Skurriler Trend

Quittung und „blutarmes Wachstum“ für Russlands Wirtschaft: Wichtige Branchen brechen ein

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Nach Jahren der Kriegswirtschaft verliert Russlands Wirtschaft an Schwung. Unter Kremlchef Putin leiden sogar einst erfolgreiche Branchen. Die Aussichten auf Wachstum bleiben düster.

Moskau – Hoffnung stirbt zuletzt, doch im Jahr 2025 sollte sich Kremlchef Wladimir Putin nicht damit trösten. Vor allem, wenn er auf die Wirtschaft im eigenen Land blickt. Entgegen anfänglicher Erwartungen muss Putin mit einer Abwärtsspirale rechnen. Ein Ende des kriegsbedingten Wachstums steht unmittelbar bevor. Sobald die Realität Putin einholt, wird er aus seiner Illusion erwachen – und es ist kein schönes Erwachen.

Ende des Wachstumstrends für Russlands Wirtschaft: Kampf gegen Inflation bleibt

Der Ukraine-Krieg bremst das Wirtschaftswachstum weiter aus. Der IWF rechnet 2025 für Russlands Wirtschaft nur noch mit einem Wachstum von 0,9 Prozent, die russische Zentralbank prognostiziert ein Wachstum zwischen ein bis zwei Prozent. Dass beide Prognosen das Wachstum der russischen Wirtschaft derart herunterstufen, dürfte für nicht nur für Putin selbst, sondern auch für wichtige Branchen beunruhigend sein (der Vorjahreswert für das russische Wirtschaftswachstum betrug 4,1 Prozent).

Gefährlicher Trend in Russlands Wirtschaft: Putin zapft sogar russische Firmen an

„Dieses Jahr wird die Quittung für die Politik der vergangenen zwei, drei Jahre präsentiert“, sagte Oleg Vjugin, ehemaliger Zentralbankvize, Banker und Ökonom, jüngst in einem Interview mit Welt. Selbst wirtschaftliche Lichtblicke sind mit Vorsicht zu genießen: Die russische Zentralbank ging jüngst davon aus, dass der „gegenwärtige Inflationsdruck schneller nachlässt, als bisher prognostiziert.“ Die Zentralbank konnte ihren Leitzins im Juli 2025 seit langem wieder senken auf 18 Prozent, nachdem der Leitzins mehrere Monate bei 21 Prozent gelegen hatte. Doch eine Rettung und Stabilisierung der russischen Wirtschaft bleibt ist lange noch nicht damit erreicht.

„Blutarmes Wachstum“ in der russischen Wirtschaft belasten Zentralbank und wichtige Branchen

„Ein Euphemismus für blutarmes Wachstum“ – so bezeichnete Alexander Kolyandr, Senior Fellow am Center for European Policy Analysis, die Aussagen der russischen Zentralbank über den nachlassenden Inflationsdruck in Russlands Wirtschaft. Die Bekämpfung der hartnäckigen Inflation stellt seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine Herausforderung für die russische Zentralbank dar. Vom Ziel, die Inflation bis 2026 auf vier Prozent einzudämmen, ist die Institution noch weit entfernt.

Leidträger der hohen Inflation und des noch immer hohen Leitzinses sind heimische Firmen. Viele Unternehmen können die hohen Kredite nicht tilgen. Wie verheerend die Folgen sind, hatte CEO Alexey Krapivin bereits am Beispiel der Baubranche deutlich gemacht. Für die Firmen werde es schwieriger, ihre hohen Kreditzinsen zu begleichen. „Jedes Unternehmen spürt ausnahmslos die Auswirkungen teurer Kapitalanlagen“, sagte CEO Krapivin im Gespräch mit dem russischen Medium RBC. Auch Investitionen in Projekte sind durch den Leitzins gefährdet. „Große Infrastrukturprojekte sind kapitalintensiv und dauern Jahre“, sagte er. Der CEO werde selbst eigene Investitionsprogramme verschieben.

Kohleindustrie im freien Fall? Warum das für Russlands Wirtschaft verheerend ist

Auch in der Kohleindustrie gibt es massive Hürden. Die russischen Kohleunternehmen kämpfen mit Verlusten, mehr als einem Viertel der Firmen droht eine Schließung. „Die Produktion von Kohle im Kusbass ist insgesamt unrentabel“, sagte Roman Golovin, Strategiedirektor der Siberian Coal Energy Company (SUEK), Russlands größtem Kohleproduzenten, zur Moscow Times.

Die Kohleindustrie ist nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber, auch für die Energieversorgung spielt sie eine große Rolle. Kohle machte laut der Moscow Times im Jahr 2023 12 bis 13 Prozent der Stromerzeugung aus und spielt in Regionen wie dem Fernen Osten und der Region Kemerowo (Kusbass) in Westsibirien eine überragende Rolle, mit teilweise 50 Prozent oder mehr.

Skurriler Trend in Russlands Wirtschaft – Putin enteignet russische Firmen, Sanktionen schmälern Kriegskasse

Bei den ganzen finanziellen Herausforderungen heimischer Firmen könnte man meinen, dass Putin mehr Investitionen einplant. Es zeichnet sich allerdings ein anderer Trend ab, der Geschäfte in Russland unattraktiv und riskant machen könnte. Der Kreml greift immer häufiger bei der Beschlagnahmung von Firmenvermögen durch. Laut Schätzungen der Kanzlei Nektorov, Saveliev & Partners sind die beschlagnahmten Vermögen seit 2022 auf einen 3,9 Billionen Rubel gestiegen. In den letzten zwölf Monaten habe sich der Gesamtwert der beschlagnahmten Vermögenswerte sogar verdreifacht. Auch Firmen von CEOs mit führenden Positionen in der russischen Politik bleiben laut Bloomberg nicht verschont.

Dem Ökonomen Andrei Jakowlew zufolge will Putin durch die Beschlagnahmung von Firmenvermögen sich eine neue Einnahmequelle schaffen, indem er die betroffenen Firmen später weiterverkauft. So flossen 132 Milliarden Rubel aus Immobilienverkäufen in den russischen Haushalt. Ein Großteil davon stammte aus konfiszierten Vermögen. Ferner dürfte der Enteignungstrend Fragen über Geldprobleme im russischen Haushalt befeuern. Was diese Theorie der finanziellen Schieflage untermauen könnte: Westliche Sanktionen haben Putins Einnahmen geschmälert, indem sie die Geschäfte im Energiesektor stark einschränkten.

Rubriklistenbild: © Dmitri Lovetsky/dpa

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