Erntebeginn

Die dunkle Seite der Erdbeerernte: Mindestlohn und Ausbeutung

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Saisonbeschäftigte pflücken die ersten Erdbeeren im Gewächshaus.

Erdbeeren aus der Region haben ihren Preis und steigen stetig – für die Kundschaft wie auch für die Saisonbeschäftigten, die sie pflücken. Von Mathea Willmann.

Wer Ende April schon regionale Erdbeeren essen will, kann das tun – doch muss dabei tief in die Tasche greifen. Zwischen fünf und sechs Euro kostet die 500-Gramm-Schale aktuell. Neben steigenden Kosten für Energie, Dünger, Verpackung und Logistik liegt das auch am Mindestlohn. Dieser ist im vergangenen Jahr um 41 Cent gestiegen, von 12,41 Euro auf 12,82 Euro. „Viele Landwirte hat das sehr getroffen“, berichtet Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer. Er blickt mit Sorge auf die im Koalitionsvertrag angestrebten 15 Euro. „Der steigende Mindestlohn wirkt sich enorm auf den internationalen Wettbewerb aus“, sagt er. „Ab einem gewissen Preis kaufen Menschen keine deutschen Erdbeeren mehr. Der Markt lagert sich dann in andere Länder aus, wo die Richtlinien zum Arbeitsschutz deutlich schlechter sind als in Deutschland.“ Um dem entgegenzuwirken, schlägt Schumacher vor, Ausnahmen bei der Anstellung von Saisonbeschäftigten zu ermöglichen. Durch kurzfristigere Anstellungsverhältnisse sei das Risiko im Krankheitsfall oder bei schlechtem Wetter Verluste zu machen, geringer. Nur so bleibe die deutsche Erdbeere wettbewerbsfähig.

Bis zu 800 Euro für ein Bett im Mehrbettzimmer

Die Initiative Faire Landarbeit hingegen blickt skeptisch auf Maßnahmen, die trotz gesetzlicher Regelungen zum Mindestlohn den Erdbeerpreis niedrig halten wollen. In ihrem Jahresbericht 2024 „Saisonarbeit in der Landwirtschaft“ beschreibt die Initiative, wie Landwirtinnen und Landwirte den Preis für die Unterkunft vom Mindestlohn abziehen. Gesetzlich ist das zwar erlaubt, doch mit Kosten zwischen monatlich 600 bis 800 Euro für ein Bett im Mehrbettzimmer wirkt sich das massiv auf das Gehalt aus. „Was der Arbeitgeber an Mindestlohn auszahlt, holt er durch Mietkosten wieder zurück“, sagt Kateryna Danilova, Autorin der Studie. Sie ist beim Verein für Wanderarbeiterfragen und Faire Mobilität beschäftigt und koordiniert die Initiative Faire Landarbeit. Das Bündnis gewerkschaftsnaher Beratungsstellen setzt sich dafür ein, die Situation von Saisonbeschäftigten zu verbessern. Neben kostenloser arbeitsrechtlicher Beratung – in der Muttersprache der Beschäftigten – wendet sich die Initiative auch an die Öffentlichkeit, um auf strukturelle Probleme bei der Beschäftigung von Saisonarbeiter:innen hinzuweisen.

Fürs Pflücken gibt es Akkord- statt Stundenlohn

In den meisten Fällen sind die Saisonbeschäftigten, von denen rund 80 Prozent aus Rumänien stammen, nur kurzfristig angestellt. Für die Arbeitgeber hat das zum Vorteil, dass eine Beschäftigung bis zu drei Monaten nicht sozialversicherungspflichtig ist. Außerdem erhalten die Saisonbeschäftigten in der Regel Akkord- und keinen Stundenlohn. Sie werden also nach Ertrag, nicht nach Arbeitszeit bezahlt. Wenn eine Person gesundheitsbedingt langsamer arbeitet oder ganz ausfällt, wird weniger oder gar kein Lohn gezahlt. Auch schließen Arbeitgeber meist private Krankenversicherungen für ihre Beschäftigten ab, die einige Leistungen wie beispielsweise Zahnbehandlungen nicht abdecken. Private Versicherungen, die über den Arbeitgeber laufen, vertiefen zudem das ohnehin schon bestehende Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer. „Viele der Menschen stammen aus prekären Verhältnissen und sind auf das Geld angewiesen“, erklärt Danilova im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Die Frage ist, ob wir diese Vulnerabilität ausnutzen sollten?“

Sexuelle Übergriffe sind keine Einzelfälle

Besonders deutlich werden die Abhängigkeitsverhältnisse mit Blick auf sexuelle Gewalt in der Saisonarbeit. Darauf weist Danilova im Jahresbericht 2024 erstmalig hin. In den bekanntgewordenen Fällen gehen die Übergriffe stets von festangestellten Vorarbeitern aus, die ihre Machtposition gegenüber den nur kurzfristig angestellten Saisonbeschäftigten ausnutzen. Berichten zufolge werden Frauen, die rund 45 Prozent der Saisonbeschäftigten ausmachen, immer wieder zum Sex gezwungen, sei es mit der Drohung auf Kündigung oder dem Versprechen auf erleichterte Arbeitsbedingungen. Genaue Zahlen zu den Übergriffen kann die Initiative Faire Landarbeit nicht nennen, fast nie wenden sich die Betroffenen selbst an eine Beratungsstelle oder gehen den Schritt, Anzeige bei der Polizei zu erheben. Es braucht Informationen anderer Beschäftigter, die von den Übergriffen mitbekommen.

Kateryna Danilova geht von einem großen Dunkelfeld aus. Sexuelle Übergriffe in der Saisonarbeit wertet sie nicht als eine Häufung von Einzelfällen, sondern als strukturelles Problem: Abhängigkeiten, ungeregelte Machtverhältnisse und die räumliche Nähe von Arbeit und Unterkunft seien dabei ausschlaggebend. Danilova und die Initiative Faire Landarbeit fordern deswegen, dass Stellen auf Expertenniveau geschaffen werden, an die Frauen sich wenden können – ohne Scham oder Angst vor den Konsequenzen.

Auch die anderen Missstände in der Saisonarbeit müssten auf struktureller Ebene angegangen werden, so fordert es die Initiative Faire Landarbeit. Unterstützung im Einzelfall – durch Beratungsorganisationen oder Gewerkschaften – sei zwar unabdingbar, vor allem aber brauche es gesetzliche Regelungen, die allgemein sichere Arbeitsverhältnisse garantieren: Kostenlose Unterbringung in geschlechtergetrennten Räumlichkeiten, bessere Krankenversicherungen und geregelte Machtverhältnisse.

Verband: Gute Aussichten für die diesjährige Ernte

Den Erdbeerkauf gänzlich zu boykottieren hält Danilova im Übrigen nicht für die Lösung. Vielmehr empfiehlt sie, die Erdbeeren nach Möglichkeit direkt bei den landwirtschaftlichen Betrieben zu kaufen, so sei mehr Transparenz gegeben. Wer bereit sei, auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen, wirke außerdem dem Konkurrenzdruck der Landwirte um niedrige Preise entgegen – und ermögliche es ihnen damit, fairere Arbeitsbedingungen zu finanzieren.

„Die Aussichten für die diesjährige Erdbeerente sind gut“, sagt Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer. „Nach einem kalten Winter haben die Pflanzen kräftig ausgetrieben, die Fruchtqualität ist jetzt tipptopp.“ Wenn die Erntebedingungen jetzt noch der Qualität der Früchte gleichen, steht dem Erdbeergenuss nichts mehr im Wege.

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