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Christiane Benner - IG Metall: „Die Chancen einer grünen Industrie müssen wir nutzen“

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Gerade in der Autoindustrie fürchten viele den Verlust von Arbeitsplätzen durch die ökologische Transformation.
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Die designierte IG-Metall-Chefin Christiane Benner spricht im FR-Interview über den sozial-ökologischen Wandel, die Vier-Tage-Woche und ihre Macht als erste Frau an der Spitze der größten Gewerkschaft.

Frau Benner, beim Gewerkschaftstag der IG Metall im Oktober sollen Sie zur neuen Vorsitzenden der mitgliederstärksten Gewerkschaft der Welt gewählt werden. Zum ersten Mal übernimmt dann eine Frau diese Position. Schon jetzt gibt es einen großen öffentlichen Erwartungsdruck. In den Medien heißt es, Sie seien dann die mächtigste Frau Deutschlands. Wie gehen Sie mit diesen Erwartungen um?

Macht ist ein sehr starkes Wort. Macht haben wir als Gewerkschaft und ich, wenn ich zur Ersten Vorsitzenden gewählt werde, durch unsere vielen Mitglieder. Diesen Einfluss möchte ich bestmöglich nutzen.

Was bedeutet das für die innere Kultur der Gewerkschaft, wenn nun zum ersten Mal eine Frau die Führung übernimmt?

Wir befinden uns als Organisation in einem Kulturwandel. Es hat sich viel geändert in der IG Metall. Sonst würde meine Kandidatur nicht auf so breite Akzeptanz stoßen. Viele unserer Mitglieder, Männer und Frauen gleichermaßen, sagen, dass es Zeit wird, dass eine Frau an die Spitze rückt.

Ihre Wahl kommt ja nach einem Machtkampf hinter den Kulissen zustande. Ursprünglich sollten Sie mit Roman Zitzelsberger, dem mächtigen Bezirkschef der IG Metall in Baden-Württemberg, eine Doppelspitze bilden. Doch dafür gab es im Vorstand keine Mehrheit. Zitzelsberger zog dann seine Kandidatur zurück, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Dafür soll jetzt der bisherige Finanzchef Jürgen Kerner ihr Stellvertreter werden und Nadine Boguslawski aus Baden-Württemberg die neue Finanzchefin.

Ich habe die Doppelspitze gewollt und bedauere, dass sie nicht zustande kommt. Ich habe aber immer gesagt, dass ich auch ohne Doppelspitze für eine kooperative Führung stehe. Ich werde mit Jürgen Kerner und Nadine Boguslawski eng zusammenarbeiten. Der Prozess hin zur neuen Führung war nicht einfach. Aber Abstimmungen und Mehrheiten gehören zur Demokratie. Wichtig ist: Es ist ein gemeinsamer Prozess gewesen.

 Uns geht es um eine ökologische und soziale Transformation.

Christiane Benner

Würden Sie sich selbst eine Linke nennen?

Ich ordne mich, für mich logisch als Gewerkschafterin, links der Mitte ein. Die Themen, die wir als IG Metall jetzt angehen, wie die Vier-Tage-Woche, eine andere, gerechtere Steuerpolitik und den ökologischen Umbau der Wirtschaft würden einige andere sogar linksradikal nennen. Es wird in den nächsten Jahren zu gesellschaftlichen Umbrüchen kommen.

Die Vier-Tage-Woche, für die Sie jetzt kämpfen, wird von ihren Kritiker:innen als unrealistisch und als endgültiger Einstieg in eine Freizeit-Gesellschaft attackiert.

Debatten um die Arbeitszeit hat es immer gegeben. Es gab den Kampf um die 40-Stunden-Woche, dann um die 35-Stunden-Woche. Und immer gilt: Fragen der Arbeitszeit sind auch Machtfragen. Bei jeder Verkürzung der Arbeitszeit wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt. Die Wahrheit ist: Es gibt bei vielen Menschen heute andere Lebensmodelle, die durch die Vier-Tage-Woche realistischer werden. Und für die Industrie wäre sie ein Imagegewinn.

Das Image der Industrie ist ja nicht gut, weil die Zahl der Arbeitsplätze zurückgeht. Glauben Sie, dass mit der Vier-Tage Woche die Industrie für die Menschen wieder attraktiver werden würde?

Ja, unter dem Strich sicherlich. Mit einer Vier-Tage-Woche würden mehr Menschen in Arbeit kommen. Die Arbeitsbelastung würde sinken. Und dieses Arbeitszeit-Modell macht es gerade für Familien einfacher, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren.

Zur Person

Christiane Benner (55) ist seit 2015 Zweite Vorsitzende der IG Metall. Die studierte Soziologin arbeitet seit 1997 für die Gewerkschaft.

Als Vorstand war sie bislang unter anderem für Betriebspolitik, Organisation und Gleichstellung verantwortlich.

Sie ist Mitglied der SPD. jaba

Die große Herausforderung, die Sie als neue Vorsitzende der IG Metall bewältigen müssen, ist die ökologische Transformation der Industrie. Gehen durch diesen Umbau nicht zwangsläufig viele Arbeitsplätze verloren?

