VonAmy Walkerschließen
Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Experten warnen vor einer drohenden Deindustrialisierung und fordern entschiedenes Handeln.
Berlin – Die Alarmglocken läuten in der deutschen Wirtschaft. Sie befindet sich in einer Krise, die durch eine Vielzahl von vernachlässigten Problemen – Energiewende, Bürokratieabbau, Mangel an Fachkräften – verschärft wird. Die aktuelle Bundesregierung trägt nicht die alleinige Verantwortung dafür, doch die wachsende Frustration in der Wirtschaft über die Unfähigkeit der Ampel-Koalition, entschlossen zu handeln, ist unübersehbar.
„Symptome einer Deindustrialisierung“: Die Wirtschaft fordert dringendes Handeln
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Gewerkschaft IG Metall haben die Bundesregierung erneut dazu aufgefordert, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Die Tatsache, dass viele in- und ausländische Unternehmen bei Standort- und Investitionsentscheidungen derzeit gegen Deutschland entscheiden, sind „bedrohliche Symptome einer Deindustrialisierung“, so die gemeinsame Mitteilung. „Die Bundesregierung muss allem voran für konkurrenzfähige Energiekosten sorgen sowie attraktivere Investitionsbedingungen schaffen.“
Daniel Hager, Aufsichtsratschef der Hager Group, teilt diese Sorge. Im Gespräch mit dem Handelsblatt warnt er: „Die Deindustrialisierung findet in der Chemie-, der Stahl und der Autoindustrie bereits statt. Die Langzeiteffekte sind fatal. Es wird Wohlstand verloren gehen. Wenn sich das Land weiter deindustrialisiert, dann wird es zappenduster.“ Unternehmen finden es zunehmend schwierig, in Deutschland zu überleben und zu investieren, was dazu führt, dass sich immer mehr Firmen vom Land abwenden.
„Industriestandort Deutschland ist in Gefahr“: Deutsche müssen mehr arbeiten
In ihrer Mitteilung fordern der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Gewerkschaft zudem einen beschleunigten Ausbau der Infrastruktur auch in ländlichen Gebieten, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren und eine langfristige Rohstoffstrategie. Angesichts des Fachkräftemangels muss die Bildung stärker in den Vordergrund gerückt werden.
„Der Industriestandort Deutschland ist in Gefahr. In anderen Ländern wird auch aufgrund wettbewerbsfähigerer Rahmenbedingungen mehr investiert. Energisches Gegensteuern ist gefragt – sonst drohen eine verheerende Deindustrialisierung, eine weitere gesellschaftliche Spaltung und eine zunehmende Radikalisierung politischer Debatten und Proteste“, so die Mitteilung.
Daniel Hager stimmt dem zu. „Wir müssen mehr arbeiten. Es fehlt eine Leistungskultur hierzulande. [...] Deutschland funktioniert derzeit einfach sehr schlecht.“ Er sieht die gesellschaftliche Spaltung auch deshalb zunehmen, weil die Politik nicht in der Lage ist, eine geeinte Front zu bilden. „Wenn drei Parteien in der Regierung ringen, weiß die Bevölkerung nicht, woran sie ist.“ Er verweist auf die plötzlich gestoppten Förderungen für E-Autos, das Heizungsgesetz, die Debatte um das Bürgergeld und auch die Migrationsdebatte. „Bei den Bürgern ist das Thema Migration und die Furcht vor sozialem Abstieg deutlich größer als die Sorge um Nachhaltigkeit. Das kann der Politik nicht egal sein. Sie kann die grüne Transformation nicht mit der Brechstange vollziehen“, so Hager.
Energie ist die größte Sorge der Wirtschaft: „Der letzte Kanzler, der einen Plan hatte, war Gerhard Schröder“
Das größte Problem, das die deutsche Wirtschaft derzeit hat, ist die Frage nach günstiger Energie. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs und dem Stopp russischer Öl- und Gaslieferungen sind die Energiekosten auf ein nie dagewesenes Niveau gestiegen. Und auch wenn sich die Lage nun gebessert hat: Energie bleibt in Deutschland teuer, vor allem die so gewollte grüne Energie. Dieses Problem zu lösen und damit auch Unternehmen langfristig wieder zu binden, ist die Hauptaufgabe der Politik.
Daniel Hager sieht das jedoch anders. „Der letzte Kanzler, der einen Plan hatte, war Gerhard Schröder. Er wusste, dass er die Industrie hegen und pflegen muss. Er wusste, dass man günstige Energie für die Industrie braucht.“ Er bezieht sich dabei natürlich auf das billige russische Gas: Schröder war derjenige, der den Bau der Pipeline Nord Stream 1 unter der Ostsee in Auftrag gab, gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Russisches Gas wäre wichtig zur Überbrückung gewesen
Hager ist der Meinung, dass man dieses billige russische Gas jetzt weiterhin hätte haben können, um diese Phase der Transformation abzufedern. „Die aktuelle Regierung jedenfalls hat sich dafür entschieden, ein Sanktionspaket auf den Weg zu bringen, das mehr der deutschen als der russischen Wirtschaft schadet“, urteilt Hager. Auch mit der Abschaltung von Atomstrom habe die Bundesregierung seiner Meinung nach eine Gelegenheit verpasst, der deutschen Wirtschaft zu helfen. „Die wichtigste Aufgabe für die Wirtschaftspolitik ist es, verfügbaren, günstigen und grünen Strom bereitzustellen. [...] Was man Deutschland aber anlasten muss, ist, dass wir keinen Plan und kein Ziel haben.“
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) stimmt dieser Einschätzung zu. „Deutsche Unternehmen brauchen international wettbewerbsfähige Energiepreise und sind auf eine sichere Versorgung angewiesen“, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die deutschen Strompreise seien an der Börse noch immer doppelt so hoch wie 2019. Allerdings sind die Preise im Verlauf des vergangenen Jahres gefallen. Zusammen mit Steuern, Netzentgelten und Umlagen seien die Kosten zum Teil sogar viermal so hoch wie in anderen Ländern, sagte Adrian.
Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft lag der durchschnittliche Strompreis für die Industrie bei Neuabschlüssen Anfang 2024 bei 17,65 Cent pro Kilowattstunde, 2019 waren es demnach 18,43 Cent. Etwa ein Drittel davon entfiel damals noch auf die EEG-Umlage, die inzwischen nicht mehr fällig wird. In der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2020 war der Preis auf 43,20 Cent hochgeschnellt.
Unternehmer hält wenig von Ampel-Koalition: „Ich warte auf eine neue Regierung“
Daniel Hager hat jedoch wenig Hoffnung, dass die Ampel-Koalition noch umsteuern wird. „Da kommt nichts mehr. Ich warte jetzt auf eine neue Regierung, auch wenn ich nicht weiß, ob wir dann etwas Besseres bekommen werden“, sagt er. Auch mit Blick auf die größte Oppositionspartei ist er nicht besonders optimistisch: „Meine Kritik an der Politik ist nicht auf die Ampel gemünzt. Selbst in der CDU haben nur wenige, wie Friedrich Merz, bereits in der Wirtschaft gearbeitet.“
Rubriklistenbild: © Imago/dpa/Fotomontage

