Gastbeitrag

Harte Regulierung: Warum Start-ups aus der EU einen Vorteil im KI-Rennen haben

Start-ups aus der EU trainieren in dünner Luft: Wie Europas Regulierungseifer zum strategischen Vorteil werden kann. Ein Gastbeitrag von Michael Grupp.

Gehören Sie zu den Finishern des Jungfrau-Marathons in der Schweiz? Nein? Aber waren Sie schon einmal joggen oberhalb der Baumgrenze? Oder sind vielleicht eine Bergwiese hinaufgerannt? Dann kennen Sie das Gefühl: hecheln in dünner Luft, volle Leistung, leere Lunge. Ich habe einmal in La Paz, Bolivien, einen Halbmarathon absolviert – und meine höhengewohnten Mitläufer sehr beneidet.

Warum ich von Sauerstoffarmut erzähle? Weil es sich für viele Gründer, Softwareunternehmerinnen und Innovationsfreudige derzeit genauso anfühlt, in Europa in das Thema Künstliche Intelligenz (KI) einzusteigen. Die Technologie ist faszinierend, aber schon nach den ersten Schritten nimmt uns die Regulierung den Atem. Ich leite ein Softwareunternehmen mit Standorten in New York, London und Frankfurt. Und ich erlebe, wie die erste Frage in den USA oder Asien oft lautet: „Was kann diese neue Technologie alles?“ – während sie in Europa meist lautet: „Dürfen wir das überhaupt?“

Alpenglühen, Blick von Deutschnofen (Südtirol, Italien) auf die Rosengartengruppe, ein Bergmassiv der Dolomiten. Start-ups aus der EU haben durch die strengen Gesetze auch Vorteile.

Ich will hier nicht klagen, sondern: Gerade als Rechtsanwalt sehe ich für den Rechtsmarkt eine Chance. Denn was in vielen Branchen ein Innovationskiller wäre, ist für Jurist:innen vertrautes Terrain. Wo andere über Bürokratie stöhnen, fühlen wir uns zu Hause. Nicht nur, weil Regulatorik uns Arbeit beschert – sondern weil wir darin trainiert sind. Für Jurist:innen und Compliance-Teams könnte Europas Regelungswut zum strategischen Vorteil werden.

Legal-Tech-Boom: Juristische KI-Software ist gefragt wie nie

Kaum zu glauben, aber der Rechtsmarkt erlebt einen Legal-Tech-Boom. Genauer gesagt: einen Boom juristischer KI – Software, die juristische Prozesse unterstützt oder automatisiert. Anwendungen, die juristische Arbeit erleichtern oder ersetzen, sind so gefragt wie nie. 2024 flossen über zwei Milliarden Dollar in Start-ups aus diesem Bereich – fast 80 Prozent aller Legal-Tech-Investitionen. Europäische Unternehmen sind hier gut vertreten.

Warum? Weil technische Lösungen immer so robust sein müssen wie die komplexeste Umgebung, in der sie eingesetzt werden. Und diese ist oft Europa, manchmal sogar Deutschland. Wer es schafft, in Deutschland oder Europa ein regelkonformes und gleichzeitig leistungsfähiges Softwareprodukt zu entwickeln, hat bereits eine gewaltige Hürde genommen. Eine KI, die deutsches Recht versteht und dabei regelkonform arbeitet, ist ein wertvoller Exportschlager. Internationale Lieferverträge sind dagegen fast Kleinkram.

Strenge Regeln in Europa: Gründer müssen von Anfang an komplex denken

Europäische Gründerinnen und Gründer müssen von Anfang an komplex und detailreich denken: Lösungen müssen in allen EU-Staaten funktionieren, sowohl EU- als auch nationale Regeln beachten, oft mehrsprachig sein und lokale Besonderheiten berücksichtigen. Das ist „dünne Luft“ für viele Branchen – im E-Commerce, Banking oder in der Logistik eine echte Belastung, während US-Start-ups oft einen homogenen, regulatorisch laxen Binnenmarkt vorfinden.

Für Anwält:innen ist das anders. Sie kennen die Regeldichte, sie leben davon. Juristische Produkte – analog, digital, manuell oder automatisiert – sind von Natur aus durchdrungen von Vorschriften.

Künstliche Intelligenz: Vorteile im internationalen Wettbewerb

Der internationale Wettbewerb dreht den Spieß um: Anwendungen, die im „regulatorischen Wilden Westen“ entstanden sind, stoßen oft auf Überraschungen, wenn es um Datenschutz oder Berufsrecht geht. Oder sie meiden diese Märkte gleich. Europäische Kunden bleiben deshalb oft skeptisch gegenüber US-Lösungen. Und schon das erste Gespräch mit Datenschutz- oder IT-Sicherheitsteams kann zum Stolperstein werden.

Eine Umfrage des Outsourcing-Dienstleisters Axiom Anfang 2025 zeigt: Zwei Drittel der Rechtsabteilungen in Europa experimentieren mit KI, aber selten im echten Mandatsbetrieb. Und die Branche lernt: Große, horizontale Anwendungen wie ChatGPT sind nett – aber für den juristischen Alltag oft unbrauchbar. Sie halluzinieren Fakten, haften nicht und scheitern an komplexen, datenintensiven Aufgaben.

KI-Tools für Juristen müssen präzise sein

Wer Mandanten Stundensätze von 500 Euro und mehr berechnet, kann sich keine „ungefähre“ Software leisten. Juristische Arbeit lebt von Präzision, Dokumentation und belastbaren Prozessen. Dafür braucht es spezialisierte, datenschutzkonforme Lösungen – keine generischen KI-Tools von der Stange.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Europas Regulierung muss dringend einfacher werden. Die Regelungsberge, so gut gemeint sie sind, nehmen Unternehmern die Luft zum Atmen. Aber für Legal Tech ist das zur Abwechslung ein Vorteil:

Michael Grupp ist Gründer und CEO von BRYTER, einem Anbieter von KI und Automationslösungen für Rechtsabteilungen und Kanzleien.

Vertrauen: Wer Software in der EU entwickelt, muss von Anfang an hohe Hürden nehmen – DSGVO, Produktsicherheit, KI-Gesetze. Schon das Bestehen dieser Prüfungen ist ein Qualitätssiegel.

Frühe Risikokontrolle: Die europäische KI-Gesetzgebung zwingt Unternehmen, Risiken früh zu analysieren und Schutzmaßnahmen einzuplanen. Wer seine Technologie „gepanzert“ entwickelt, ist später besser gerüstet – auch international.

Datenschutz als Verkaufsargument: Wo US-Entwickler stöhnen, haben europäische Legal-Tech-Teams längst Berge erklommen und bieten sichere, regelkonforme Lösungen.

Denn gerade in der Rechtswelt zählen nicht nur Geschwindigkeit, sondern Verlässlichkeit, Integrität – und Haftungssicherheit.

Rubriklistenbild: © Jens Schulze/epd

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