungen können sich lange ziehen – und werden oft nicht von den Beschäftigten selbst, sondern von Gewerkschaften geführt. Deswegen dauert es manchmal länger, bis sich der Lohn an die gesamtwirtschaftliche Entwicklung oder die Inflation anpasst“, sagt Beckmannshagen.
In der Hinsicht gibt es gute Nachrichten: In ihrem kürzlich veröffentlichen Monatsbericht geht die Deutsche Bundesbank davon aus, dass die Löhne 2023 kräftig wachsen werden. „Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb die Inflationsrate noch über längere Frist oberhalb von 2 Prozent verharren dürfte“, schreiben die Expertinnen und Experten.
*Die Bilder wurden mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung der Bilder: Art Director Nicolas Bruckmann.
Rubriklistenbild: © Maximilian Litzka/Midjourney (maschinell erstellt*)

