Künstliche Intelligenz

Der KI-Priester des Silicon Valley

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Der 40 Jahre alte Sam Altman gilt als Netzwerker.
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Innerhalb kurzer Zeit ist Sam Altman sehr mächtig geworden. Mit OpenAI treibt er den Wettlauf um die nächste Stufe von Künstlicher Intelligenz an.

Sam Altman hat eine Mission: Er will die Welt verändern, will sie verbessern mit Künstlicher Intelligenz. Und er will die Welt retten – vor der Vernichtung durch ebenjene KI.

Dick aufgetragen? Vielleicht. Aber der 40 Jahre alte Chef von OpenAI kommt aus dem Silicon Valley, einer Welt, in der man stets groß und noch größer denkt – immer hart an der Grenze zum Schwindel. Warum nach Mittelmaß streben? Wieso in Kategorien denken, wenn man die Welt aus den Angeln heben kann?

Paul Graham, ein Mentor Altmans, dessen Start-up-Schmiede Y Combinator viele Weltkonzerne formte, riet seinen Start-ups, nicht zu klein zu denken, „sondern die ‚Millionen‘ auf den Präsentationsfolien ihrer Umsatzprognosen gleich durch ‚Milliarden‘ zu ersetzen“, wie die US-Journalistin Keach Hagey in einer Biografie Sam Altmans schreibt. Think big!

Investments in Künstliche Intelligenz und Kernenergie

Auch Altman hat den Blick ständig auf morgen und übermorgen gerichtet. Und in der Zukunft glänzen für Altman vor allem zwei Begriffe, denen er sein Leben gewidmet hat: Künstliche Intelligenz und billige Kernenergie. „Ich glaube schon lange, dass Energie und Intelligenz die wichtigsten Dinge auf der Welt sind“, wird Altman von Hagey zitiert. „Mir war aber nicht klar, wie eng sie zusammenhängen.“

Dem Unternehmen Helion, das an der Kernfusion forscht, gab Altman deshalb Hunderte Millionen Dollar. Das Ziel: billige, saubere Energie. Die wiederum ist notwendig für die Entwicklung von KI, die extrem energiehungrig ist.

Der OpenAI-Chef investiert aber auch viel Geld in andere „Moonshots“. Wie sein Förderer Peter Thiel glaubt er an große, weltverändernde Projekte, etwa zur Verlängerung des menschlichen Lebens. Und an die Bedeutung der eigenen Rolle in diesem Prozess: Weggefährten beschreiben Altman als Weltverbesserer, als „Messias“ und „Meister der Macht“, als jemanden, der in die Geschichte eingehen will.

Sam Altman wirkt „fast wie ein Priester im Tempel“

Reich geworden ist Altman gleichwohl mit eher langweiligen Investments, zu denen er durch seine Arbeit in der Start-up-Schmiede Y Combinator kam: Airbnb oder dem Zahlungsdienstleister Swipe zum Beispiel.

Die Autorin Hagey hat den Unternehmer und Investor mehrfach getroffen. Als Altman die Journalistin durch die Firmenzentrale von OpenAI in San Francisco führt, wirkt er auf sie „fast wie ein Priester in einem Tempel“. In den grünen Augen ein „intensiver Blick“, den Altman „stets so auf sein Gegenüber richtet, als würde er gerade mit der wichtigsten Person der Welt sprechen“.

Keine echte Nähe zum OpenAI-Chef

Es ist eine Simulation von Nähe, wirklich nahe kommt die Autorin ihrem Gegenüber nicht. Altman bleibt auf Distanz, obwohl Hagey detailliert über Altmans Familie, seine Kindheit und Jugend, das Aufwachsen als homosexueller Jugendlicher im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, das Studium in Stanford und die ersten unternehmerischen Gehversuche schreibt. Später dann OpenAI, die Milliarden und der Ruhm.

Für deutsche Leserinnen und Leser, die sich nur oberflächlich mit dem Silicon Valley beschäftigen, dürften viele der manchmal merkwürdigen Figuren, die die Welt um Sam Altman herum bevölkern, fremd sein. Trotzdem ist es ein spannender Einblick in die Tech-Welt der 2000er und 2010er Jahre: Geld fließt und Geld wird verbrannt, Scheitern und grenzenloser Optimismus.

Kuriose Ideen im Silicon Valley

Grenzenlos ist auch das Denken: Viele Gründerinnen und Tech-Investoren beschäftigen sich beispielsweise mit Ideen des effektiven Altruismus (Wie wird karitatives Verhalten durch Spenden oder Entwicklungshilfe effektiver?) oder des Longtermism (Wie sichert man das langfristige Überleben der Menschheit?). Einige warnen vor der Bedrohung durch eine übermächtige künstliche Intelligenz, die die Menschheit beiläufig vernichten könnte. Anderen geht die Entwicklung einer superintelligenten KI nicht schnell genug, egal wie schwerwiegend die Auswirkungen dieser Technik auch sein mögen.

„Ob wir nun 500 Millionen Dollar pro Jahr verbrennen oder fünf Milliarden oder 50 Milliarden, ist mir wirklich egal.“ 

Sam Altman

Altman selbst warnt immer wieder vor dem apokalyptischen Bedrohungspotenzial von Künstlicher Intelligenz. „Das Risiko einer Vernichtung durch KI zu verringern, sollte eine globale Priorität neben anderen Risiken gesellschaftlichen Ausmaßes sein, wie Pandemien oder Atomkriege“, heißt es etwa in einem Aufruf aus dem Jahr 2023, den er unterzeichnete.

