Auf dem ganzen Globus debattiert man über den Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Dem Nutzen des Mittels stehen mögliche gesundheitliche Folgen und Naturschäden entgegen.
Brüssel - Um den Einsatz von Glyphosat wird in der EU und weltweit seit Jahren gerungen. Das Mittel ist für die Landwirtschaft bedeutsam, kann jedoch die Umwelt beeinträchtigen und steht im Verdacht, krebserregend zu wirken. Die EU-Kommission hat die erneute Zulassung von Glyphosat für weitere zehn Jahre vorgeschlagen. Im EU-Parlament wird am Mittwoch darüber debattiert. Die Position der Bundesregierung blieb zunächst unklar.
Was ist Glyphosat?
Der Wirkstoff wurde in den 70er Jahren vom US-Unternehmen Monsanto entwickelt und ist heute der am meisten verwendete Inhaltsstoff in Unkrautbekämpfungsmitteln weltweit. Er kommt vor allem in sogenannten Breitbandherbiziden wie Monsantos Roundup vor, die von jeglichen grünen Pflanzenteilen wie Blättern und Stängeln aufgenommen werden und die Pflanze töten. Monsanto, das seit 2018 zum Leverkusener Bayer-Konzern gehört, vertreibt Roundup in vielen Ländern, etwa in Süd- und Nordamerika in Kombination mit Saatgut gentechnisch veränderter Pflanzen, die gegen Glyphosat resistent sind.
Ist Glyphosat krebserregend?
Um diese Frage kreist insbesondere in der EU seit Jahren die Debatte, wenn es um die Zulassung des Mittels geht. 2015 hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Allerdings schränkten die Experten selbst ein, dass diese Feststellung noch nicht besagt, dass die tatsächliche Anwendung zu Krebskrankheiten führt.
Monsanto-Eigentümer Bayer führt zahlreiche Studien an, denen zufolge das Pflanzenschutzmittel „bei sachgemäßer Verwendung sicher“ ist. In den USA landeten mutmaßlich durch Glyphosat verursachte Krebserkrankungen dennoch in mehreren Fällen vor Gericht und Bayer wurde teils rechtskräftig zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt oder zahlte im Rahmen von Vergleichen. Einige Verfahren laufen noch, in einigen Fällen entschieden Gerichte auch zugunsten des Konzerns.
Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) kam außerdem im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass Glyphosat nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht als krebserregend und auch nicht als erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft werden kann.
Wie wirkt Glyphosat auf die Umwelt?
Umweltorganisationen kritisieren die Auswirkungen des weltweit massiven Einsatzes von Glyphosat auf die Artenvielfalt, da wilde Pflanzen absterben und so Insekten und Vögeln die Nahrungsgrundlage fehlt. Sie fordern insgesamt eine deutliche Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden. Entsprechende Vorhaben der EU-Kommission mit verpflichtenden Reduktionszielen sind heftig umstritten.
Die EU-Lebensmittelbehörde Efsa hatte nach Auswertung tausender Studien keine abschließende Meinung zu den Umweltwirkungen von Glyphosat. Wegen fehlender Daten könne etwa der Verlust von Artenvielfalt nicht abschließend bewertet werden, erklärte die Behörde. Dass Glyphosat Schäden verursachen kann, steht hingegen fest: Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Anwendungsweisen von Glyphosat sei „ein hohes langfristiges Risiko für Säugetiere“ festgestellt worden.
Gibt es Alternativen?
Glyphosat ist in seinem Anwendungsbereich höchst effektiv und durch andere Herbizide schwer zu ersetzen. Alternativen sind „mechanische“ Methoden wie das Pflügen oder Eggen von Feldern. Diese Methoden sind nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums „in der Wirkung vergleichbar“, allerdings teurer und verbrauchen mehr Treibstoff. Außerdem erhöht sich durch die Bodenbearbeitung die Erosionsgefahr.
Was plant die EU?
Die EU-Kommission schlägt eine weitere Zulassung von Glyphosat für zehn Jahre vor. Der Einsatz soll jedoch an Bedingungen geknüpft sein. Landwirte sollen mindestens fünf Meter breite Pufferstreifen einhalten, wenn sie Glyphosat auf ihren Feldern einsetzen. Für die Sikkation, also das gezielte Austrocknen von Pflanzen vor der Ernte, soll Glyphosat verboten werden. Zum Schutz von Tieren sollen die EU-Staaten zudem die Menge und die Häufigkeit für den Einsatz des Pestizids beschränken können, die Entscheidung läge dann beim jeweiligen Mitgliedsstaat.
Die EU-Staaten sollen voraussichtlich kommende Woche über die Zulassung abstimmen, für eine Ablehnung des Kommissionsvorschlags bräuchte es eine qualifizierte Mehrheit. Einzelne Mitgliedsländer stehen dem Mittel höchst kritisch gegenüber. Österreich etwa hatte 2019 ein gänzliches Glyphosat-Verbot beschlossen, das wegen rechtlicher Zweifel aufgrund der geltenden EU-Zulassung jedoch nicht in Kraft gesetzt wurde. Auch Frankreich würde Glyphosat gerne verbieten. In Deutschland wirbt Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) ebenfalls dafür, die Position der Ampel-Regierung ist jedoch unklar.
Wie wird Glyphosat in Deutschland eingesetzt?
Hierzulande ist Glyphosat seit 1974 zugelassen und wird von Landwirten und Gartenbauern intensiv genutzt. Auch im privaten Bereich und in öffentlichen Parkanlagen war der Einsatz des Unkrautvernichters lange Zeit üblich, das wurde jedoch 2021 verboten. Die entsprechende Verordnung setzte auch der Verwendung im landwirtschaftlichen Bereich engere Grenzen. Die Deutsche Bahn setzte Glyphosat lange zur „Vegetationskontrolle“ entlang des Schienennetzes ein. 2019 erklärte der Konzern, künftig darauf zu verzichten. (dpa, lf)
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