Innenstädte betroffen

Insolvenzen und leere Läden: So leiden deutsche Stadtzentren – „Benko hat die Innenstädte reingerissen“

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Eine Filiale des Juweliers Wempe in bester Lage: in der Einkaufsstraße Königsallee in Düsseldorf. Die Schmuckmarke siedelt ihre Läden in den Innenstädten an.
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Onlinehandel, die Pandemie und jetzt die Insolvenz der Signa Holding: Deutsche Innenstädte stecken in der Krise. Eine Firmenchefin sieht ein Verbot von Lieferdiensten als die Lösung.

Hamburg – Das Ladensterben in deutschen Innenstädten geht weiter. Es begann mit dem Boom des Onlinehandels, dann fegte die Pandemie Läden und Restaurants leer. Eine Marke, die sich in zentralen Lagen vieler Städte findet, ist das Juwelierunternehmen Wempe. Die Firmenchefin Kim-Eva Wempe übt im Gespräch mit Handelsblatt Kritik an Signa Holding-Firmengründer René Benko – und hat auch einen Lösungsvorschlag für die Rettung der Innenstädte parat.

Stadtzentren ohne Perspektive? „René Benko hat Deutschlands Innenstädte ganz schön reingerissen“

Die Zahl der Geschäfte in Deutschland ging seit 2015 von 372.000 auf 311.000 nach unten, wie aus Daten des Handelsverbands Deutschland (HDE) hervorgeht. Das entspricht einem Minus von rund 16 Prozent. Im laufenden Jahr werden weitere 9.000 Geschäfte schließen müssen, so die Prognose. Die Gründe dafür sind vielfältig: der Online-Handel natürlich, doch auch die gesunkene Kaufkraft der Kunden. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Weiterführung der Läden. Besonders Fachhändler abseits des Lebensmittelhandels sind laut HDE vom Ladensterben betroffen. „Ohne erfolgreichen Einzelhandel haben die Stadtzentren kaum Zukunftsperspektiven“, mahnte HDE-Präsident Alexander von Preen.

Die größte Firmeninsolvenz in der Geschichte Österreichs trägt ihr Übriges zur zunehmenden Leere in deutschen Innenstädten bei: Die Pleite der Signa Holding von Firmengründer René Benko traf besonders die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, die zahlreiche Filialen schließen musste. Ins Straucheln geriet zuletzt auch der Sportartikelvertreiber Sportscheck, der im Jahr 2020 von der Signa-Gruppe übernommen worden war. Betroffen sind womöglich weitere Läden in Top-Lagen. „René Benko hat Deutschlands Innenstädte ganz schön reingerissen, denn die großen Objekte lassen sich nur schlecht weitervermieten“, sagte Firmenchefin Kim-Eva Wempe dem Handelsblatt.

Zukunft der Innenstädte in Gefahr – autofreie Bereiche und weniger Parkplätze als Problem?

Prinzipiell glaubt Wempe an die Zukunft der Innenstädte in Deutschland. „Doch Verwaltungen und Politik machen es den Menschen schwieriger, Dinge in den Innenstädten zu erledigen“, meint die 61-Jährige. Was die Innenstädte attraktiver machen sollte, sieht die Firmenchefin nämlich als Problem: „Durch immer mehr autofreie Bereiche und weniger Parkplätze werden die Innenstädte weiter leiden, weil die Kundinnen und Kunden ihre Einkäufe nicht mehr nach Hause transportieren können.“ In Hamburg, wo das Unternehmen seinen Firmensitz hat, werde abseits der Innenstadt ein neues Einkaufszentrum mit bequem zu erreichenden Tiefgaragen gebaut.

Das nehme der Stadt ihr Zentrum. Gleichzeitig sei viel Einzelhandelsfläche in bester Innenstadtlage frei. „Das ist mir ein Rätsel, denn die Menschen werden auf Dauer dann auch aus den Innenstädten wegziehen“, meint Wempe zu Handelsblatt. Tatsächlich stehen viele Läden in Innenstädten mittlerweile leer: Zehn Prozent waren es 2022/2023 laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. „Wenn die Menschen keinen Anlass mehr für einen Innenstadtbesuch haben, dann drohen Geisterstädte“, mahnte auch HDE-Präsident Preen unlängst.

Kim-Eva Wempe, die Geschäftsführerin des Juweliers Wempe, im Jahr 2004 vor einer Filiale in Düsseldorf.

Was deutsche Innenstädte noch retten könnte

Die Zentren brauchen nicht nur Handel, sondern auch Angebote aus der Gastronomie, Medizin sowie anderen Dienstleistungen zum Wohnen und Leben, glauben Experten. Vielfalt ist gefragt, bestätigt auch Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD): „Monokulturen sind anfällig für Krisen. Das gilt nicht nur für die Fichten im Harz, sondern auch für den Immobilienmarkt und die Innenstadtentwicklung“. Die Gastronomie gilt vielen als der Retter der deutschen Innenstädte, so sieht es auch Wempe. Allerdings kommt sie mit einem radikalen Vorschlag: „Man sollte anfangen, Lieferdienste zu verbieten, um Deutschlands Innenstädte zu retten.“

Das sei ein „pragmatischer Vorschlag“, meint die Chefin, deren Unternehmen selbst rund zehn Prozent seines Umsatzes online verdient. HDE-Präsident Preen fordert im Kampf gegen das Ladensterben indes einen jährlichen Gipfel, um die Abstimmung zwischen den zuständigen Ministerien zu verbessern. Gleichzeitig hält der Einzelhandelsfachmann auch eine Gründungsoffensive für nötig. Gründer sollten für maximal 60 Monate einen Zuschuss erhalten, Ansiedlungsmanager könnten Leerstände erfassen und Nachmieter organisieren, so der Vorschlag des HDE-Chefs.

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