Sam Altman warnt vor den Gefahren der KI

Der OpenAI-Gründer scheint diese Bedenken tatsächlich mit vielen anderen Gründer:innen und Wissenschaftler:innen zu teilen. Hageys Biografie lässt aber auch den Schluss zu, dass Altmans Warnungen vor der Macht der KI ebenso ein Mittel der Kontrolle sind: Indem Altman sich an die Spitze der Bewegung setzt, die KI regulieren will, bestimmt er den Kurs mit.

So machte es Sam Altman bereits Jahre vor dem Erfolg von OpenAI, als sein erstes Start-up Datenschutzprobleme hatte. Loopt war eine App, mit der man gezielt seinen Standort mit anderen Personen teilen konnte. Noch bevor es Kritik gab, lobbyierte er mit seinem Team in der US-Hauptstadt und versuchte, mögliche Bedenkenträger:innen aus der Zivilgesellschaft einzubinden. Der Politik empfahl er, seine Branche zu regulieren – und bot sich selbst als helfenden Partner bei dieser Regulierung an. Das Ziel: Bedenken zerstreuen, bevor sie entstehen. Vorangehen, nicht folgen.

OpenAI-Chef Altman: großer Ehrgeiz, großes Ego

Schon früh soll Altman einen außergewöhnlichen Ehrgeiz und ein „übernatürliches Selbstvertrauen“ gezeigt haben. Damit ist er keine Ausnahme in der Tech-Branche, anders als andere Gründer:innen war Altman aber schon früh geschäfts- und erfolgsorientiert. Er gilt als Netzwerker, zu dem im Silicon Valley viele Fäden führen: „Er kennt einfach alle“, sagen Weggefährtinnen und -gefährten.

Keach Hagey: Sam Altman. Open AI, Künstliche Intelligenz und der Wettlauf um unsere Zeit. Quadriga, Köln 2025. 480 S., 28 Euro.

Nicht immer einfach soll die Zusammenarbeit mit Altman sein. Bei Loopt warfen ihm einige seiner Beschäftigten einen ruppigen Umgang vor. „Er denkt schneller als jeder andere, den ich kenne, und er hat eine Tendenz, Leute nicht mitzunehmen, besonders wenn er glaubt, dass sie ihn aufhalten“, zitiert die Biografin Hagey einen ehemaligen Mitarbeiter.

Aufstand bei OpenAI: Altman muss gehen – und kehrt schnell zurück

2009 versuchte ein Teil der Loopt-Belegschaft, den Rauswurf Altmans zu erzwingen. Die Revolte scheiterte – ähnlich wie bei OpenAI: 2023 trennte sich der Vorstand von Altman mit Verweis auf dessen Kommunikation, die „nicht konsequent offen“ gewesen sei. Auf Druck der Belegschaft und des mächtigen Investors Microsoft gelang Altman innerhalb kurzer Zeit die Rückkehr an die Spitze von OpenAI.

Seither sitzt Altman fest im Sattel des Unternehmens. Einst war es als Non-Profit-Organisation gegründet worden, inzwischen hat es einen gewinnorientierten Teil. Viele Mitstreiter:innen aus den Anfangstagen von OpenAI, denen es vor allem um die Entwicklung einer sicheren KI ging, haben das Unternehmen verlassen. Und Altman? Nach der Lektüre von Hageys Biografie bleibt der Eindruck: Altman befeuert heute das Wettrüsten um KI, das er einst vorgab, verhindern zu wollen.

Wettlauf um die KI: Altmans Wette auf die Zukunft

Künstliche Intelligenz hat die Welt bislang allerdings weder vernichtet noch zu einem Paradies gemacht. Sie verbrennt vor allem Geld: OpenAI wird zwar mit bis zu 300 Milliarden Dollar bewertet und ist damit nach dem Raumfahrtunternehmen SpaceX das zweitteuerste nicht börsennotierte Unternehmen aller Zeiten. Ein Erfolg für Altman, aber Geld verdient das Unternehmen nicht. 2024 fuhr OpenAI nach Recherchen der „New York Times“ einen Verlust von knapp fünf Milliarden Dollar ein. Zwar nutzen nach Unternehmensangaben jede Woche mehr als 500 Millionen Menschen ChatGPT – zumeist aber ohne etwas dafür zu bezahlen, während alleine das Training und der Betrieb der KI-Modelle Milliarden verschlingt.

Sam Altman nimmt das in Kauf, der OpenAI-Chef wettet auf die Zukunft: Ihm geht es um die Entwicklungen einer Artificial General Intelligence, von künstlicher allgemeiner Intelligenz also, die menschliche Fähigkeiten und normale KI weit übertrifft. Auf dem Weg dorthin seien die Kosten zu vernachlässigen, sagte Altman im vergangenen Jahr: „Ob wir nun 500 Millionen Dollar pro Jahr verbrennen oder fünf Milliarden oder 50 Milliarden, ist mir egal, wirklich egal.“

Es ist das ganz große Spiel – think big.

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