- VonNicola de Paolischließen
Europäische Hersteller mieden zunehmend das Kleinstwagen-Segment. Chinesische Marken entdeckten diese Lücke. Das nötigt die Europäer nun zur Neuausrichtung.
Berlin – Kleinstwagen waren bis vor kurzem bei den Herstellern wenig angesagt, doch nun feiert das Segment ein Comeback, und in der Branche setzt ein Umdenken ein. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Erfolg der chinesischen Autobauer, die sich mit kleinen und kostengünstigen Modellen an die weltweite Spitze der Autoindustrie gesetzt haben. Chinesische Hersteller wie BYD wittern in dem von führenden europäischen Autobauern vernachlässigten Segment gute Gewinnchancen.
„Von europäischen Herstellern gibt es quasi kein Angebot im A Segment (Kleinstwagen wie der Toyota Aygo), das ist natürlich eine Chance für die chinesischen Hersteller“, sagte Martin Benecke, Associated Director bei S&P Gobal, der Automobilwoche. „Konzerne wie BYD können die Kosten für kleinere Elektroautos besser darstellen, da sie günstigere Batterien produzieren können als die europäischen Hersteller.“
Kleinstwagen aus China: Günstige Preise als Kampfansage
Ende Mai präsentierte BYD den Dolphin Surf und hat mit dem Modell ehrgeizige Pläne. Es kostet weniger als 20.000 Euro und soll mit diesem Preis ganz neue Käufergruppen erschließen und dafür sorgen, dass tausende neue Kunden mit der Marke BYD in Kontakt kommen. Einige Monate zuvor war Leapmotor mit dem T03 in Deutschland gestartet. Mit seinem günstigen Preis ist der Wagen eine Kampfansage an die Konkurrenz.
Die Nachfrage im Kleinstwagensegment ist noch immer vorhanden, allerdings hatten sich viele Hersteller aus Kostengründen daraus verabschiedet: Der Kostendruck und fallende Margen vor dem Hintergrund der von der EU geforderten Sicherheitstechnik waren ein Grund. Immer strengere Emissionsgrenzwerte machten das Segment zuletzt wenig attraktiv für Hersteller. Als Folge schrumpfte das Angebot deutlich, die Zahl der Modelle halbierte sich. Das wiederum führte zu steigenden Preisen. Kostete ein Kleinstwagen im Jahr 2019 noch rund 12.750 Euro, waren dafür vier Jahre später schon rund 18.400 Euro zu zahlen, rechnet die Automobilwoche vor.
Bei europäischen Autobauern setzt ein Umdenken ein – und die Rückkehr zu Kleinstwagen
Wirkliche Schnäppchen seien in der kleinsten Autoklasse nicht mehr auszumachen, meldete auch der ADAC. Heftige Preiserhöhungen hätten in den letzten Jahren auch bei den Kleinsten der Kleinen die Kaufpreise und damit auch die Gesamtkosten nach oben getrieben: „Gab es vor nicht allzu langer Zeit noch Autos für unter 10.000 Euro, wird man heute selbst unter der 15.000-Euro-Grenze nicht mehr fündig.“
Inzwischen hat bei manchen europäischen Herstellern allerdings ein Umdenken eingesetzt, sagte S&P-Manager Benecke: „Jetzt rudern die Hersteller langsam wieder zurück.“ Volkswagen geht mit den Modellen ID.2 und ID.1 an den Start, und Renault arbeitet an der Rückkehr des elektrischen Twingo.
Der Hauptmarkt für Kleinstwagen liegt nicht mehr in Deutschland
Doch ob die Kleinstwagen zu einstiger Beliebtheit zurückkehren, ist unklar. Die Zahl der Zulassungen ist in Deutschland laut Kraftfahrtbundesamt deutlich rückläufig, denn die Ansprüche der Kundschaft sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Anders sieht es auf den südeuropäischen Märkten wie beispielsweise Italien oder Spanien, sowie in Osteuropa aus. Dort werden dem Segment deutlich bessere Marktchancen vorausgesagt.
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