Kampf gegen Klimawandel

Klimakiller Beton: Wie der Bausektor klimaneutral werden könnte

+
Beton ist ein klimaschädliches Baumaterial. (Symbolbild)
  • schließen

Deutschland braucht mehr Wohnungen – doch die Baubranche stößt viele Treibhausgase aus, die den Klimawandel befeuern. Ein Bericht zeigt, wie die Branche bis 2050 weltweit klimaneutral werden könnte.

Berlin –  400.000 neue Wohnungen sollen jedes Jahr in Deutschland gebaut werden – doch von diesem Ziel ist unser Land weit entfernt. Die Baubranche steckt in der Krise, gestiegene Zinsen und Materialkosten setzen ihr stark zu. Gleichzeitig soll die Branche aber fit für die Zukunft gemacht – und klimafreundlicher werden. Daran arbeitet momentan nicht nur die Bundesregierung – auch ein Bericht der Vereinten Nationen entwirft eine Vision, wie die Baubranche klimaneutral werden könnte.

Bausektor insgesamt für 37 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich

Derzeit sei der Bausektor insgesamt für 37 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich, beschreibt der im September veröffentlichte Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP) und des Zentrums für Ökosysteme und Architektur (CEA) der US-Universität Yale.

In dem Bericht geht es darum, wie der Bausektor bis 2050 weltweit klimaneutral werden kann. Möglich sei dies, wenn Material gespart, Baustoffe wie Beton und Stahl klimafreundlicher hergestellt und zudem mehr nachwachsende Rohstoffe genutzt würden.

Experten: Holz statt Beton, Bestand statt Neubau

Das Problem: Wenn man von Deutschland absieht, entstehen momentan weltweit so viele neue Gebäude, dass rechnerisch alle fünf Tage eine Stadt von der Größe der französischen Hauptstadt Paris hinzukommt. Bis 2060 soll sich die Bodenfläche ebenso wie die Verwendung von Rohstoffen nach Schätzungen so gut wie verdoppeln.

„Bis vor Kurzem wurden die meisten Gebäude aus lokal gewonnener Erde, Stein, Holz und Bambus gebaut. Doch moderne Materialien wie Beton und Stahl vermitteln oft nur die Illusion von Dauerhaftigkeit, landen größtenteils auf Mülldeponien und tragen zur wachsenden Klimakrise bei“, erklärte die Direktorin der UNEP-Abteilung Industrie und Wirtschaft, Sheila Aggarwal-Khan. „Netto-Null-Emissionen im Baugewerbe sind bis 2050 erreichbar, wenn die Regierungen die richtigen politischen Maßnahmen, Anreize und Vorschriften schaffen, um die Branche zum Handeln zu bewegen.“

Der Ansatz der Experten sieht vor, Neubauten möglichst zu vermeiden und die Wiederverwendung von Bausubstanzen zu fördern, biologische Rohstoffe wie Nutzholz, Bambus und Biomasse aus nachhaltiger Herkunft zu nutzen und Baustoffe wie Beton, Stahl oder Glas klimafreundlicher zu produzieren, etwa durch den Gebrauch erneuerbarer Energien bei der Herstellung sowie durch Recycling und innovative Technologien.

Industrieländer sollten stärker auf die Umnutzung bestehender Gebäude und Wiederverwendung statt auf Abriss und Neubau setzen. Schon vor dem Bau könne geplant werden, wie sich ein Gebäude wieder auseinandernehmen und die Elemente anschließend weiterverwenden ließen.

Beton, Stahl und Aluminium für fast ein Viertel der Treibhausgasemissionen verantwortlich

Würden gar Baumaterialien genutzt, die selbst Kohlendioxid speicherten, könnten Gebäude demnach in Zukunft sogar CO₂-negativ werden – also rechnerisch in ihrer Entstehung insgesamt mehr Treibhausgase einsparen als ausstoßen. Auch Holz und Bambus hätten bereits einen deutlichen Effekt, da sie im Laufe ihres Wachstums Kohlendioxid zu Biomasse umwandelten und damit selbst CO₂-Speicher seien.

Die Nutzung von Biomaterialien wie Holz und Bambus und landwirtschaftlichen Nebenprodukten sei möglicherweise „unsere beste Hoffnung auf eine radikale Dekarbonisierung“, meinen die Autoren. Die Verlagerung hin zu biobasierten Baustoffen könne zu Einsparungen in diesem Sektor von bis zu 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes bis 2050 in vielen Regionen führen, selbst im Vergleich zu Einsparungen durch eine emissionsarme Herstellung von Beton und Stahl.

Allein die drei Materialien Beton, Stahl und Aluminium seien für fast ein Viertel (23 Prozent) der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Betongebrauch habe sich in den vergangenen 65 Jahren verzehnfacht, heißt es weiter. Im Jahr 2020 wurden weltweit 4,3 Milliarden Tonnen Zement produziert, dem wichtigsten Bestandteil von Beton.

Zementherstellung in Deutschland: Wann kommt CO₂-neutraler Beton?

Auch in Deutschland fallen durch die Herstellung von Zement jedes Jahr etwa 20 Millionen Tonnen CO₂ an, berichtet ARD alpha. Das macht Beton zu einem echten Klimakiller. Aber es wird auch hierzulande an Lösungen gearbeitet. Dazu gehört beispielsweise das Projekt „Carbon Capture and Storage“ (CSS), mit dem der Zementhersteller HeidelbergCement bis 2050 einen CO₂-neutralen Beton anbieten will.

Mit der CSS-Technologie soll das CO₂, das bei der Herstellung von Zement entsteht, erst durch eine Flüssigkeit gebunden und anschließend wieder getrennt werden. So könnten laut Peter Lukas, Ingenieur bei HeidelbergCement, 99,9 Prozent des CO₂ aus den bei der Verbrennung entstandenen Abgasen „herausgenommen“ werden, berichtet ARD alpha. Allerdings sei für diese Technik ein starker Energieverbrauch notwendig.

Auch die Regierung will das Bauen klimafreundlicher machen und hatte zusätzliche Klimavorgaben für die Baubranche geplant – verzichtet aber nun wegen der großen Baukrise und der Wohnungsnot in Deutschland darauf, diese einzufordern.

Stattdessen erließ die Ampel eine Reihe von Maßnahmen, um unter anderem klimafreundliches Wohnen zu begünstigen, wie etwa das Förderprogramm „Jung kauft Alt“, bei dem Familien finanzielle Unterstützung beim Kauf von Bestandsimmobilien erhalten, statt in Neubau zu investieren. Der Umbau des Bausektors zu mehr Klimafreundlichkeit steckt hierzulande also noch in den Kinderschuhen – und auch weltweit ist noch viel zu tun. Doch der UN-Bericht und neue Projekte zeigen: es wäre möglich.

Kommentare