Kampf um den Meeresgrund: Verteidigungsindustrie investiert Milliarden in Unterwassertechnologie
VonLennart Schwenck
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Milliardeninvestitionen fließen in militärische Unterwassertechnologie. Die Verteidigung rüstet gegen neue Bedrohungen auf. Der Kampf um kritische Infrastruktur beginnt.
Washington/London – Die Angriffe auf die Nord-Stream-Pipeline 2022, bei dem vor wenigen Tagen ein mutmaßlicher Akteur in Italien festgenommen wurde, haben ein neues Kapitel der Kriegsführung aufgeschlagen. Plötzlich rückte eine Dimension in den Fokus, die lange vernachlässigt wurde: der Kampf um die Kontrolle des Meeresgrunds. Verteidigungsunternehmen, Meerestechnik-Auftragnehmer und Technologie-Start-ups investieren nun Milliarden in eine neue Schlachtfeld-Dimension.
Kritische Infrastruktur wird zur Zielscheibe: USA und Großbritannien rüsten auf
Unterwasserkabel transportieren laut der US-amerikanischen Federal Communications Commission etwa 99 Prozent des globalen Internetverkehrs. Diese kritische Infrastruktur steht zunehmend im Visier staatlicher Akteure. „Die Störung von Unterwasser-Gaspipelines und Telekommunikationskabeln hat die Aufmerksamkeit der Militärplaner auf den Schutz von Unterwasser-Assets gelenkt, die für moderne Volkswirtschaften entscheidend sind“, beschreibt es die Financial Times.
Die USA haben bereits reagiert: Die Federal Communications Commission verschärfte die Vorschriften für Unterwasserkabel. Auch Großbritanniens jüngste strategische Überprüfung der militärischen Fähigkeiten identifizierte den Schutz der Unterwasserdomäne als Hauptpriorität.
Der Kampf um den Meeresgrund hat begonnen – und die Investitionen zeigen, dass alle großen Mächte verstanden haben: Wer die Tiefen kontrolliert, kontrolliert die Zukunft der globalen Kommunikation und Energieversorgung.
Neue Bedrohungen unter Wasser erfordern drastische Aufrüstung: 50 Milliarden Euro jährliches Wachstum
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Europas größter Schiffbauer Fincantieri erwartet lautFinancial Times, dass der globale Unterwasser-Verteidigungs- und Handelsmarkt um 50 Milliarden Euro pro Jahr wächst. Das italienische staatsgeführte Unternehmen plant, seine Unterwasserabteilung in den nächsten zwei Jahren zu verdoppeln und bis 2027 einen Umsatz von 820 Millionen Euro zu erreichen.
Der globale Unterwasserkriegsführungsmarkt wird laut Fortune Business Insights von 15,68 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 25,63 Milliarden US-Dollar bis 2032 wachsen. Eine Wachstumsrate von 7,3 Prozent jährlich unterstreicht die Dringlichkeit der Aufrüstung. „Wir haben einen Wendepunkt an mehreren Fronten erreicht“, sagte Ian McFarlane, Verkaufsdirektor für Unterwassersysteme bei Thales UK, gegenüber der Financial Times. Fortschritte in der Miniaturisierung von Sensoren und der Entwicklung unbemannter Plattformen revolutionieren die Möglichkeiten. BAE Systems entwickelte zum Beispiel das autonome Unterwasserfahrzeug „Herne“, das laut Dave Quick, Leiter der Unterwasserwaffen bei BAE Systems, „unglaubliche Reichweite und Ausdauer“ bietet. Das modulare System ermöglicht flexible Konfigurationen für verschiedene Missionen.
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Technologische Revolution ermöglicht neue Fähigkeiten: Start-ups drängen mit KI-Lösungen in den Markt
Neue Akteure wie das europäische Start-upHelsing setzen auf künstliche Intelligenz. Das Unternehmen kündigte an, in Plymouth eine Fabrik für KI-gesteuerte autonome Gleiter namens SG-1 Fathom zu errichten. Ein einzelner Operator soll Hunderte dieser Systeme überwachen können – zu nur zehn Prozent der Kosten bemannter U-Boot-Abwehrpatrouillen. Der US-Konkurrent Anduril entwickelte gemeinsam mit britischen Partnern das „Seabed Sentry“-System. Dieses bildet ein Netzwerk kostengünstiger Sensorknoten auf dem Meeresboden und fungiert als „Stolperdraht“ für verdächtige Unterwasseraktivitäten.
Das autonome U-Boot „Manta Ray“ der US Navy ist eines von vielen neuen technologischen Durchbrüchen, die die moderne Kriegsführung unter Wasser revolutionieren. Der von Northrop Grumman entwickelte Tarnkappen-Drohne kann langandauernde Missionen ohne menschliche Intervention durchführen.
„Das Mittelmeer war schon immer von russischen und US-amerikanischen U-Booten bevölkert, jetzt liegt es an uns Europäern, Verantwortung für unsere Unterwasserverteidigung zu übernehmen“, erklärte Fincantieri-CEO Pierroberto Folgiero gegenüber der Financial Times. Seine Warnung ist eindeutig: „Wenn europäische Länder mehr für Verteidigung ausgeben werden, sollten wir besser ausgeben.“
Vorbereitung auf den Krieg unter Wasser: Massive Staatsinvestitionen treiben Entwicklung voran
Die USA investieren laut dem US-Verteidigungsministerium vier Milliarden US-Dollar in die U-Boot-Industriebasis – eine historische Investition in Lieferanten, Personalentwicklung und Infrastrukturerweiterung. Für die Columbia-Klasse-Raketen-U-Boote sind allein 9,9 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Und China plant laut Spherical Insights bis 2034 Investitionen von geschätzten 36,6 Milliarden US-Dollar in atomgetriebene Angriffs- und ballistische U-Boote. Die jährlichen Ausgaben sollen von 2,6 Milliarden US-Dollar 2024 auf 4,3 Milliarden US-Dollar 2034 steigen.
„Es ist eine Umgebung der Extreme“, beschreibt Dave Quick von BAE Systems die Herausforderungen. Die Tiefen, Wasserdrücke und die akustische Umgebung, von der alle Systeme abhängen, sowie die „unvorstellbare Weite“ machen Unterwasseroperationen zu einer der komplexesten militärischen Disziplinen. Die Skalierung der Fähigkeiten steht im Mittelpunkt der Herausforderung.