„Schlechtes Signal“

Reiche als Merz‘ neue Wirtschaftsministerin – Kritik wegen möglicher Interessenkonflikte

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Katherina Reiche, Vorstandschefin der Westenergie, übernimmt die Leitung des Wirtschaftsministeriums. Die Antikorruptionsorganisation LobbyControl schlägt Alarm.

Berlin – Die CDU hat am Montagvormittag (28. April) ihr Personal für die künftige Regierung bekannt gegeben. Fest steht damit auch: Nachdem Carsten Linnemann für den Posten des Wirtschaftsministeriums eine Absage erteilt hat, wird die frühere Staatssekretärin in der Bundesregierung und heutige Energie-Lobbyistin Katherina Reiche (CDU) den Posten der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie übernehmen. Die Personalie stößt auf scharfe Kritik: Die Antikorruptionsorganisiation LobbyControl warnt vor Interessenkonflikten.

Die Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, die CDU-Politikerin Katherina Reiche, wird das Wirtschaftsministerium übernehmen. (Archivfoto)

Minister-Riege für das Merz-Kabinett steht: Katherina Reiche als Habeck-Nachfolgerin fix

Nach dem Linnemann-Rückzug wurden für das Wirtschaftsministerium verschiedene Namen gehandelt, in den vergangenen Tagen verdichteten sich die Gerüchte um die neue Top-Kandidatin. Nun ist es also offiziell. Die Kabinettsliste für die künftige schwarz-rote Bundesregierung steht, sieben Posten werden von der SPD besetzt, drei von CSU-Politikern und Politikerinnen, die Union stellt sieben der siebzehn Minister und Ministerinnen – darunter auch die 51-jährige Katherina Reiche.

Das ist ein klarer Fall eines Interessenkonflikts. Es ist schlechtes Signal, wenn Fragen von Integrität für die neue Bundesregierung offenbar keine Bedeutung haben.

Christina Deckwirth, LobbyControl

Doch die Wahl der derzeitigen Chefin der Eon-Tochter Westenergie AG zur künftigen Wirtschaftsministerin stößt nicht nur auf Wohlwollen: „Frau Reiche wird sich in ihrer neuen Rolle nicht aus Fragen heraushalten können, die Geschäftsinteressen von Westenergie, Eon oder Ingrid Capacity betreffen. Das ist ein klarer Fall eines Interessenkonflikts“, erklärt Christina Deckwirth, Sprecherin von LobbyControl gegenüber IPPEN.MEDIA. Es sei ein „schlechtes Signal, wenn Fragen von Integrität für die neue Bundesregierung offenbar keine Bedeutung haben“. Davon zeuge auch die Leerstelle im Koalitionsvertrag zu Fragen von Transparenz und Integrität.

Was ist ein Interessenkonflikt?

Als „Interessenkonflikt“ für öffentliche Bedienstete definiert die OECD einen „Konflikt zwischen den Amtspflichten und den Privatinteressen eines öffentlichen Bediensteten, bei dem die Interessen, die ein öffentlicher Bediensteter in seiner Eigenschaft als Privatperson hat, die Wahrnehmung seiner Pflichten und Verantwortlichkeiten auf unbillige Weise beeinflussen können“.

Katherina Reiche wird neue Wirtschaftsministerin – Kritik wegen möglicher Interessenkonflikte

Die Brandenburgerin Reiche, die die Nachfolge von Robert Habeck (Grüne) antreten soll, blickt auf eine lange politische Laufbahn zurück. 1992 trat sie in die Junge Union ein, war von 1998 bis 2015 Mitglied des Deutschen Bundestages und galt als enge Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel. In ihrer Zeit als Parlamentarische Staatssekretärin im Umwelt- und Verkehrsministerium sammelte sie umfangreiche Regierungserfahrung.

„Schlechtes Signal“: Reiche übernahm erst letzte Woche Energiekonzern-Aufsichtsratsposten in Schweden

2015 dann wechselte Reiche in die Wirtschaft und wurde Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Seit 2020 ist sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer Tochtergesellschaft von E.ON. Erst am vergangenen Freitag (25. April) meldete das Handelsblatt, dass Reiche auch beim schwedischen Energieunternehmen Ingrid Capacity einen Aufsichtsratposten übernehmen wird.

Deckwirth sagt dazu: „Frau Reiche wird ihr Aufsichtsratmandat bei Ingrid Capacity niederlegen müssen. Das regelt das Bundesministergesetz.“. Dass sie das Mandat angenommen hat, zeige aber, wie eng sie mit Energiekonzernen verbunden sei.

