- VonOlivia Kowalakschließen
Deutschlands Industrie leidet unter schwierigen Rahmenbedingungen und verliert zunehmend ihre Wettbewerbsfähigkeit. Experten schlagen erneut Alarm und kritisieren die Ampel-Koalition scharf.
Berlin – Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, bangt um den Industriestandort Deutschland. Der Gesamtmetall-Chef sehe die „beginnende De-Industrialisierung“ kommen und mahnt vor erheblichen Arbeitsplatzverlusten innerhalb des Sektors, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Bis zu 50.000 Arbeitsplätze werden verloren gehen, warnt Wolf. „Ich sehe bereits eine beginnende De-Industrialisierung. Es finden viele Verlagerungen statt – überall hin“, so der Repräsentant des Verbandes.
Industrie leidet unter schlechten Rahmenbedingungen
Die Investitionen, besonders in der Automobil- und Zuliefererbranche seien stark zurückgegangen. Stattdessen würde man vermehrt ins Ausland investieren. Die Politik schaffe hier einfach keine guten Rahmenbedingungen: „Wegen der schlechten Rahmenbedingungen hier in Deutschland fließt stattdessen derzeit sehr viel Geld ins Ausland. Uns sind damit über 300 Milliarden Euro an Investitionen verloren gegangen.“ Diese Zahl sei „dramatisch“, mahnte Wolf. Werde hier nicht investiert, leide langfristig die Produktivität, was zu noch weniger Wettbewerbsfähigkeit führe.
Besonders energieintensive Branchen wie das einstige Steckenpferd der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie, stehen seither auf wackeligen Beinen. Der Industriezweig stellt einen entscheidenden Teil der deutschen Wirtschaft dar. Insgesamt beziffert der Berufsfoerderungsdienst die Anzahl der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie auf rund 2,5 Millionen. Darüber hinaus entfallen fünf Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) auf den Automobilsektor.
Die Branche war vor allem wegen ihrer Innovationsfähigkeit ein Magnet für Investitionsgelder und Top-Fachpersonal. Durch die breite Lieferkette werden zahlreiche direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen. Die vielen Lieferketten-Turbulenzen in den vergangenen Jahren haben dem Industriezweig deutlich geschadet. Die Blockade auf dem Suezkanal, der Terror der Huthi-Rebellen oder die Abhängigkeit von China bilden mittlerweile erhebliche Risiken für die Branche.
„Größere Automobilzulieferer haben doch bereits Entlassungen angekündigt. Und ich befürchte, dass das eine richtige Dynamik entwickelt“, so die schwarze Prognose des Gesamtmetall-Chefs. „Wenn sich nicht schnell etwas ändert, werden wir einen Abbau von Arbeitsplätzen, gerade bei den eher einfachen Tätigkeiten wie etwa in der Produktion, sehen“. Wolf geht scharf mit der Ampel-Regierung in die Kritik: „Was nicht hilft, ist zu beschwichtigen, und die Lage als konjunkturelle Delle abzutun“, schloss er seine Bewertung ab.
Überregulierung: Ampel-Regierung plant Entlastungen in der Bürokratie
„Die Energiepreise sind eine Herausforderung, die starke Regulierung in Deutschland und aus der EU auch“, äußerte auch Wacker-Chemie-Chef Christian Hartel seine Sorge zum Standort Deutschland. Unternehmen der Branche beklagen seit Ausbruch des Ukraine-Krieges einen immensen Kostenaufwand. Besonders problematisch sieht Hartel die „EU-Berichtspflichten über die Nachhaltigkeit“.
Die sich überbordende Bürokratie schreckt wichtige Geldgeber und potenzielle Unternehmer ab. Zudem belaste dies besonders „kleine und mittelständische Firmen“, wie Hartel ergänzte. Man könnte einen Großteil der Bürokratie in Deutschland minimieren, wenn EU-Gesetze zumindest nur eins zu eins umgesetzt würden, wie Geschäftsführerin Gabriele Köstner der Müller-Zeiner Industrieverpackungen GmbH der Tagesschau sagte. Deutschland würde die Anwendung der EU-Gesetze sehr streng nehmen.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat im Zuge des „Paktes für Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungsbeschleunigung“ im November Änderungen versprochen. Weiterhin sagte Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann (FDP) mit dem 4. Bürokratieentlastungsgesetz dem „Bürokratie-Burnout“ den Kampf an. Demnach sollen mitunter Aufbewahrungsfristen verkürzt, die Hotelmeldepflicht abgeschafft und Schriftformerfordernisse reduziert werden. (mit Material der AFP)
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