Es kommt darauf an. Die demografische Entwicklung begünstigt die Umstrukturierung. Es gibt immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen. Es könnte am Ende ein Nullsummen-Spiel dabei herauskommen. Uns geht es um eine ökologische und soziale Transformation. Dafür müssen wir aber die Aus- und Weiterbildung massiv ausbauen. Wir müssen alle am Gelingen der Transformation arbeiten. Dafür haben wir mit Arbeitsagenturen, Industrie-und Handelskammern, der Wissenschaft, Unternehmen und weiteren Partnern regionale Transformationsnetzwerke etabliert. So können gemeinsam Erfolge erzielt werden. Es ist die Aufgabe von Unternehmen, neue Geschäftsmodelle und auch Produkte zu entwickeln. Die Chancen einer grünen Industrie müssen wir nutzen. Von alleine wird nichts gut.

Ich greife das Stichwort neue Produkte auf. Die deutschen Autobauer sind auf ihrem wichtigsten Markt, in der Volksrepublik China, mit ihren Elektroautos massiv ins Hintertreffen geraten und verlieren stark an Marktanteil.

Ja, das treibt uns um. Jeder vierte Neuwagen in China fährt elektrisch. Die chinesische Regierung forciert E-Mobilität. Aber die Messe ist in China noch nicht komplett gelesen. VW zum Beispiel entwickelt gerade mit großem Nachdruck kleine und preiswerte Elektrofahrzeuge. Zugleich stoßen chinesische Unternehmen teilweise auf Probleme bei Skalierung und Finanzierung. Trotzdem erkennen wir natürlich die Herausforderungen der aktuellen Situation an.

Christiane Benner soll als erste Frau die mitgliederstärkste, deutsche Gewerkschaft anführen.

Der Multi-Milliardär Elon Musk produziert in seinem Werk in Grünheide bei Berlin Elektrofahrzeuge rascher und billiger als die deutsche Konkurrenz. Zugleich bekommt die IG Metall bei den Beschäftigten dort kein Bein auf den Boden.

Na ja, ein paar Beine haben wir dort schon auf dem Boden. Wir haben noch nie ein Automobilwerk fertig mit Betriebsrat, Tarifbindung und organisierten Mitgliedern geliefert bekommen. Sondern wir müssen hart dafür arbeiten und tun das auch erfolgreich. Tesla ist nicht bekannt dafür, das Arbeitsrecht weltweit besonders zu respektieren, da gibt es viele Grenzüberschreitungen. Das kritisieren wir scharf. Die Recherchen zu den sogenannten Tesla Files lassen tief blicken.

Was sind ihre wichtigsten Forderungen an die Bundesregierung und die Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP? Die Ampel tut sich ja gerade sehr schwer bei der ökologischen Transformation.

Eine der wichtigsten Forderungen ist ein niedrigerer Strompreis für die Industrie von fünf Cent pro Kilowattstunde. Wir erwarten, dass die Pläne von Minister Habeck auch finanziert werden. Sonst werden viele energieintensive Industriebetriebe große Probleme haben, nicht nur in unserem Bereich. Investitionen finden dann woanders statt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und Ladestrukturen für E-Autos und Wasserstoff läuft zu langsam. Das Hin und Her beim Heizungseinbau verunsichert. Die Menschen brauchen stattdessen Zuversicht und Klarheit. Und es bereitet uns große Bauchschmerzen, dass 2,64 Millionen Menschen unter 35 Jahren ohne Berufsabschluss dastehen. Es ist eine Schande, dass nur noch jedes fünfte Unternehmen ausbildet. Da machen wir Druck als IG Metall, beispielsweise für eine Ausbildungsumlage, wie sie jetzt in Bremen beschlossen wurde. Unsere Vorschläge wie auch Jugendberufsagenturen liegen auf dem Tisch.

Immer mehr geflüchtete Menschen kommen nach Deutschland und versuchen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Und wir als IG Metall bieten ihnen ein Netzwerk und eine Heimat. Noch gibt es nicht viele Menschen aus der Ukraine unter unseren Mitgliedern. Aber die IG Metall hat über Generationen eine große Integrationsleistung erbracht. Das begann mit der Generation der sogenannten „Gastarbeiter“ in den 60er Jahren und dauert bis heute an. Gegenwärtig haben von unseren 2,2 Millionen Mitgliedern mehr als 500 000 einen Migrationshintergrund. Bei unseren Betriebsrats-Mitgliedern und Vertrauensleuten gilt das für mehr als 30 Prozent.

Sie werden als Vorsitzende der IG Metall viel mehr als bisher in der Öffentlichkeit stehen.

Ich bin auch jetzt als Zweite Vorsitzende durchaus an ein öffentliches Leben gewohnt. Ich werde auch in Zukunft im Vorstand kein Solo hinlegen, sondern möchte mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Arbeit gut aufteilen. Das gehört für mich zu guter Führung dazu. Ich weiß um die besondere Verantwortung von Führungsspitzen, aber ich muss nicht zu allem und jedem etwas sagen. Sondern wir werden gemeinsam wirken. Als kooperative Führung.

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