VonSteffen Herrmannschließen
Ja, zumindest eine kleine. Doch zehn Jahre nach seiner Einführung arbeiten trotz Mindestlohn immer noch zu viele Menschen im Niedriglohnsektor. Ein Kommentar.
Einer meiner ersten Jobs war an einer Tankstelle. Ich habe die Zeit zwischen Abitur und Studium überbrücken müssen. Frühschicht, Spätschicht. Hin und zurück mit dem Fahrrad, oft durch die Dunkelheit, oft mit kalten Fingern. So richtig warm ist mir auch mit dem Lohn damals nicht geworden. Sechs Euro pro Stunde gab es 2010. Nach einem halben Jahr guter Arbeit war mein Chef zufrieden – und erhöhte den Stundenlohn um 50 Cent.
Unternehmen hatten damals mehr Spielraum bei der Lohngestaltung. Dann kam der Mindestlohn und es geschah – nichts. Zumindest trat keines der Horrorszenarien ein, die Lobbygruppen an die Wände gemalt hatten. Im Gegenteil: Der gesetzliche Mindestlohn ist eine kleine Erfolgsgeschichte. In den zurückliegenden zehn Jahren sind die Löhne von Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, gestiegen. Ihre Gehälter sind heute in vielen Fällen wohl höher, als sie es ohne gesetzliche Untergrenze wären.
Also alles gut? Nein, denn zu viele Menschen arbeiten immer noch für zu wenig Geld. Einige können von ihrer Arbeit alleine nicht leben und müssen mit Bürgergeld aufstocken. Der Niedriglohnsektor ist geschrumpft, aber es gibt ihn noch. Rund 19 Prozent der Arbeitnehmer:innen waren 2021 zu einem Niedriglohn beschäftigt, laut dem arbeitgebernahen IW-Institut wohlgemerkt.
Das könnte ein großes Thema sein. Doch die SPD zieht zwar mit dem Ruf nach einer Mindestlohnerhöhung in den Bundestagswahlkampf, bislang dominieren aber andere Themen die öffentliche Debatte. Abseitige, wenn etwa über Teilzeit-Krankschreibungen für einige Stunden am Tag gestritten wird. Abgegriffene, wie die Klagen über Bürokratie, oder überraschende, wenn Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf vor „erstarkenden rechten und linken Ränder im Parlament“ warnt. Das macht wenig Hoffnung.