Fast jeder scheitert an diesem Quiz zu Zitaten von Merz und Stromberg: Wer hat‘s gesagt?

Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer hat diesen Satz gesagt (und damit ganz nebenbei das altbekannte „Ramba Zamba“ vermännlicht)?  © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
 Friedrich Merz bei der CDU-Pressekonferenz zum Ergebnis der Bundestagswahl
Klar: Friedrich Merz. „Jetzt darf auch mal Rambo Zambo sein“, sagte er am Sonntagabend, 23. Februar, nach der Bundestagswahl. Dass er dieses Wort so oft benutzt und dafür sogar bejubelt wird, liegt an einem Satire-Song, den Stefan Raab kurz vor der Bundestagswahl veröffentlichte. In ihm kommt das Zitat „Rambo Zambo“ aus früheren Interviews mit dem CDU-Chef vor. Auf Instagram und TikTok wurde der Song millionenfach geklickt. © dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Was ist mit dieser philosophischen Aussage? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst Christoph Maria Herbst beim Pressetermin am Set vom Kinofilm Stromberg
„Humor ist in Deutschland kein gern gesehener Gast!“ Diese Aussage stammt vom eher unbeliebten Bernd Stromberg, Chef in der fiktiven Firma „Capitol Versicherung AG“. Er greift mit Bemerkungen gegenüber seinen Angestellten immer mal wieder daneben. Gespielt wird der grummelige und teils übergriffige Stromberg in der gleichnamigen Pro-Sieben-Serie von Christoph Maria-Herbst.  © Future Image/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Stromberg oder Merz? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Konrad-Adenauer-Haus, Friedrich Merz, CDU
„Ich möchte dem Zeitgeist nicht folgen, ich möchte den Zeitgeist mitbestimmen“, sagte Friedrich Merz im Frühjahr 2021 im Podcast „Die Wochentester“ über die Grünen, die „ganz überwiegend eine Ein-Themen-Partei“ seien und Außenministerin Annalena Baerbock. © Bernd Elmenthaler(IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer hat diesen coolen Spruch aus der Sprüche-Kiste gekramt? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Friedrich Merz CDU
Merz sagte 2021 beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) in Münster über die Union und die damals neue Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP: „Junge Besen kehren gut, aber die alte Bürste kennt die Ecken.“ © NurPhoto/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer schützt Frauen vor sich selbst: Stromberg oder Merz? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Bundestagswahl 2025, CDU Wahlparty
Anscheinend der designierte CDU-Bundeskanzler. „Wir tun damit auch den Frauen keinen Gefallen“, sagte Merz im Oktober 2024 bei n-tv auf die Frage, ob er sein Kabinett als Kanzler hälftig mit Ministerinnen besetzten wolle. „Sehen Sie, das ist so schiefgegangen in der letzten Bundesregierung, mit der Verteidigungsministerin, das war eine so krasse Fehlbesetzung – das sollten wir nicht wiederholen“, sagt er über Christine Lambrecht (SPD). © NurPhoto/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer hat diesen historischen Weitblick?  © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg
Richtig: der gute alte Bernd weiß, dass „Männer einfach zielgerichteter arbeiten“, so „wie damals bei den Jägern und Sammlern“ eben. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Gut, zugegeben: Echte Stromberg-Fans haben es hier leicht... © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Wahlabend bei der CDU Merz
„Wenn ich wirklich ein Frauenproblem hätte, wie manche sagen, dann hätten mir meine Töchter längst die Gelbe Karte gezeigt – und meine Frau hätte mich nicht vor 40 Jahren geheiratet“, sagte Friedrich Merz in einer Parteitagsrede 2021. © photothek/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
So wie bei der Titanic eben... © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg
... findet Bernd Stromberg und gibt zu, dass er bei einem Schiffsunglück als erster von Bord gehen will und kein Interesse an „Gleichberechtigung“ hat. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Besonders zu Wählerinnen? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg
Nein zum Glück nicht. „Einen guten Draht zu Frauen“ hat wohl Bernd Stromberg. (Oder glaubt es zumindest) © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer amüsiert sich hier über Gleichberechtigung in der Meteorologie (und eine ganz bestimmte Frau)? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Wahlabend bei der CDU Merz
Richtig: Friedrich Merz. Er sprach 2020 kurz nach Annegret Kramp-Karrenbauers Rücktritt als CDU-Chefin davon, dass es sicher „reiner Zufall“ sei, dass Tiefdruckgebiete dieses in diesem Jahr „Frauennamen tragen“. © photothek/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Von wem stammt dieser rassistische Satz?  © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Oliver K. Wunk als Ulf Steinke, Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg Bjarne I. Mädel als Ernie
„Leute, die sonst irgendwie ein Manko haben: Türken oder andere Minderheiten, die irgendwas kompensieren müssen“ stammt von Stromberg, erinnert aber an Friedrich Merz Aussagen über „kleine Paschas“, „Sozialtourismus“ von Ukrainern und Asylbewerber, die sich in Deutschland die Zähne machen lassen würden. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer zeigt mit dieser Aussage, dass er NICHT homophob ist? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Berlin, Deutschland, 24.02.2025: Konrad-Adenauer-Haus: Friedrich Merz
„Solange Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal“, soll Friedrich Merz 2001 über den neuen Bürgermeister Berlins und SPD-Politiker Klaus Wowereit gesagt haben, der sich zu der Zeit als homosexuell outete. © dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Zweiter-Weltkrieg-Anspielungen dürfen bei wem nicht fehlen? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg
„Die besten Jahre kommen doch nach 45! War mit Deutschland ja genauso“ – Diese Aussage stammt vom fiktiven Seriencharakter Stromberg. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Mit einem „unpopulärem Kurs“ im Bundestag kennt sich Merz nach der Migrations-Abstimmung mit der AfD aus – aber hat er auch diese Worte gesagt? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg
Nein, das war auch der unbeliebte Chef der Capitol Versicherung AG. „Ich bin kein Schönwetter-Chef. Gerade, wenn’s knüppeldick vom Himmel regnet, musst du als Chef schon mal auf unpopulären Kurs, das ist extremst wichtig. Macht das Spaß? Ne! Ist es notwendig? Absolut!“, sagt er in der Pro-Sieben-Serie. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
„Starker Kanzler. Starkes Deutschland“? Das stand auf den CDU-Wahlplakaten zur Bundestagswahl 2025. Hat Merz also diesen Satz gesagt? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Stromberg
Nein, auch dieser Satz stammt vom selbstverliebten Stromberg, der will, dass sich andere (vor allem Frauen) denken: „Donnerwetter, das ist aber mal einer!“ © Future Image/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Noch nie gehört... © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Bundestagswahl 2025, CDU Wahlparty Merz
Dieses „hippe“ Wort würde wohl auch der Boomer Stromberg nicht kennen. „Was ist Bubatz?”, fragte Merz eine Tagesschau-Reporterin bei einem Interview nach einem TV-Duell zur Bundestagswahl 2025, als sie ihn fragte, ob „Bubatz“ (umgangssprachlich für Cannabis) unter seiner Kanzlerschaft legal bleibe. © Political Moments/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Öhmmm.... © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Oliver K. Wunk als Ulf Steinke, Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg Bjarne I. Mädel als Ernie
Dieses Stromberg-Zitat erinnert irgendwie auch an Politiker wie Donald Trump. © Eventpress/IMAGO
Merz oder Stromberg: Wer hat´s gesagt?
Wer sucht hier nach eine Ausrede: Merz oder Stromberg? © Canva/ BuzzFeed News Deutschland
Merz: Er sagte bei Markus Lanz im November 2021 über eine mögliche Frauenquote, um in der CDU mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen: „Ich bin durchaus dafür, suche aber noch nach besseren Lösungen.“ Eine Quote sei nur eine „Notlösung“, sagte er.
Merz: Er sagte bei Markus Lanz im November 2021 über eine mögliche Frauenquote, um in der CDU mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen: „Ich bin durchaus dafür, suche aber noch nach besseren Lösungen.“ Eine Quote sei nur eine „Notlösung“, sagte er. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Massive Kritik von Lobbycontrol – von der Politik in die Wirtschaft und wieder zurück

Die Berufung von Reiche macht klar: Das neue Wirtschaftsministerium unter Merz wird stark auf Energiepolitik ausgerichtet sein.: „Wir wollen die Energiewende transparent, planbar und pragmatisch zum Erfolg machen“, heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD, Wirtschaft und Verbraucher sollen „zu Mitgestaltern (unter anderem durch Entbürokratisierung, Mieterstrom, Bürgerenergie und Energy Sharing)“ der Energiewende werden.

Die Personalentscheidung zeige jedoch auch, wie notwendig eine Offenlegungspflicht für Unternehmensbeteiligungen von Ministern und Ministerinnen und Staatssekretären sei, so die LobbyControl-Sprecherin: „Gerade angesichts der Bedrohung unserer Demokratie von innen und von außen braucht es klare Regeln für den Umgang mit Interessenkonflikten und unzulässiger Einflussnahme.“

Rubriklistenbild: © Imago/Anja Cord

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